19-Jähriger Flüchtling aus dem Irak ist berührt von der Gastfreundschaft

„Dieses besondere Gefühl, in Sicherheit zu sein“

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Ilse Fischer-Töhl (73), eine von vielen ehrenamtlichen Helferinnen aus der Hasenheide, hat Awsam Ghalib (19) zur Verdener Aller.-Zeitung begleitet.

Hohenaverbergen - Awsam Ghalib muss etwas loswerden, was ihm auf dem Herzen liegt. Der 19-Jährige möchte „Danke“ sagen. Awsam ist vergangenes Jahr aus seiner Heimat, dem Irak geflüchtet. Seine Eltern und drei seiner Brüder sind noch dort.

In einem Land, in dem Anschläge und Selbstmordattentate zum Alltag gehören. In dem es eine entscheidende Rolle spielt, welcher Religion man angehört, in dem die Bedrohung durch den Islamischen Staat sehr real ist. „Irgendwann hatte ich Angst, aus dem Haus zu gehen“, berichtet der junge Mann.

Er habe den Irak verlassen, ohne eine konkrete Vorstellung gehabt zu haben, wo es hingehen soll für ihn. „Über Deutschland wusste ich nicht viel. Ich wollte nur weg“, erzählt er. Zuerst wurde er in eine Einrichtung nach Braunschweig gebracht, und von dort aus ging es nur wenige Wochen später in die Hasenheide nach Hohenaverbergen, mit mehr als 30 anderen Männern aus dem Irak. „Die erste Nacht dort war schlimm“, berichtet Awsam. Keiner habe damit gerechnet, dass die neue Unterkunft so weit weg von allem liege, mitten im Wald. „Ich konnte nicht einschlafen“, sagt Awsam.

Auch für die Anwohner der Hasenheide, für die Bürger aus Nedden- und Hohenaverbergen, war es erst einmal ungewohnt, so viele Fremde in ihrer Nachbarschaft zu haben. „Klar herrschte anfangs eine gewisse Unsicherheit“, berichtet Ilse Fischer-Töhl, die Awsam zu seinem Termin bei der Verdener-Aller-Zeitung begleitet hat.

Die 73-Jährige lebt seit vielen Jahren An der Fuchsfarm, gegenüber der Hasenheide. „Eines Tages kam Birgit Söhn, die Ortsvorsteherin von Hohenaverbergen, zu uns nach Hause. Und sie erklärte uns, wie das laufen soll mit den Flüchtlingen.“ Und auch, dass es gut wäre, wenn die Nachbarn ehrenamtlich bei der Eingewöhnung helfen würden. Und so kam es dann auch. „Wir haben anfangs zum Beispiel einfache Spiele mit den Irakern gespielt. Memory, Jenga, sowas eben“, so Fischer-Töhl. Ein Sprachcafé sei in der Flüchtlingsunterkunft gegründet worden.

„Als ob wir eine Familie sind, und noch besser“

Für Awsam und seine Mitbewohner hatte das Engagement der Nachbarn eine besondere Bedeutung. Natürlich seien die Iraker dankbar für die vielfältige Hilfe gewesen, für die Fahrten nach Verden, für die Unterstützung bei behördlichen Angelegenheiten, für Sachspenden und den Sprachunterricht. Aber das Wichtigste, so Awsam, sei etwas anderes gewesen, etwas, was man nicht so einfach mit Worten beschreiben könne. Vor allem, wenn man noch nicht so gut Deutsch spricht. „Dieses Gefühl, das die Menschen uns gegeben haben. Dieses besondere Gefühl, in Sicherheit zu sein.“

Als vor einigen Wochen der Auszug der Flüchtlinge aus der Hasenheide anstand, wollte Awsam seine Gedanken äußern. Bei der großen Abschiedsfeier, zu der auch alle Ehrenamtlichen gekommen waren, hielt er eine Dankesrede auf Arabisch, die er mittlerweile auch ins Deutsche übersetzt hat. „Das deutsche Volk hat uns empfangen, ohne Unterschiede zu machen, welcher Religion, welcher Nation, welcher Überzeugung wir angehören“, heißt es darin. „Keiner zwingt uns, zu einer anderen Religion zu konvertieren. Die Menschlichkeit war die Religion aller.“ Man sei in der Hasenheide so behandelt worden, „als ob wir eine Familie sind, und noch besser.“ Das habe ihm und seinen Mitbewohnern, die teilweise noch jünger sind als Awsam, und die ihre Familien sehr vermissen, viel bedeutet.

„Die Flüchtlinge sind teilweise so alt wie meine Enkel“, erzählt Ilse Fischer-Töhl. „Wenn ich mir vorstelle, wie es wäre, wenn sie weit weg von zuhause wären, in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht verstehen – da wird mir ganz anders.“

Viele der Hasenheide-Flüchtlinge sind mittlerweile in einer anderen Gruppenunterkunft untergebracht worden, im Landhaus Badenhoop. Nicht so Awsam. Er hat das Glück, dass ein Luttumer Ehepaar, dessen eigener Sohn studiert, ihn aufgenommen hat. Der Vater helfe Awsam dabei, sich beruflich zu orientieren. Derzeit geht der Iraker jeden Tag zum Sprachunterricht in die BBS und lernt dort auch den Umgang mit Metall. Ganz sicher ist er sich noch nicht, was er später einmal machen will. Aber in seinem Dank an die Helfer macht er deutlich: „Wir versprechen, auch unser Bestes zu tun, um Ihre Erwartungen und Ihre Hoffnungen zu erfüllen. Und wir hoffen, dass wir irgendwann etwas zurückgeben können.“

rei

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