Wilhelm Hogrefe aus Luttum sichtet die Feldpost seines Vaters aus dem Winter 1945

Der letzte Brief, den seine Mutter las

„Meine liebe, gute Mutter“: Dieses
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„Meine liebe, gute Mutter“: Dieses

Kirchlinteln – Im Nachlass seiner verstorbenen Mutter fand Wilhelm Hogrefe vor einigen Jahren über 200 Feldpostbriefe und weitere Dokumente über seinen Vater und dessen Bruder aus der Zeit von 1937 bis 1945. „Jetzt in der ruhigen Zeit fand ich die Muße, die Dokumente zu ordnen“, berichtet der Luttumer. „Besonders die Briefe meines Vaters vom Spätherbst 1944 bis zu seiner Gefangennahme im März 45 enthalten sehr zu Herzen gehende Zeilen.“

Das Jahresende 1944 war für die Menschen in Ostpreußen, Westpreußen, Pommern und Schlesien die letzte Ruhe vor dem großen Sturm. Russische Truppen standen in einer überwältigenden Stärke an der Weichsel. In der zweiten Januarwoche 1945 begann die Offensive der sowjetischen Großeinheiten. Die deutschen Einheiten waren dem Ansturm nicht gewachsen. Bereits vier Wochen später hatte die Rote Armee die Oder erreicht. Im nördlichen Westpreußen, südlich von Danzig, gab es heftige Kämpfe. Hier war auch der Gefreite Hermann Hogrefe eingesetzt. Er war Funker in einer Artillerieeinheit. Obwohl noch keine 21 Jahre alt, hatte er bereits reichlich Fronterfahrung. Seit dem Spätherbst 1942 war er Wehrmachtssoldat an der Ostfront. Er hatte die völlige Vernichtung der Heeresgruppe Mitte überlebt.

Sein älterer Bruder Heinrich ist vermutlich im Februar 1943 südlich von Stalingrad getötet worden. Offiziell galt er als vermisst. Hermann Hogrefe war nunmehr der einzige Sohn der Witwe Sophie Hogrefe, die in Groß Heins mit der Hilfe eines französischen Kriegsgefangenen den kleinen Hof bewirtschaftete.

Mit Datum vom 14. Februar 1945 schrieb Hermann Hogrefe: „Meine liebe, liebe Mutter!

Daß Du viel an mich denkst, glaube ich Dir. Genau wie ich immer an Dich denke. Einem könnte gewiß bange werden vor dieser Zukunft. Jeder fragt sich: Werden wir es überhaupt noch einmal schaffen? Und doch hofft jeder mit heißem Herzen, daß der Krieg gut für uns ausgehen möge. Daß wir einmal wieder nach Hause kommen und Euch Müttern Freude machen können. Daß wir deren Sorgen dann mit übernehmen können, die hier gefallen sind.

Ich möchte heute gerne einmal wissen, ob mein bester Freund Willi noch lebt und wieder gesund wird, oder ob der Bauchschuß sein Tod geworden ist. Er war auch der einzige Sohn und seine Mutter allein zu Hause. Sein Vater war beim Volkssturm. Und zu Hause in Schlesien sind bald die Russen. So schwer haben es viele Mütter.

So wie seine Mutter einst Schmerzen für ihn aushielt, so hält er sie heute für seine Mutter aus, damit sie und die Heimat vor dem Krieg bewahrt bleiben. Und so, wie Du einst Dein Leben aufs Spiel gesetzt hast, damit ich geboren wurde, so will ich heute bereit sein, das meine für Deines zu geben. Wenn es nun von uns gefordert wird, wenn das Schicksal es verlangt, darfst Du deshalb nicht verzagen. Es ist mit uns Menschen doch nur ein großes Kommen und Gehen. Nur, daß es bei dem einen sehr früh sein muß und bei dem anderen erst spät…“

In einem weiteren Brief vom 27. Februar 1945 findet sich der folgende Absatz:

„Für die Russen scheint es dieses Mal keinen Halt mehr zu geben. So fügen wir uns in das Unvermeidliche und stehen dort unseren Mann, wo es die Stunde von uns verlangt. Euch in der Heimat wünschen wir Kraft und Zuversicht. Es wird in den nächsten Wochen Frühling werden. Und doch freut man sich kaum noch auf dieses Erwachen der Natur. Wohl noch keinen Frühling dieser sechs Kriegsjahre haben wir mit so traurigen Aussichten begonnen.“

Einen Monat später kam Hermann Hogrefe in russische Kriegsgefangenschaft. Erst im Frühjahr 1948 wurde er schwer krank entlassen. Seine Mutter lebte nicht mehr. Sie ist am 9. Mai 1945, vermutlich vor lauter Gram, im Alter von nur 53 Jahren gestorben. Da sie seit acht Wochen keinen Feldpostbrief mehr erhalten hatte, nahm sie an, dass auch ihr zweiter Sohn nicht mehr am Leben sei.

Überlebt hat trotz schwerer Verwundung Willi, der junge Mann, nach dem sich Hermann in einem seiner Briefe erkundigt, weiß sein Sohn Wilhelm Hogrefe. „Es handelt sich dabei um Willi Grafelmann aus dem Landkreis Rotenburg. Ich weiß, dass mein Vater ihn in den 50er-Jahren besuchte.“

Hermann Hogrefe starb 1956 im Alter von 32 Jahren auf seinem Hof in Luttum in Folge eines Unfalls an der Kreissäge.

Hermann Hogrefe schrieb seiner Mutter in Groß Heins bewegende Zeilen. Als er aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, war sie bereits gestorben. Sie war wohl davon ausgegangen, dass auch ihr zweiter Sohn gefallen war.

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