Feuchtgebiet fällt trocken / Auswirkungen auf das Klima / Vom See ist nichts mehr zu sehen

Das Moor verschwindet

So schön sah der große Moorsee bis vor zwei Jahren aus.
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So schön sah der große Moorsee bis vor zwei Jahren aus.

Verdenermoor – Der Fußmarsch führt durch unwegsames Gelände. Es ist anstrengend, der Boden gibt unter den Füßen nach und die letzten Meter führen über eine Lichtung mit kniehohen Kieferschösslingen und Pfeifengras. Dann endlich, das Ziel ist erreicht. Gustav Schindler vom Nabu und Antje Mahnke-Ritoff von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises besteigen noch eine Anhöhe und dann ist es soweit. „Ja, schauen Sie. Da ist er, unser großer Moorsee.“ Der Blick fällt auf eine Senke, in der sich Gras im Wind bewegt. Einige Baumstümpfe ragen aus dem Boden. Wasser? Fehlanzeige. „Ich arbeite jetzt seit 30 Jahren beim Landkreis. Ich habe noch nie erlebt, dass dieses Gewässer trocken gefallen ist“, sagt Mahnke-Ritoff. Die Diplom-Biologin lässt den Blick schweifen. „Das ist dramatisch“, sagt sie ernst.

Die beiden Naturschutzexperten haben zu diesem Spaziergang eingeladen, weil sie begreifbar machen wollen, was derzeit im Verdener Moor vor sich geht. Um es kurz zu machen: Es trocknet aus. Trotz jahrzehntelanger Arbeit und leidenschaftlichen Engagements für den Erhalt dieses einzigartigen, circa 90 Hektar großen Gebietes.

Beim Marsch um den ehemaligen See erklären Schindler und Mahnke-Ritoff die Hintergründe. „Sehen Sie, hier kann man gut erkennen, wo Torf gestochen wurde“, sagt Schindler und weist auf quadratische Spuren im Boden. Durch den Torfabbau sei auch der See entstanden. Diese Form der Bewirtschaftung habe den Lebensraum stark verändert. Durch die Austrocknung sei das Moor großflächig verbuscht, teilweise seien sogar kleine Waldstücke entstanden. „Wir kämpfen gemeinsam mit dem Nabu seit Jahrzehnten dagegen an“, so Mahnke-Ritoff. So beauftrage der Landkreis regelmäßig einen Schäfer, dessen Tiere den unerwünschten Bewuchs effektiv abgrasten. Entkusselungsmaßnahmen der örtlichen Naturschützer hätten ebenfalls dazu beigetragen, dass sich das Moor regeneriere. „Sehen Sie, hier wächst sogar wieder Glockenheide“, sagt die Landkreis-Mitarbeiterin und weist auf eine Fläche, auf der vereinzelt pinke Blüten leuchten. „Und dort, Becherflechten.“ Seltsame hellgrüne Gewächse in ungewöhnlichen Formen wuchern auf dem feuchten Boden. „Wir sind eigentlich sehr stolz auf das, was wir hier geschafft haben“, sagt Mahnke-Ritoff. Dabei schwingt die Sorge mit, dass alles umsonst gewesen sein könnte.

Der fehlende Regen der vergangenen Jahre sei das größte Problem. Weil das Moor nur Ab- aber keine Zuflüsse habe, sei das Gebiet auf Niederschläge dringend angewiesen. In den vergangenen zwei, drei Jahren sei die Lage zunehmend dramatisch geworden. Problematisch seien nicht nur die trockenen Sommer, besonders der Umstand, dass es auch im Winterhalbjahr zu wenige Niederschläge gebe, lasse die Situation dramatisch werden.

Eine Wiedervernässung des Moores – das sei schon lange das ganz große Ziel, doch der Weg dahin mühsam und zeitaufwendig. „Das ist ein Jahrtausendprojekt“, macht Schindler deutlich. „Wir werden das beide nicht mehr erleben, dass das Moor wieder in seinem ursprünglichen Zustand kommt.“ Und angesichts der aktuellen Lage scheint es umso unwahrscheinlicher, dass dies überhaupt gelingt.

Dennoch habe es in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen zur Wiedervernässung gegeben. „Wir versuchen quasi, den Stöpsel wieder reinzustecken“, sagt Mahnke-Ritoff. Die zahlreichen tiefen Gräben, die durch das Gelände verlaufen, sollen in Zusammenarbeit mit den Flächeneigentümern und dem Trinkwasserverband, der im Bereich des Verdener Moores Wasser fördert, sukzessive geschlossen werden. „Im Idealfall finden wir Lösungen, wie wir die Zu- und Abflüsse bedarfsgerecht regulieren können“, so Schindler. „Wir müssen Wege finden, das Wasser zu halten. Wassermanagement wird in den kommenden Jahren ein großes Thema werden“, ist Mahnke-Ritoff überzeugt. „Das betrifft nicht nur den Naturschutz, sondern auch zunehmend die Landwirtschaft.“

Wenn das Moor verschwindet, gehe nicht nur ein wertvoller Lebensraum für zahlreiche gefährdete Tierarten, wie Kreuzotter, Schlingnatter und Moorlibellen verloren. „Dass die Moore trocken fallen, hat einen erheblichen Einfluss auf das Klima“, sagt Mahnke-Ritoff. Gemeinsam mit dem Nabu-Vorsitzenden erklärt sie die zugrunde liegenden Zusammenhänge: Die im Moor lebenden Pflanzen nähmen Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf. Aus den abgestorbenen Pflanzen entstehe dann Torf, in dem Kohlenstoff eingelagert werde. In natürlichen Mooren entstünden jedoch auch Treibhausgase. Denn, wenn Bakterien das organische Material zersetzen, entwickele sich Methan – das sei ganz natürlich und ändere nichts daran, dass die Klimabilanz eines gesundes Moores insgesamt sehr positiv sei, weil eben so große Mengen Kohlenstoff eingelagert würden. Zur Größenordnung: Moore bedeckten nur drei Prozent der Landflläche der Erde. Dennoch sei in ihnen doppelt so viel Kohlenstoff gebunden wie in allen Wäldern weltweit. Die positive Klimabilanz verkehre sich aber ins Gegenteil, wenn das Moor trocken falle: Luft gelange in den Moorkörper, der Torf mineralisiere. Dabei entstehe Distickstoffmonoxid – Lachgas, was sehr viel klimaschädlicher sei als zum Beispiel Methan. Was also Jahrtausende lang in einem gesunden Moor eingeschlossen war, gelangt nun in die Atmosphäre und richtet Schaden an.

Und nun? „Zum einen müssen wir an den Maßnahmen dran bleiben und die Gräben weiter schließen“, sagt Schindler. Aber das allein werde nicht reichen. „Wir brauchen einfach Regen, viel Regen. Und Schnee. Leider haben wir darauf keinen Einfluss.“

Antje Mahnke-Ritoff betont zum Abschluss des Spazierganges, dass die Trockenheit nicht nur das Verdener Moor gefährde. „Im Prinzip betrifft dieses Problem im Moment alle Lebensräume, die auf hohe Grundwasserstände angewiesen sind.“

Von Reike Raczkowski

Besonderer Lebensraum: Gustav Schindler und Antje Mahnke-Ritoff zeigen, wie mit verschiedenen Maßnahmen das Moor erhalten wird. Dafür muss zum Beispiel konsequent unerwünschter Bewuchs (Mitte) entfernt werden. Dann fühlen sich auch die Becherflechten (rechts) wieder wohl.
Alarmierend: Die Naturschützer waren sehr besorgt, als der See 2019 in diesem Zustand war.
Verschwunden: Der See ist weg, nur noch Gras ist zu sehen. Das

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