Aus den Aufzeichnungen von Erika Schaible-Fieß

Das Care-Paket und die verlorenen Kekse: Weihnachts-Erinnerungen eines Kirchlintler Flüchtlingskindes

Eine Schwarzweißaufnahme eines kleinen Mädchens.
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Mit großen Augen blickte die damals sechsjährige Erika Schaible 1949 in die Kamera. Es waren schwere Jahre für die Familie in der Fremde.

Eine Kindheit als Flüchtling in der Nachkriegszeit. Das war natürlich eine Zeit voller Entbehrungen - aber Erika Schaible-Fieß erinnert sich auch an wunderschöne Momente, an den Duft von frisch gebackenen Keksen zum Beispiel, oder an ihr erstes Care-Paket.

Kirchlinteln – Knapp zwei Monate waren sie auf der Flucht aus ihrer Heimat Westpreußen in Richtung Westen. Die Familie Schaible – Mutter Elfriede mit ihren vier Kindern Elvire, Lilli, Artur und Erika – kam Anfang März 1945 in Kirchlinteln an. Vater Artur war zu diesem Zeitpunkt in italienischer Gefangenschaft. Mit zwei Pferden und einem Wagen hatten die fünf mit anderen den Treck gemeinsam bewältigt.

In Kirchlinteln wurden sie dem Bauern K. zugewiesen, der darüber nicht besonders erfreut war. Erika war die Jüngste der vier Geschwister und im März 1945 zwei Jahre alt. Sehr viel später – im Jahr 2019 – hat sie ihre Erinnerungen an diese Zeit aufgeschrieben und in dem Buch „In den Wirren der Zeit“ veröffentlicht.

Der Bauer war nicht begeistert, die Familie aufnehmen zu müssen

Beim Bauern K. bekamen die Schaibles unter Protest des Besitzers ein Zimmer zugewiesen, das mit Möbeln einer Familie aus Bremen vollgestellt war. Bei der Ankunft hatte die Familie noch etwas Zucker, Mehl und eine Milchkanne voll Schmalz zur Verfügung. Aus Angst vor Diebstahl, und damit das Schmalz nicht zu schnell verdarb, wurde die Milchkanne samt Inhalt vergraben.

Fein rausgeputzt: Familie Schaible in Kirchlinteln (vorne von links): Lilli, Erika (mit dem Kleid aus dem Care-Paket), Artur, Elvire, hinten Artur und Elfriede.

Am 16. April 1945 kamen die Briten in den Ort und vertrieben die deutschen Soldaten. Ein junger Soldat bat den Bauern K. um etwas Essen. „Dieser war aber sehr geizig“, schreibt Erika Schaible-Fieß. „Nicht nur verweigerte er ihm seine Bitte, sondern er jagte ihn auch noch vom Hof“, berichtete ihre Mutter Elfriede. Aus Wut nahm der Soldat eine Handgranate und warf diese in das Stallgebäude, in dem die Schaibles untergebracht waren. In den Flammen wurde alles zerstört, was die Familie während der Flucht gerettet hatte. „Wir konnten nichts mitnehmen und besaßen jetzt nur noch, was wir gerade auf dem Leib trugen“, ist zu lesen. Die fünfköpfige Familie fand in der Bahnhofsgaststätte Diercks Unterschlupf, und im Sommer 1945 kam der Mann und Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück.

Das erste Fest nach dem Krieg war etwas ganz besonderes

Erika Schaible-Fieß erinnert sich an das erste Weihnachten nach dem Krieg in der Gastwirtschaft. „Für Elvire war Weihnachten 1945 das schönste Fest, das sie bis dahin erlebt hatte. Die Gaststube war von Herrn D. feierlich hergerichtet worden. Alle Familien, die bei ihm untergebracht waren, wurden eingeladen. Es stand ein geschmückter Christbaum in der Gastwirtschaft. Die Tische waren festlich gedeckt. Nachdem die Kinder ihre Sprüchlein aufgesagt hatten und Weihnachtslieder gesungen worden waren, kam der Weihnachtsmann auf dem Schlitten angefahren und brachte für jedes Kind Geschenke. Lilli erhielt eine Puppenwiege und Elvire Stelzen, ich selbst eine kleine Puppenwiege, und natürlich wurde auch Artur bedacht. Dazu stand auf den Tischen für jedes Kind ein Teller mit Keksen, Äpfeln und Süßigkeiten.“ Zwischenzeitlich zog die größer gewordene Familie in ein altes baufälliges Doppelhaus am Heidberg, gegenüber der Familie Heitmann. Sie lebte dort bis 1950.

Jubel über ein unerwartetes Paket

Erika Schaible-Fieß berichtet von dem Tag, als das erste Care-Paket ins Haus kam. „Es war am 24. Dezember 1946 oder 1947, als es bei uns am späten Heiligabend an der Tür klopfte. Briefträger Wöbse kam herein und brachte das Paket. Er meinte, er müsse das Paket noch unbedingt vor Weihnachten abliefern, denn er kannte unsere schwierige Lage. Damit machte er uns eine riesige Freude. Für uns alle war es das größte Weihnachtsgeschenk in dieser traurigen Zeit, hatten meine Eltern doch fast gar nichts zum Schenken. Der Jubel war unbeschreiblich, als wir das Paket öffneten. Außer Schokolade, Keksen und Milchpulver war unter anderem mein Kleidchen dabei.“

Der Hauptpreis war ein Kaufmannsladen

Nach den ersten freien Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg, der Kommunalwahl 1948, schlossen sich die Flüchtlinge im Bund der Vertriebenen zusammen zu einer eigenen Wahlliste. Artur Schaible notierte: „Wir bekamen etwa 45 Prozent der Stimmen, haben uns mit der SPD zusammengeschlossen und die Gemeindeverwaltung übernommen. Zum Bürgermeister wählten wir den Bahnvorsteher Thies.“ Wohl in dieser Zeit wurde für die Heimatvertriebenen von der Gemeinde eine Weihnachtsfeier mit Lotterie organisiert. Der Hauptgewinn war ein liebevoll ausgestatteter Kaufmannsladen. Erika Schaible-Fieß: „Auch ich durfte ein Los nehmen. Zu unserer großen Überraschung hatte ich doch tatsächlich den Hautpreis gezogen. Soweit ich mich erinnern kann, konnte ich den Kaufladen für ein Jahr behalten. Nur bei besonderen Gelegenheiten durfte ich damit spielen, schließlich war er nur ausgeliehen. Mein erster Berufswunsch war nun, Verkäuferin zu werden.“

In dem baufälligen Haus der Schaibles gab es zwar einen Herd, doch der Backofen war kaputt. Weihnachten stand wieder einmal vor der Tür. Weil viele andere Familien auch keinen eigenen Backofen hatten, durften die Kekse nach Voranmeldung bei Bäcker Wöbse gebacken werden. Mutter Elfriede fertigte den Teig und legte ihn in eine Schüssel. Erika durfte mitgehen. Es war ein kalter Dezembertag, als sie sich am späten Nachmittag aufmachten. Der Weg führte über eine kleine Brücke ohne Geländer entlang der Reith.

Die kostbaren Kekse gingen über Bord

„Beim Bäcker angekommen, stieg mir der Duft von bereits fertigem Gebäck in die Nase. Einige Frauen waren vor uns an der Reihe und warteten darauf, ihren mitgebrachten Teig auszurollen und das Gebäck mit Formen auszustechen.“ Als endlich auch die Kekse der Schaibles gebacken waren, machten sich Mutter und Tochter auf den Heimweg. „Es war dunkel, doch der Mond schien und es war sternenklar. Im Dorf gab es keine Straßenlampen, nur die erleuchteten Fenster der Häuser gaben uns die Richtung vor. Mutter hielt mich mit einer Hand, in der anderen hielt sie die gefüllte Schüssel. Offensichtlich kamen wir vom Weg ab und lagen plötzlich beide samt Weihnachtsgebäck im Bachbett. Zu unserem Glück führte die Reith kein Wasser. Die Kekse lagen weit verstreut. Im Dunkeln krochen wir herum, ertasteten die Kekse und klaubten sie mühselig wieder in die Schüssel. Weil meine Mutter sehr schlechte Augen hatte, musste ich sie nach Hause führen. Am nächsten Morgen kurz nach Tagesanbruch ging sie nochmals zu der Unglücksstelle und sammelte die letzten Kekse ein. Damit das schwer erworbene Gebäck Weihnachten erreichen konnte, versteckte Mutter dieses vorsorglich vor uns Kindern.“

1950 zog die Familie in die Siedlung Gottes Gnaden, 1955 siedelte sie in den Schwarzwald um. Erika Schaible-Fieß wohnt heute in Göppingen.

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