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Das Averbergen, das es nie gab: 50 Jahre Gemeinde Kirchlinteln (Teil 1)

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Von: Harald Röttjer

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Ein Ortsschild mit der Aufschrift Averbergen.
Ein Beweis dafür, dass die Pläne weit fortgeschritten waren: Der Landkreis hatte bereits Averbergen-Ortsschilder gekauft. © Ramme

Ein Ortsschild im bekannten Format, schwarze Schrift auf gelbem Grund. Soweit nichts Erstaunliches. Allerdings: „Averbergen“ steht auf dem Schild. Wie kann das sein? Nicht nur gibt es keinen Ort namens Averbergen im Landkreis Verden – es hat ihn auch nie gegeben. Was hat es also mit diesem Schild auf sich? Dafür muss man etwas weiter ausholen – aber anlässlich des 50. Geburtstages der Gemeinde Kirchlinteln, der in diesem Jahr gefeiert wird, lohnt sich ein Blick zurück.

Kirchlinteln – Bereits Mitte der 1960er-Jahre zeichneten sich nach den Erinnerungen vom Bürgermeister und späteren Ortsvorsteher von Nedden-averbergen, Alfred Ahlden, bei der geplanten niedersächsischen Gemeindereform für die Region Kirchlinteln drei Modelle ab. Seine Erinnerungen an diese turbulenten Jahre waren Grundlage für einen Beitrag, den der Sprecher des Arbeitskreises Heimatpflege, Werner Oestmann, in der ersten Neddener Dorfchronik veröffentlichte.

Fast geschlossene Front gegen die Landes-Pläne

Ahlden war damals neben seinem kommunalen Amt auch Vorstandsmitglied des niedersächsischen Landgemeindetages und daher schon frühzeitig über die Planungsabsichten der Landesregierung informiert. Als Grundlage für die Planungen galt laut Ahlden zu der Zeit noch eine Einwohnerzahl ab 3000 für die zu schaffenden Gemeinden. Das erste Modell sah vor, aus den Gemeinden des Kirchlintler Raumes drei neue, nämlich Kirchlinteln, Bendingbostel und Kleinbahnbezirk, zu bilden und zu einer Samtgemeinde zusammenzufassen.

Das zweite Modell folgte ebenfalls dem Prinzip einer Samtgemeinde mit Sitz in Kirchlinteln, allerdings mit vier Gemeinden: Kirchlinteln-Bendingbostel, Armsen-Neddenaverbergen, Hohenaverbergen-Luttum und Otersen-Wittlohe-Stemmen.

Das dritte Modell entsprach der gegenwärtigen Gemeindestruktur, wie wir sie heute kennen.

Als sich 1968 abzeichnete, dass an einer Reform kein Weg vorbei führte, löste das in den betroffenen Dörfern eine Reihe von Aktivitäten aus und in seltener Einmütigkeit kam nach dem Text in der Chronik schnell eine fast geschlossene Front gegen die Vorschläge der Landesregierung zusammen.

Rathaus sollte nach Hohenaverbergen

Wenn schon eine Reform unvermeidlich sei, dann wolle man eine andere Lösung: eine Zusammenfassung der sieben Orte des Kleinbahnbezirks, Armsen, Hohen- und Neddenaverbergen, Luttum, Otersen, Stemmen und Wittlohe, zur eigenständigen Gemeinde Averbergen. Zahlreiche Argumente wurden gesammelt und in vielen Zusammenkünften diskutiert.

Aus den Dörfern kam die Zustimmung und bis April 1970 sprachen sich alle sieben Orte dafür aus, diese Lösung auf jeden Fall durchzusetzen. Auch der Kreistag stimmte für das Modell.

Als Hauptgründe sprachen laut der Befürworter das große Zusammengehörigkeitsgefühl dieser Dörfer, das sich über Jahrhunderte entwickelt habe, die Landesstraße nach Walsrode und die Kleinbahn, die alle Dörfer verband. Natürliche Grenzen bildeten neben der Autobahn die Aller und die Lehrde. In Hohenaverbergen war 1968 bereits ein Gebäude erworben worden, das später als Rathaus dienen sollte, in Luttum war bereits eine Mittelpunktschule gebaut worden. Schließlich vermittelte der niedersächsische Landgemeindetag bei einer Tagung im Verden nützliche Informationshilfen.

Alle Mühen waren umsonst

All diese Mühen waren aber umsonst, stellte sich heraus. Denn im Februar 1970 entschied sich die Landesregierung in einer Absichtserklärung mit knapper Mehrheit gegen diesen Plan. Bis zur endgültigen Entscheidung im Februar 1972 gab es in den Dörfern aber immer wieder Versuche, die eigenen Vorstellungen durchzusetzen.

Bei der entscheidenden Sitzung gab es noch einen Versuch des Abgeordneten Puvogel (CDU), die Großgemeinde zu verhindern. Er sprach von einem „Zankapfel“, speziell hinsichtlich des Willens der Bevölkerung im Raum Kirchlinteln und im Kleinbahnbezirk: „Wir sind der Meinung, dass hier tatsächlich zwei getrennte Räume bestehen, die Sie vielleicht im Jahre 2000 zu einer Einheitsgemeinde zusammenfassen können. Zur Zeit kann man dort nur mit Hubschraubern verkehren, aber dazu haben die Leute kein Geld.“

Aber die Würfel waren wohl schon im November 1970 gefallen, als die Landesplaner für die neuen Gemeinden größere Räume und Einwohnerzahlen beschlossen, als Averbergen sie anzubieten gehabt hätte. Angestrebt wurden statt 3000 nun bis zu 8000 Einwohner.

Aber wenn es nie zu einer Gemeinde Averbergen kam – warum existiert dann ein entsprechendes Ortsschild? Auf der einen Seite steht unter „Averbergen“ der Zusatz „Ortsteil Nedden“ und auf der Rückseite steht „Ortsteil Armsen“. Hermann Ramme, ehemaliger Ortsvorsteher von Armsen, erklärt, dass zum Baubeginn der Kreisstraße 38, das war in den Jahren 1970/1971, zwei neue Ortsschilder gebraucht wurden, als das Teilstück zwischen Nedden und Armsen fertiggestellt war. „Damals war man sich beim Landkreis anscheinend so sicher, dass es zu einer Gemeinde Averbergen kommen würde, dass man die entsprechenden Schilder bestellt hat.“ Hermanns Vater, Hans Ramme, war in diesen Jahren, bis zur Gebietsreform, der Bürgermeister von Armsen gewesen. „Ich schätze, man hat uns damals die Schilder auf den Hof gestellt, weil man nicht wusste, was man mit ihnen anfangen sollte.“ Danach hätten sie Jahrzehnte lang in der Scheune der Familie Ramme gestanden.

Teil 2 der Serie wird unter anderem erklären, warum die Ortschaften im Jahr 1972 nur noch eine relativ kleine „Mitgift“ in die „Gemeinde-Ehe“ einbringen konnten.

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