Buch über das Ende des Zweiten Weltkrieges: Zwik-Team auf der Zielgeraden

Brennende Höfe, explodierende Granaten

Tauchten tief in die Geschichte ein: Harm Schmidt, Hermann Meyer, Wilhelm Hogrefe und Wilhelm Timme (von links, das Foto ist einige Wochen alt, als es noch in Ordnung war, eng beieinander zu stehen) haben monatelang für das Buch recherchiert. Hier zeigen sie das Foto der Landesstraße durch Wittlohe nach dem Angriff – an der Stelle, an der es am 14. April 1945 von einem britischen Scharfschützen aufgenommen wurde. Fotos: Raczkowski

Kirchlinteln – Höfe standen in Flammen, Granaten explodierten, Menschen starben: Vor 75 Jahren wurde um nahezu jede Ortschaft in der heutigen Gemeinde Kirchlinteln gekämpft. Soldaten auf beiden Seiten und viele Dorfbewohner sowie Zwangsarbeiter wurden im Frühjahr 1945 verwundet und getötet. So gab es im Kleinbahnbezirk über 100 Tote, allein in Otersen 44. In Hohenaverbergen kamen 25 Soldaten und elf Zivilisten ums Leben, darunter drei Kinder. „Vor 75 Jahren war die Situation hier in der Region ausgesprochen ernst“, sagt Wilhelm Hogrefe. Der Luttumer Landwirt ist Teil eines Redaktionsteams, das zum Thema recherchiert hat. „Das Ende des Zweiten Weltkriegs“ ist der Titel des Buches, das die Zeitgeschichtliche Werkstatt im Kapitelhaus zu Wittlohe (Zwik) in Kürze herausbringt. Herz des Werkes sind die Erinnerungen von Menschen, die diese Tage selbst erlebt haben.

Geradezu fanatisch war der Widerstand vieler sehr junger Soldaten in der Gemeinde Kirchlinteln, als die Briten im Frühjahr 1945 näher rückten. „Die waren überzeugt, dass sie das Vaterland verteidigen mussten“, sagt Hermann Meyer. Ein junger Soldat, 16, 17 Jahre alt, hatte sich im Wittloher Pfarrgarten verschanzt, als wollte er alleine die britischen Truppen aufhalten, die aus Richtung Otersen auf den Ort zurollten. Die Pfarrfamilie sah ihn und versuchte, ihn zu vertreiben. Er antwortete: „Wir bleiben hier, wir müssen das Haus verteidigen.“ Kurze Zeit danach starb er bei einem Granatenangriff. Daran kann sich Pastorensohn Dietrich Steinwede gut erinnern. Der Soldat war kaum älter als er selbst. Heute erinnert ein Holzkreuz im Pfarrgarten an den jungen Mann.

Eine Episode von vielen, die sich in den letzten Kriegstagen in der Gemeinde zugetragen haben. „Was ist wichtig von dem, was damals geschah? Geht es in erster Linie um spektakuläre Geschehnisse, oder ist es nicht ebenso wichtig, herauszufinden, was die Gedanken und die Herzen der einfachen Menschen damals bewegte? Eine ganz wesentliche Fragestellung ist zudem, wie die Besetzung durch britische Truppen damals von den Menschen hier in unseren Dörfern empfunden wurde: War es der Zusammenbruch; die Niederlage oder die Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft?“, heißt es im Vorwort des Buches. Dafür haben die Redaktionsmitglieder monatelang recherchiert. „Ich habe zum Beispiel den Historiker August Jahns in Rethem besucht und in dessen Archiv gestöbert. Auch habe ich Heiner Falldorf in Dörverden kontaktiert, der sich schon lange mit dem Thema befasst und mir von ihm Literaturtipps geholt“, berichtet Harm Schmidt.

Der pensionierte Lehrer hat sich eingelesen in britische Bücher, die die Kampfhandlungen in der Region beschreiben, und viele Zeitzeugen befragt. „Und unser Hermann, der kennt hier ja nun auch jeden Hinz und Kunz.“ Viele Gespräche wurden geführt und Dokumente gesichtet: Briefe, Postkarten, Tagebücher. Die Hobbyhistoriker erfuhren von vielen kleinen und großen Begebenheiten. Zum Beispiel, dass ein Mann im Wald zwischen Rahnhorst und Süderwalsede in einem Erdloch vor der Gestapo versteckt werden musste. Zwangsarbeiter, die auf dem Weg zur Arbeit waren, versorgten ihn. Eine Zeitzeugin erinnerte sich an eine Geburt auf einem Hof in Bendingbostel am 17. April 1945, bei der ein britischer Arzt dafür gesorgt hatte, dass in unmittelbarer Umgebung die Kampfhandlungen eingestellt wurden, um Mutter und Kind zu schützen. Ein Gespräch führte zum nächsten. Die Zeitzeugen gaben oft Tipps, wen man noch ansprechen könnte: „Der weet ok noch wat“, hieß es vielfach. Auch durch die Berichterstattung fühlten sich einige Menschen motiviert, sich zu melden. So habe ein Mann aus Neumünster von den Bemühungen des Redaktionsteams erfahren und sich gemeldet. „Der war damals in Bendingbostel und hat dort den Krieg erlebt“, erzählt Hermann Meyer.

„Das Essen ist so eine Sache, da können sich viele daran erinnern“, so Meyer. So gebe es eine plattdeutsche Geschichte über einen britischen Soldaten, der bei seinem Aufenthalt in der Region erstmals in den zweifelhaften Genuss einer besonderen Süßigkeit der örtlichen Kinder gekommen war: roher Rhabarber, in Zucker gestippt. Ohne zu viel zu verraten: Es hat ihm nicht besonders geschmeckt. „Viele erinnern sich noch daran, dass die Briten scharf auf Eier waren“, berichten die Rechercheure. In einem Fall habe ein Soldat immer wieder nach „Eggs“ verlangt, bis der Hausbesitzer eine Axt aus dem Schuppen holte. Zum Glück konnte geklärt werden, dass es sich lediglich um ein phonetisches Missverständnis handelte.

Nicht alle Befragten seien mit den Recherchen einverstanden gewesen, betont Hermann Meyer. Die meisten Zeitzeugen hätten sich aber gefreut, dass man ihre Geschichten hören wollte. Die vier Männer wissen aber auch eines: Erinnerungen sind tückisch. Und nicht alles, was sie im Laufe ihrer Arbeit erfahren haben, muss wahr sein. Umso froher seien sie, wenn sie zweimal die gleiche Geschichte hören. Das gebe etwas Aufschluss über den Wahrheitsgehalt.

Timme berichtet, dass er sich bei seinen Recherchen immer wieder aufs Neue wundert, wie erinnert wird. Ein Beispiel: Für den Piloten Heinz Schrader, der im April 1945 mit seinem Jagdflugzeug kurz hinter Stemmen im Moor in den Tod stürzte, wird alljährlich im April eine Gedenkfeier veranstaltet. Beim Luftangriff der Alliierten auf die Kleinbahn im Februar 1945 bei Neddenaverbergen kamen zwei Frauen ums Leben, über die kaum etwas bekannt ist. Maria Steinwede schreibt davon in einem Brief an ihren Mann, Pastor Wilhelm Steinwede, am 16. Februar 1945: „Kurz vor Nedden geschah es. Die Lokomotive ist ganz kaputt. Zwei tote Frauen aus Otersen, Mütter von Bombenbeschädigten, werden Montag beerdigt.“ Warum wird diesen Frauen nicht gedacht? Auch solche Fragen versucht das Team zu beantworten.  rei

Das Buch ist vorbestellbar

beim FSJler der Kirchengemeinde Wittlohe, Joshua Paul, unter Telefon 04238/943492. Er ist wochentags von 9 bis 12 Uhr erreichbar, ansonsten können Interessierte aber auch auf den Anrufbeantworter sprechen. Wer bis zum 16. April bestellt, zahlt 17,80 Euro, danach kostet das Buch 19,80 Euro.

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