Überführung der Gleichstellungsarbeit ins Ehrenamt

„Das ist ein Armutszeugnis für die Gemeinde“

Kirchlinteln - Die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten (GleiB) in der Gemeinde Kirchlinteln wird ab September eine ehrenamtliche Position sein. Das entschied die Mehrheitsfraktion der CDU am Mittwoch im Schützenhaus in Heins in der letzten Ratssitzung vor der Sommerpause. Dem Beschluss vorangegangen war eine hitzige Diskussion.

Wie bereits berichtet, wird die derzeitige GleiB Marlies Meyer zum ersten September nach Ottersberg wechseln. Sie hatte im Vorfeld der Ratsentscheidung, die auf einen Vorschlag der CDU-Fraktion zurückgeht, mehrfach betont, dass Gleichstellungsarbeit in ihren Augen nicht ehrenamtlich zu leisten ist. Sie nutzte die Sitzung, um darauf aufmerksam zu machen, für wie falsch sie den CDU-Vorschlag hält. „Ehrenamt ist in unserer Gesellschaft wichtig, keine Frage. Aber hier geht es nicht ums Ehrenamt. Hier geht es um unbezahlte Arbeit.“

Sie bekam von SPD und Grünen Rückendeckung. Elke Beckmann (SPD) sah eine Überführung des Amtes in die Ehrenamtlichkeit als „Ausnutzung von Frauen“. Sie forderte, dass es auch weiterhin eine qualifizierte Ansprechpartnerin vor Ort im Rathaus geben müsse. Sie appellierte an alle Frauen im Rat, gegen eine ehrenamtliche Beschäftigung zu stimmen. Marion Urbatsch, ebenfalls SPD, sagte, dass Gleichstellungsarbeit auch in der heutigen Zeit noch notwendig sei, denn „Paragraphen schaffen keine gesellschaftliche Realität“. Sie sei fassungslos und wütend über den Vorschlag der CDU. Sie erklärte, dass selbst die Alternative in der Beschlussvorlage, die Stelle weiter wie bisher mit zehn Stunden auszuschreiben, „beschämend“ sei. Es sollten ihrer Meinung nach deutlich mehr Stunden sein.

Arne Jacobs: „Das ist keine Abwertung“

Richard Eckermann, Fraktionsvorsitzender der SPD, fand, man könne sich darüber streiten, wie viele Stunden für die Arbeit einer GleiB angemessen sind. „Doch es war bisher Konsens, dass das Thema Gleichberechtigung so wichtig ist, dass man dafür jemanden beschäftigt. Dass die CDU-Fraktion jetzt meint, sie könne alles wegwischen, was ihre Vorgänger aufgebaut haben, ist ein Schlag ins Kontor.“

Ada Walter, zum ersten Mal für die Grünen im Rat, sagte: „Die Dinge fangen klein an, auch die Gleichberechtigung hat mal klein angefangen.“ Sie befürchte, dass auch die Abschaffung der Gleichstellung mit kleinen Schritten, wie die Verschiebung in die Ehrenamtlichkeit, beginnen könne. Frank-Peter Seemann, Fraktionsvorsitzender der Grünen, lobte das Engagement der bisherigen GleiB, Marlies Meyer, und forderte, dass die Gemeinde auch weiterhin für qualifizierte Arbeit entsprechendes Gehalt zahlen müsse. Er griff den Bürgermeister an, der im Vorfeld der Diskussion angekündigt hatte, sich aus dieser Entscheidung raushalten zu wollen. „Ich hätte von Ihnen erwartet, dass Sie Partei ergreifen.“

Arne Jacobs, Fraktionsvorsitzender der CDU, erklärte, dass für seine Fraktion die Überführung der Stelle ins Ehrenamt keine Abwertung der Arbeit bedeute. Es sei eine „Ohrfeige für alle Ehrenamtlichen“, den Vorschlag der CDU als Rückschritt zu bezeichnen. Es gebe in seinen Augen auch Vorteile, zum Beispiel würde jemand, der die Arbeit ehrenamtlich verrichte, dabei nicht auf die Uhr schauen. Eine Bemerkung, die Marlies Meyer verärgert haben dürfte, verbrachte die Gleichstellungsbeauftragte doch gerade ihren eigenen Geburtstagsabend bis spät in die Nacht auf einer Sitzung.

Immer wieder Applaus für Wortbeiträge

Aus den Reihen der zahlreicen Zuhörer gab es immer wieder Applaus für Wortbeiträge, die sich für eine Stärkung der Gleichstellungsarbeit aussprachen und Zwischenrufe für jene, die sie für nicht so wichtig erachteten. Dazu gehörte Karin Wiedemann von der CDU. Sie erklärte, dass sich in Sachen Gleichstellung doch bereits viel zum Guten verändert habe. So seien in der Gemeinde Kirchlinteln fast alle Kita-Leitungen weiblich. „Bei allem Respekt, ich sehe da wenig Notwendigkeit“.

Ingrid Müller, CDU, sprach von einer „unangemessenen Weltuntergangsstimmung“ im Rat. Sie habe als Selbstständige in einer Männerdomäne „nie Probleme mit Männern“ gehabt. Sie zog das Fazit: „Wir sollten uns um die echten Probleme kümmern und keine herbeireden.“

Richard Eckermann mahnte: „Dieser Beschluss wird ein Zeichen sein, das über die Gemeinde hinausgeht.“ Birte Asja Detjen, Grüne, formulierte es so: „Das ist ein Armutszeugnis für die Gemeinde.“

Der Beschluss für eine Überführung der Stelle der Gleichstellungsbeauftragten ins Ehrenamt fiel mit 14 CDU-Stimmen, sechs Gegenstimmen und drei Enthaltungen von Grünen und SPD.

In der Einwohnerfragestunde meldete sich am Ende die Kirchlintlerin Andrea Hartmann zu Wort. Sie ließ die Politiker wissen, dass sie sich zum ersten Mal von den Ratsmitgliedern nicht gut vertreten gefühlt habe.

rei

Rubriklistenbild: © dpa

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