Kulturfahrradrunde

Hermann Meyer informiert über die Geschichte des Bahnhaltes

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Hermann Meyer (l.) und die Teilnehmer der Kulturfahrrunde.

Kirchlinteln - Die Kirchlintler Kulturfahrradrunden kommen gut an. Der jüngste Ausflug des Kultur- und Fördervereins Kirchlinteln führte am alten Bahnhof und am neu geplanten Bahnhalt vorbei. Hermann Meyer gab an beiden Stationen Infos zur Geschichte und zur aktuellen Situation.

Vor über 145 Jahren bekam Kirchlinteln Anschluss an die große, weite Welt. „Der jetzige Streckenverlauf zwischen Langwedel und Visselhövede war zur Zeit der Planung Anfang der 1870er-Jahre noch ungewiss“, sagte Meyer und ergänzte, dass es eine Skizze gäbe, nach der der Schienenstrang nördlich von Kirchlinteln an Kreepen und Groß Sehlingen vorbeiführen sollte. Warum die südliche Variante gewählt wurde, sei nicht bekannt.

Warum beispielsweise die Strecke nicht von Verden aus nach Uelzen gebaut wurde, schreibt der Kirchlintler Pastor Rüppell in seiner im Jahr 1900 verfassten „Chronik der Pfarrei zu Kirchlinteln“: „Durch Ministerialverfügung vom 2. Juni 1871 wurde der Freien Hansestadt Bremen für eine von ihr zu erbauende Eisenbahn zwischen Langwedel und Uelzen die Aufnahme der speziellen Vorarbeiten genehmigt. Von dem Pfarracker auf dem Sünderkamp wurden in demselben Jahre 103,9 Ar zum Preise von 200 Thaler pro Morgen = 173 Thaler und 5 Groschen zum Bahnbau abgetreten.“ Dass der Bahnhof Kirchlinteln an seine jetzige Stelle kam und nicht näher an das Dorf gelegt wurde, soll hauptsächlich von dem damaligen Halbmeier Harm Hinr. Cordes veranlasst worden sein, der diesen Platz für seine nach Deelsen gelegene Ziegelei für geeigneter hielt, und der scheinbar ziemlichen Einfluss im Dorf hatte.

„Der Hauptschaden der Anlage bestand darin, daß die Bahn nach Langwedel zugeführt wurde, anstelle daß sie von der Südseite des Dorfes Kirchlinteln vorüber nach Verden ging. (…) Der Bahnbau hat damals viel fremdes Volk nach hier geführt, nicht immer zum Vorteil der Gemeinde. Doch haben die Familien, die damals von Posen und Schlesien hergezogen und hier blieben (z. B. Weber und Grunwald) und auch kirchliches Interesse mitbrachten, sich im Allgemeinen gut bewährt.“

Wie die Verhältnisse beim Bahnbau waren, darüber gibt ein Eintrag im Verzeichnis der Beerdigten vom Jahre 1872 ein anschauliches Bild: Am 30. Dezember 1872 wurde hier ein Eisenbahnarbeiter namens Werner beerdigt, von dem es heißt: „Am 28sten Dezember Nachmittags gegen ein Uhr wurde die Leiche von Ratten angefressen in einer Erdhütte gefunden, der Tod ist wahrscheinlich schon am 27sten Dezember erfolgt. Todesart: Wahrscheinlich durch übermäßigen Genuß von Branntwein.“

Wanderarbeiter, die keine Unterkunft fanden oder sich kein Quartier leisten konnten, mussten sich notgedrungen Erdhütten bauen. „Andere errichteten sich Bretterbuden, wobei das Dach aus Zweigen, langen Gräsern und Erde bestand. Als Lager diente Stroh auf der bloßen Erde“, stellte Meyer die besondere Situation der Arbeiter dar. Drei Jahre dauerte der Bau des Schienenstrangs. Am 15. April 1873 wurde die Strecke für den Güterverkehr und einen Monat später für den Personenverkehr in Betrieb genommen. Damit war eine direkte Verbindung nach Berlin geschaffen. Viele Auswanderer aus dem östlichen Teil Deutschlands und Europas nutzten die Bahnverbindung, um über Bremen und Bremerhaven mit dem Schiff in die Vereinigten Staaten zu kommen, weil sie sich dort eine bessere Zukunft erhofften. Meyer: „Darum heißt diese Bahnlinie im Volksmund auch Amerikalinie.“

Den Bahnhalt Kirchlinteln gab es dann 114 Jahre. Am Sonnabend, 26. September 1987, im Ort wurde gerade Rübenmarkt gefeiert, verabschiedete sich um 17.57 Uhr sang- und klanglos der Personenverkehr vom Bahnhof Kirchlinteln. Ab dem Jahr 2000 erfolgte allmählich wieder ein Umdenken, und Stimmen aus der Kommunalpolitik nach einem neuen Bahnhalt, näher an die Ortsmitte heran, wurden laut. Ein neuer Halt am Bahnübergang Kreepener Straße wurde favorisiert und 2015 von der niedersächsischen Landesregierung befürwortet.

Zum aktuellen Stand des neuen Bahnhalts führte Meyer aus, dass die Anlage zum Bahnhalt beim Bahnübergang entstehen wird. Die Gemeinde habe sich das Grundstück zwischen Friedhof und Weide gesichert. Ebenso sei der Bahnseitenweg gesichert und eine entsprechende Fläche an der Kreepener Straße für eine neu einzurichtende Bushaltestelle erworben worden. „Augenblicklich ist die Deutsche Bahn dabei, eine Leistungsbeschreibung zu erstellen, in der es unter anderem darum geht, wie der Bahnhalt aussehen soll und was für eine Länge der Bahnsteig haben muss“, schloss Meyer seine Ausführungen.

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