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Kieselsteine klingen wie Regen: Für den Kirchlintler Profi-Schlagzeuger Moritz Koch ist alles ein Instrument

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Von: Reike Raczkowski

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Ein junger Mann spielt Schlagzeug.
Das Schlagzeug ist die große Leidenschaft von Moritz Koch. Aber der Kichlintler bringt auch Fahrzeugfedern zum Klingen und weiß mit Plattenglocken umzugehen. © Barbara Fahle

Wenn kleine Kieselsteine in eine Blechdose fallen, klingt es wie Regen. Die Fahrwerksfeder eines Autos ist ein Instrument, wenn man ihr nur die Chance dazu gibt. Und wenn man mit einem Flummi über eine Pauke streicht, dann ertönt ein Klang, über den man nur staunen kann. Moritz Koch weiß das alles, denn Musik, Töne und Klänge sind seine Leidenschaft und sein Beruf. Der Kirchlintler ist professioneller Schlagzeuger, seine Passion führte ihn bereits auf Konzertreisen in die ganze Welt. Gerne würde der 24-Jährige auch mal in seiner Heimat auftreten.

Kirchlinteln – In seinem Kinderzimmer in Kirchlinteln steht noch ein Bett, wenn Moritz, der derzeit in Köln lebt, hier übernachten möchte. Ansonsten ist jeder Zentimeter des Raumes mit Instrumenten vollgestellt. Die Plattenglocken teilen sich das Regal mit Klangschalen, eine Pauke, unzählige Becken und ein Vibraphon nehmen ordentlich Raum ein. Ungewöhnliches, wie ein sogenannter Donnermacher, buhlt mit Thai-Gongs und Roto-Toms um Aufmerksamkeit. Aber sie müssen sich hinten anstellen, denn ein riesiges Tamtam, einer dieser spektakulären asiatischen Gongs, zieht alle Blicke auf sich. An der Decke baumelt ein Windspiel aus Perlmutt, das leise raschelt.

„Meine Oma erzählt immer gerne, ich sei schon als Dreijähriger mit einer Blechtrommel durch den Garten gelaufen, aber daran erinnere ich mich ehrlich gesagt nicht mehr“, erzählt Moritz lächelnd. Jedenfalls habe er schon früh Schlagzeug lernen wollen. Als er sechs Jahre alt war, ermöglichten ihm seine Eltern, als Kompromiss, Gitarrenunterricht. „Das hat mir schon Spaß gemacht.“ Aber er und sein Kumpel hatten größere Pläne. „Mit sieben Jahren wollten wir unbedingt dem Kirchlintler Spielmannszug beitreten. Die haben gesagt, wir seien noch zu klein. Wir sollten wiederkommen, wenn wir acht sind.“ Und nach einem Jahr des Wartens war es dann so weit.

Im Spielmannszug ist er total aufgeblüht

„Ich bin im Spielmannszug total aufgeblüht.“ Moritz ging gerne zum Unterricht, marschierte trommelnd auf unzähligen Schützenfesten mit – und begann nach wenigen Jahren und entsprechenden Fortbildungen selbst damit, die Jüngeren zu unterrichten.

Mit elf Jahren hatte er sich auf eine Annonce in der Zeitung sein erstes gebrauchtes Drumset gekauft, reichlich Taschengeld war dafür draufgegangen. „Ich habe mir dann ganz viel über Tutorials auf Youtube selbst beigebracht“, erinnert er sich. Aber er nahm auch Schlagzeugunterricht in der Verdener Musikschule Hartig.

Moritz war gerade 14 Jahre alt, als er erfuhr, dass man das Schlagzeugspiel studieren und es zu einem anerkannten Beruf machen kann. Umgehend schrieb der Jugendliche eine E-Mail an den zuständigen Professor der Hochschule für Künste in Bremen, Olaf Tzschoppe. Moritz, der bis dahin noch wenig Erfahrung mit klassischem Schlagzeugspiel hatte, wurde eingeladen, um vorzuspielen. Er schlug sich gut. „Aber der Professor machte mir klar, dass ich in den nächsten Jahren noch richtig was lernen müsste.“ Das habe ihn aber überhaupt nicht abgeschreckt. „Ich war total angefixt.“

Und so lernte der damalige Schüler des Gymnasiums am Wall in den nächsten Jahren nicht nur für sein Abitur, sondern zeitgleich für die Aufnahmeprüfung für die „Künstlerische Ausbildung mit Hauptfach Orchesterschlagzeug und Pauke“ in Bremen.

Er wusste, dass die Vier-Schlägel-Technik bis dahin sitzen musste. Er wusste, dass man erwarten würde, dass er auch ein Stück von Bach spielen kann. Dass er weiß, wie man eine Pauke einstimmt. Dazu nahm er auch noch Klavierunterricht, denn auch auf diesem Instrument würde er geprüft werden. Und natürlich büffelte er „nebenher“ auch noch Musiktheorie und -geschichte. „Ich wollte das unbedingt.“

Mit 17 ging es an die Hochschule

Er bestand die Aufnahmeprüfung und sein Abitur – und dann ging es erst richtig los. Der damals erst 17-Jährige verließ sein Elternhaus und zog nach Bremen, um sich den täglichen Anfahrtsweg zu sparen. Er lernte und lernte. „Ich war überrascht, wie viel man üben muss, um dabei zu bleiben. Es gab Semester, da war ich sieben Tage die Woche den ganzen Tag bis spät abends in der Hochschule.“ Er stellte fest, dass viele seiner Kommilitonen bereits von klein auf von ihren Eltern auf eine Musikerkarriere hin trainiert worden waren. „Ich dagegen war immer der einzige Musiker in unserer Familie gewesen und habe das nur gemacht, weil ich es wollte.“ Das habe aber auch den Vorteil gehabt, dass er im Gegensatz zu anderen Studenten nie an seinem Wunsch, Musiker zu werden, gezweifelt habe.

Nach vier Jahren Studium in Bremen machte er seinen Bachelor, es folgten zwei Jahre Masterstudium in Frankfurt, das er vergangenes Jahr abschloss. Und jetzt hängt er noch ein Aufbaustudium Konzertexamen in Köln dran. „Ich habe einfach das Gefühl, dass es immer noch sauviel zu lernen gibt.“

Natürlich hat Moritz in den vergangenen Jahren nicht nur gebüffelt, er hat vor allem: Musik gemacht. Er hat mit Komponisten zusammengearbeitet, in diversen Ensembles von der Jazzband bis zum Orchester gespielt. Seine Auftritte führten ihn von Sardinien nach Österreich, von Brasilien in die Niederlande, sogar bis nach China und Thailand.

Persönliche Nische gefunden

Über die Jahre hat er seine ganz persönliche Nische in der zeitgenössischen Musik gefunden. Im Performance-Duo Amoeba sorgt er gemeinsam mit dem Argentinier Alejandro Sarriegu auf der Bühne für Staunen mit einem Programm, das zwar ausgesprochen musikalisch ist, aber oft ganz ohne Instrumente auskommt. „Meine Hoffnung ist, dass man den Menschen, die da im Publikum sitzen, einfach so ein bisschen den Horizont öffnen kann. Wenn sie zum ersten Mal etwas hören, etwas spüren, was sie bisher so noch nicht erlebt haben, wenn sie überrascht sind, dann freue ich mich.“

Er sei überzeugt davon, dass so etwas nicht nur vor Großstadtpublikum gut ankommen würde. Veranstalter aus der Region, die Lust hätten, Moritz beziehungsweise sein Duo für einen Auftritt zu buchen, können sich auf der Homepage Moritz-Koch.com informieren, per E-Mail an info@moritz-koch.com Fragen stellen oder ihn einfach anrufen: 01573/8464767.

Neben seinen Auftritten organisiert der Kirchlintler auch spannende Bildungsprojekte. So war er gerade vergangene Woche mit einer Hamburger Schulklasse in einer Kirche und hat die Kinder mit den eingangs erwähnten Kieselsteinen in der Blechdose überraschende Regen-Sounds kreieren lassen. Die Kinder staunten, weil sie bisher nicht ahnten, dass sogar ein Stein ein Instrument sein kann.

Und Moritz freut sich, weil er heute seinen Lebensunterhalt mit seiner großen Leidenschaft bestreiten kann. Das jahrelange, anstrengende Studium habe sich ausgezahlt. „Auch, weil ich mir dadurch ja selbst bewiesen habe, dass ich nicht einfach irgendein Idiot bin, der Kiesel in eine Dose wirft, sondern weiß, was ich tue.“

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