Der dänische Pädagoge Jesper Juul warnt in vollbesetzter Aula vor der „Generation Jein“

Keine „Watte-Kinder“ erziehen

Jesper Juul: Kinder können zuhören und lernen, wenn man sie lässt.

Achim - (häg) · Viele Eltern meinen es gut mit ihren Kindern und übertreiben es dabei mit der Fürsorglichkeit. Ihre ständige Sorge, etwas falsch zu machen, verkehrt ihre Absichten ins Gegenteil. Sie wollen Gutes und bewirken Schlechtes: „Watte-Kindern wird die Lebenstüchtigkeit genommen“, sagt Jesper Juul. Der dänische Pädagoge referierte am Donnerstagabend auf Einladung des „Achimer Bündnis für Familie“ in der ausverkauften Aula des Cato Bontjes van Beek-Gymnasiums.

Zu dieser Lebenstüchtigkeit gehöre die Erfahrung von Schmerz und Trauer ebenso wie die Fähigkeit der Eltern, diese Empfindungen bei den eigenen Kindern zuzulassen und selber aushalten zu können.

Wer sich im Ungefähren bewege und nicht imstande sei zur Eindeutigkeit, schaffe Unsicherheit. „Kinder besitzen die natürliche Fähigkeit, Ja zu sagen, wenn sie Ja meinen oder Nein, wenn sie Nein meinen.“ In die „Generation Jein“ führe sie erst das Verhalten der Erwachsenen, in der die sich längst befinden: „Wir kooperieren zu oft und verlieren dabei unsere Integrität.“

Das aber sei der „psychosozialen Gesundheit“ nicht zuträglich: „Kindererziehung“, sagte Jesper Juul, „war in den vergangenen 300 Jahren ein Aneinanderreihung von Misserfolgen. Mehr noch – sie war eine Katastrophe“. Und er fügte hinzu: „Niemand weiß um die richtige Erziehung. Es gibt kein Falsch und kein Richtig.“ Es gebe jedoch die Erkenntnis, dass Erziehung die Konsequenz familiären Lebens sei („Nicht, was wir machen, ist entscheidend, sondern wie“) und darüber hinaus die Einsicht, so Juul durchaus selbstironisch, dass ein siebenjähriges Kind täglich maximal vier bis fünf Stunden Pädagogik vertrage.

„Quatsch“ hingegen sei die Annahme, Kinder bräuchten Grenzen: „Sie verfügen über natürliche.“ Auch habe ihr Verhalten, so unverständlich es bisweilen auch erscheinen mag, immer etwas Sinnvolles.

In diesem Zusammenhang erzählte Jesper die Geschichte von Rocco. Rocco, vier Jahre („Kinder bis vier brauchen keine Erziehung, sondern freundliche Begleitung“) kein Stubenhocker, sondern immer unterwegs und offensichtlich sehr wütend. In seiner Wut beschädigt er mit Steinschlägen eine Reihe von Autos. Seine Mutter sagt ihm danach nur das: „Ich will wissen, warum Du so wütend bist.“ Nach vier Tagen sagt Rocco, dass er auf sie, auf seine Mutter, wütend gewesen war, dass er sich jetzt aber unbedingt bei den Autobesitzern entschuldigen möchte. Und ob sie ihm dabei helfen könne: „Kinder hören zu“, so Juul „wenn die Qualität stimmt.“ Und sie lernen aus Erfahrungen, wenn man ihnen Platz und Zeit einräumt. Es gehe, so der Pädagoge, um die Verantwortung für Erziehungsqualität. Schule scheine davon weit entfernt: „Schule übernimmt nie Verantwortung, aber sie zerstört viele Kinder.“

In seinem Vortrag „Was Familien brauchen – über Leuchttürme und Sparringspartner“ redete Jesper Juul dem Dialog das Wort, aber auch der Gelassenheit: „Viele Eltern beschäftigen sich mit ihren Kindern wie mit einem Hobby, in das alle Energie fließt.“ Dabei kann auch hier weniger häufig mehr bewirken. Für alle.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Kein Friseurtermin in Sicht: Finger weg von der Bastelschere

Kein Friseurtermin in Sicht: Finger weg von der Bastelschere

So klappt es mit der neuen Fremdsprache

So klappt es mit der neuen Fremdsprache

Raumtrenner sind mehr als nur Raumtrenner

Raumtrenner sind mehr als nur Raumtrenner

Hefezopf und Rüblikuchen: So wird Ostern richtig fluffig

Hefezopf und Rüblikuchen: So wird Ostern richtig fluffig

Meistgelesene Artikel

Corona: Wie Reitställe und -vereine mit Kontaktverbot und Ausgangssperre umgehen

Corona: Wie Reitställe und -vereine mit Kontaktverbot und Ausgangssperre umgehen

Helden des Alltags: Als Bäcker täglich für Kunden im Einsatz

Helden des Alltags: Als Bäcker täglich für Kunden im Einsatz

AWK wieder komplett in der Hand des Landkreises

AWK wieder komplett in der Hand des Landkreises

Gutscheine statt Internetkauf: Wie können Geschäftsinhaber Corona-Krise überleben?

Gutscheine statt Internetkauf: Wie können Geschäftsinhaber Corona-Krise überleben?

Kommentare