Marlene Stanschus macht Ausbildung zur Mechatronikerin / Täglicher Umgang mit Werkzeug und Computer

Keine Angst vor schmutzigen Händen

Bremsklötze ausbauen: Marlene Stanschus und Juniorchef Torsten Boyer.

Verden - (nie) · Zuerst hatte sie schon ein flaues Gefühl und Sorge, nicht wirklich ernst genommen zu werden. Nach knapp sechsmonatiger Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin bei Auto Boyer in Verden weiß es Marlene Stanschus besser: Es lernt sich gut allein unter Männern, denn, so die 21-Jährige, „Zickenterror gibt es nicht.“

Mit einem Schlagschrauber löst Marlene Stanschus die letzte Radmutter, dann nimmt sie sicher den schweren Reifen samt Felge von der Achse des Fahrzeugs. Die Hände der angehenden Kfz-Mechatronikerin sind schmutzig, doch das stört sie nicht im geringsten. Sie fühlt sich wohl, umgeben von Autos, Motorenöl und Werkzeug.

Eigentlich wollte Marlene Produktionstechnik studieren, doch schon nach kurzer Zeit wusste die junge Frau: Das ist nichts für sie  – zu wenig Bewegung, zu wenig Abwechslung und viel zu viel Theorie. Also gab sie das Studium auf und beschloss, ihr Hobby, nämlich das Schrauben an Fahrzeugen, zu ihrem Beruf zu machen und Kfz-Mechatronikerin zu werden.

Doch das war leichter gedacht als getan. Mehr als 70 Bewerbungen hat die Bremerin binnen eines Jahres geschrieben, doch trotz Abitur und guter Noten kamen – wenn überhaupt – nur Absagen ein. Erst als sie ihre Initiative auf das Umland ausweitete, hatte sie Erfolg: Auto Boyer, eine freie Werkstatt in Verden, signalisierte Interesse und lud die damals 20-Jährige zu ihrem ersten und einzigen Vorstellungsgespräch ein. Und nachdem sie im Praktikum die entsprechenden handwerklichen Qualitäten gezeigt hatte, war klar: Marlene bekommt den begehrten Ausbildungsplatz.

„Sie ist aber auch eine Ausnahme“, sagt Seniorchef Hans-Jürgen Boyer und dass der Betrieb nur selten Bewerbungen von Frauen für eine Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin bekäme. „Dabei sind Frauen und Technik gar kein Problem“, fügt er hinzu. „Im Gegenteil, wenn sie sich dafür interessieren, sind sie mit viel Eifer und mit noch mehr Fleiß dabei.“

Den Entschluss, einen so genannten Männerberuf zu ergreifen, hat die junge Frau noch keine Sekunde bereut. „Ich fand den Beruf schon immer interessant. Zu Hause war ich ohnehin schon früh für technische Sachen zuständig. Außerdem habe ich Freunde, die historische Fahrzeuge wieder flott machen“, erzählt die junge Frau. Dass sie in ihrem Ausbildungsbetrieb die einzige Frau in der Werkstatt ist, bereitet ihr keine Sorgen. „Chefs und Mitarbeiter sind alle sehr nett. Vor allem aber wird mir viel gezeigt, so dass ich entsprechend lerne.“

Die dreieinhalbjährige Ausbildung beschreibt Boyer als recht anspruchsvoll: „Einen Realschulabschluss sollte man schon haben“, sagt er, zumal es in dem Beruf nicht ohne Computerkenntnisse gehe. Updates von Software, Diagnosegeräte auswerten und Herstellerinformationen aus dem Internet herunter laden gehören dazu. „Deutlich mehr als die Hälfte der Arbeit spielt sich am Computer ab“, sagt Boyer. Ölige Hände kriege man zwar immer noch, aber mit denen müsse man dann an den PC.

Dennoch sind bei der Reparatur trotz aller Elektronik die klassischen Fähigkeiten als Mechaniker gefragt. „Die Technik nimmt einem die Arbeit nicht ab. Man muss schon wissen, wie der Motor oder die Antriebswelle funktionieren“, erklärt Boyer, und weil hochkomplexe Systeme wie ABS, ESP und Airbags das Fahren sicherer machen, steckten immer mehr Platinen in Fahrzeugen, über die der Berufsstand den Überblick behalten müsse.

Marlene ist glücklich mit ihrem Ausbildungsplatz. Dabei denkt sie auch an jene, die keine Lehrstelle gefunden haben. Gedanken macht sie sich auch über die Zeit danach. Schon jetzt gebe es in Deutschland rund eine Millionen Leiharbeiter, 25 Prozent sind Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren. Ganz zu schweigen von den Minijobbern. Die Situation für Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss sei zudem besonders prekär, für ausländische Jugendliche mehr noch als für deutsche. Trotz Abitur wird Marlene daher auch ihre Lehrzeit nicht verkürzen. „Ich weiß ja noch nicht, was arbeitstechnisch danach kommt.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Genua will wieder hoch hinaus

Genua will wieder hoch hinaus

50 Jahre Citroën SM

50 Jahre Citroën SM

Wie Sprachreisen in Corona-Zeiten ablaufen

Wie Sprachreisen in Corona-Zeiten ablaufen

Fotostrecke: Eigentor, Kampf und Jubel - Relegations-Remis rettet Werder!

Fotostrecke: Eigentor, Kampf und Jubel - Relegations-Remis rettet Werder!

Meistgelesene Artikel

Koks und Gras machen ihnen großen Spaß

Koks und Gras machen ihnen großen Spaß

Quarantäne schrumpft drastisch

Quarantäne schrumpft drastisch

Paten für Bänke in Wald und Flur gesucht

Paten für Bänke in Wald und Flur gesucht

Ein neuer Mann am Steuer

Ein neuer Mann am Steuer

Kommentare