Neujahr 1914: Ahnungsloses Grußwort / Fahnen für die „Heeresvermehrung“

Jubel vor der Urkatastrophe

Achim - Von StadtarchivarKarlheinz GerholdACHIM · Ahnte man zum Jahreswechsel 1913/1914, dass am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg für das Deutsche Kaiserreich mit seiner Kriegserklärung an Russland beginnen, dass er Europa und fast die ganze Welt in die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ führen sollte?

40 Staaten waren an diesem Krieg beteiligt. Er forderte 17 Millionen Menschenleben und gilt im traumatisierten Gedächtnis der Völker des beginnenden 20. Jahrhunderts als der „Große Krieg“.

Auch die jüngsten Forschungsergebnisse des britischen Historikers Christopher Clark, wonach die wichtigsten europäischen Staatschefs und Politiker gleichsam wie „Schlafwandler“ ahnungs- und verantwortungslos in den Krieg taumelten, werden nicht die Hauptverantwortung des Deutschen Reichs an der Katastrophe in Frage stellen können.

Im Achimer Kreisblatt vom 1. Januar 1914 ist auch ein Gedicht von W. Runge zu finden. Es klingt wie die Vorahnung einer künftigen, schlimmen Zeit und wirkt von heute aus betrachtet fast hellsichtig.

„1914: Zum neuen Jahr!

Wie Alpdruck lagert über

Deutschlands Gauen

Die bange Ahnung einer

schlimmen Zeit!

Wie Waffenruhe vor ge-

walt'gem Streit,

Weckt die Erinn'rung

heimlich Furcht und

Grauen.

Um auf des Schlachtfelds

blutgetränkten Auen

Die innere Zwietracht

und Zerrissenheit

Zu heilen, steh'n die Völker kampfbereit

An unsern Grenzen rings, wohin wir schauen.

Der Rassenhaß wetzt sein

verruchtes Schwert;

Gedanken, die der Hölle

Schlund entstammen,

Gebiert die Zeit in unheil-

vollen Wehen!

O Schicksal! Wenn dein

Wetter niederfährt,

Anfachend rings des Wel-

tenbrands blut'ge Flam-

men

Laß mit dem Unkraut

nicht die Saat vergehen.“

Eher ahnungslos fällt das Grußwort der lokalen Redaktion an die Leserschaft aus: „In wenigen Stunden wird das alte Jahr seine Laufbahn beendet haben und unter dem Geläute der Glocken hält das neue Jahr seinen Einzug, umbraust von millionenfachem Jubel, in dem ebenso viele Wünsche und Hoffnungen zum Ausdruck kommen. Und wie viel gute Vorsätze werden heute gefasst!

Ist nun auch vom guten Vorsatz zur guten Tat noch ein ganz gewaltiger Schritt, so sieht man doch wenigstens, dass es nicht am guten Willen mangelt, ohne den schließlich in der Welt nichts von statten geht.

Mit guten Vorsätzen sollte darum zum mindesten der Weg in die Zukunft gepflastert sein, damit dem alten Wort einige Chancen geboten seien, das da lautet: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und so schauen wir denn getrost und wohlgemut in die Zukunft, von der uns das neue, nun beginnende neue Jahr wenigstens einen Teil enthüllen soll. Wir schließen mit dem Wunsche, dass das neue Jahr für alle unsere verehrten Leserinnen und Leser ein gesegnetes sein möge!“

Martialischer ging es da in Berlin am Hofe zu: „Mit Glanz wird das neue Jahr am Kaiserlichen Hofe zu Berlin empfangen…Am Morgen des Neujahrstages findet ein großes Wecken, ausgeführt vom Musikkorps des 4. Garderegiments zu Fuß, statt.

Alter Tradition gemäß bewegt sich der Zug die Linden hinunter vom Schloss zum Brandenburger Tor und zurück. Zur selben Zeit bläst ein Trompeterkorps von der Kapellenkuppel des Königlichen Schlosses einige Choräle.

Um 10 Uhr vormittags findet in der Schlosskapelle ein festlicher Gottesdienst statt, an dem im Gefolge des Kaiserpaares außer den kaiserlichen Söhnen die gesamten hohen Hofchargen und hohen Militärs teilnehmen… Nach dem Gottesdienst nimmt der Kaiser bei der im Weißen Saale des Schlosses stattfindenden Gratulationsdefiliercour die Glückwünsche der Armee entgegen, während im Lustgarten die Leibbatterie des 1. Gardefeldartillerieregiments 101 Salutschüsse abfeuert.

Die Kommandierenden Generale des Deutschen Heeres versammeln sich bald nach 12 Uhr mittags in der Ruhmeshalle des Zeughauses, wo der Kaiser mit seinen Söhnen erscheint, um die Nagelung von 26 neuen Truppenfeldzeichen vorzunehmen.

Es handelt sich um Fahnen für die anlässlich der letzten großen Heeresvermehrung neu errichteten Truppenteile. In Verbindung mit der zur gleichen Zeit im Lichthofe des Zeughauses stattfindenden Großen Paroleausgabe erfolgt die feierliche Weihe dieser Fahnen.“

Die Anfang des 20. Jahrhunderts bereits aktive Friedensbewegung kam jedenfalls nicht zu Wort.

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