Angelika Bernstein-Janßen als Grundschulrektorin in Völkersen verabschiedet

„Ich wollte etwas bewegen“

Im ganz kleinen Kreis feierte am Freitag Angelika Bernstein-Janßen nach über drei Jahrzehnten mit dem Team der Grundschule ihren Abschied als Rektorin – unter surrealen Corona-Bedingungen. Schuldezernent Jörg Rokitta musste die entsprechende Urkunde des Landes Niedersachsen auf Abstand überreichen. „Spaß muss sein“, lautete dazu der Kommentar der angehenden Ruheständlerin. 
Foto: Wenck
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Im ganz kleinen Kreis feierte am Freitag Angelika Bernstein-Janßen nach über drei Jahrzehnten mit dem Team der Grundschule ihren Abschied als Rektorin – unter surrealen Corona-Bedingungen. Schuldezernent Jörg Rokitta musste die entsprechende Urkunde des Landes Niedersachsen auf Abstand überreichen. „Spaß muss sein“, lautete dazu der Kommentar der angehenden Ruheständlerin. Foto: Wenck
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    vonJens Wenck
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Völkersen – Es gibt Tage, von denen weiß man, dass sie kommen werden. Manchmal versucht man sie zu verdrängen. Das klappt eigentlich für eine ganze Zeit ganz gut. Es hilft aber doch nichts. Eines Tages klingelt das Telefon: „Am 26. ist meine Verabschiedung.“ Erwischt.

Um das gleich klarzustellen: Angela Bernstein-Janßen ist keine Verdrängerin. Die Völkerser Grundschulrektorin hat sich nach eigenem Bekunden schon vor zwei Jahren Gedanken gemacht, wann und wie ihre Verabschiedung aus dem Schuldienst sein soll: am 26. Juni 2020. Nach 31,5 Jahren in Völkersen.

Vor etwa einem Jahr hat sie die Gästeliste zusammengestellt. „Und gewusst, dass ich viele nette Menschen einladen möchte.“ Dann kam vor dreieinhalb Monaten Corona. Die Folge: Feier im kleinen Kreis, einhalten der Abstandsregeln, gegenseitiger Dank und beste Wünsche viel, viel zu oft nur aus der Ferne.

Aber vor Freitag noch einmal mit der Zeitung treffen, reden? Geht. Schön im Schatten hinten auf dem Hof zwischen Grundschule und Kindergarten. Mit Corona-Abstand, Musik von den Bauarbeitern im Krippenneubau nebenan und einer Amsel, die ab und an lauthals ihren Senf dazugeben muss.

Ihr „schulisches Leben in Zahlen“ hat sie mitgebracht und die Begrüßungsrede für die Gäste ihrer Feier. „Ich dachte, das könnte helfen.“ Tut es. Die Worte „Glück“ und „glücklich“ kommen oft vor. „Weil ich ein wahres Glückskind bin und oft Glück gehabt habe.“

„Lehrerin? Wollte ich schon als Kind werden. Ich hatte eine Klassenlehrerin, die habe ich angehimmelt. Die war so liebevoll und hat uns neugierig gemacht.“ Außerdem hat diese Frau für einen der Glücksmomente im Leben der Angelika Bernstein-Janßen gesorgt – weil sie deren Vater überredete, seine Tochter auf das Gymnasium gehen zu lassen.

„Es war in unserer Familie nicht üblich, aufs Gymnasium zu gehen“, erzählt sie. Vor ihr war überhaupt noch niemand auf dem Gymnasium.

Die Eltern waren fleißige Leute, der Vater bildete sich im Fernstudium zum Ingenieur. „Wenn du sitzen bleibst, gehst du ab“, hat der Vater gesagt.

Also das Gymnasium am Wall. 1965 in der Stadt mit dem Dom, den Kasernen, den vielen Beamten und Juristen, gut situierten Bürgern, ihren Kindern – und ihrem besonderen Standesbewusstsein. Das sagt Angelika Bernstein-Janßen zwar nicht, aber es schimmert in ihren Erzählungen durch. Niemand sagt, dass Glückskinder es immer leicht haben.

Ab der 9. Klasse wird Mathematik ihr Lieblingsfach. Das wird sie später nach dem Abitur dann auch studieren, in Kiel. Als sie mit dem ersten Staatsexamen fertig ist, gibt es in der Bundesrepublik von 1977 die sogenannte Lehrerschwemme – und wenig Stellen. Wieder hat sie Glück, sagt sie und wird als Lehrerin an der Nikolaischule Verden angestellt. Später, nach dem zweiten Staatsexamen gibt es 1981 eine Anstellung am Schulzentrum in Dörverden. Vorher das Einstellungsgespräch. „Sie wollen doch nicht etwa heiraten?“ „Doch.“ „Sie wollen doch nicht etwa einen Doppelnamen annehmen?“ „Doch.“ „Sie wollen doch nicht etwa auch noch ein Kind?“ „Doch.“

Wenn Angelika Bernstein-Janßen das erzählt, freut sie sich noch heute. Tochter Eltje wird 1984 geboren. Sie ist Tierärztin. Da beide Eltern Lehrer waren, gab es keine Ambitionen auch Lehrerin zu werden, sagt die Mutter.

Nach Grundschule, Hauptschule, Orientierungsstufe, einem Engagement als Fachlehrerin Mathematik für einen 1. Offizier der MS Europa (der brauchte sein Examen als mögliche Voraussetzung für eine Lehrtätigkeit an der Seefahrtsschule) kam die Bewerbung für Völkersen. „Ich wollte etwas bewegen – und nicht nur verwalten.“ Außerdem muss sie eine Stelle in einer kleinen Schule ja nicht für ewig sein.

Bernstein-Janßen lässt die Eltern ihrer Schule gleich mal ein Modell für eine Bibliothek, die „Bücherhäuser“ bauen, die in die Pausenhalle vor diese grässlich-kahle Klinkerwand sollen. Die Völk’ser entpuppen sich als äußerst motiviert und engagiert. Das Modell wird fertig, ein Tischler baut das Original, das der Förderverein der Schule finanziert.

Das jetzt und für alle Jahre Völkersen eine Keimzelle für Lesemenschen werden soll, ist kein Zufall. „Bei der Tätigkeit in der Schule habe ich gemerkt, wie schön Deutsch ist. Die Schönheit der Sprache gegen die Wissenschaft der Muster“, sagt die strukturierte Mathematikerin, die aber auch ganz genau um die Bedeutung von Worten weiß, gerade wenn es um ihre Schule, ihre Kinder oder ihr Kollegium geht.

Mir hat sie einmal gesagt, ich sollte nicht mehr von den „Lütten“ schreiben, wenn es um die Kinder geht. Das seien zwar Menschen jung an Jahren und Erfahrungen, aber eben ganze Menschen, die auch allen Respekt verdienten.

„Gibt es jetzt eigentlich gerade nur Frauen im Kollegium?“, frage ich und mache noch schnell eine Notiz.

Schweigen gegenüber. Nur die Amsel singt. Oh, oh. Erwischt. Mundwerk war wieder schneller als Hirn, jetzt besser nicht hochschauen. Oder doch. Die Lehrerin guckt durch ihre runde Brille, nickt und sagt: „Im Moment a u s s c h l i e ß l i c h Frauen. Wir hatten aber auch schon männliche Kollegen.“

An Fortbildungen, die die Kinder und die Schule, auch ganz praktisch weiterbrachten, kamen sie in Völkersen selten vorbei. Autorenlesungen, Lesenächte hat es gegeben.

Es ist unmöglich, alles aufzuzählen. Die Kooperationen mit der Helene-Grulke-Schule dauert in Völkersen auch schon 23 Jahre, die Kinderarche konnte in Völkersen unterkommen.

Natürlich macht sich niemand in mehr als 30 Berufsjahre bei allen beliebt. Sicher gibt es da jemanden, der seinen Groll hegt und pflegt.

Wenn man aber mal in Völkersen und umzu bittet, sie sollen mal in zwei Sätzen etwas zu ihrer Schulleiterin sagen, kommt stets: „In zwei Sätzen nur? Geht nicht.“ Immer für die Kinder, für die Schule und auch das Dorf da, lässt sich aus den Antworten herausfiltern. „Und das weit über das normale Maß hinaus“, findet zum Beispiel Bürgermeister Andreas Brandt.

„Das muss ich ihnen noch mal eben zeigen“, sagt Angelika Bernstein-Janßen. „Das ist einer meiner letzten großen Glücksmomente hier.“ Es ist der Spielturm, der jetzt endlich aufgebaut hinter der Schule steht. Für den hat die Herstellerfirma die Hälfte des Preises erlassen, weil die ganze Schule sich mit einem Video beworben hatte. Drehbuch: Angelika Bernstein-Janßen, technische Ausführung: Hausmeister Schröder. „Der ist übrigens ganz fantastisch. Hab ich das schon gesagt?“

Wir hätten viel zu viel über sie gesprochen, findet die Noch-Schulleiterin. Der Leitspruch der Schule lautet übrigens: „Wir helfen euch, es selbst zu tun und dafür Verantwortung zu übernehmen.“

Angelika Bernstein-Janßen hat die kleine überschaubare Grundschule in Völkersen, deren Kinderzahlen doch tatsächlich wie schon in den 80ern wieder in Richtung 70 klettern, dann doch nie verlassen. Der Grund? Die Kinder: „Sozialkompetent und lernwillig.“ Heute wie vor 30 Jahren. „Das zeichnet die Schule und ihr Einzugsgebiet wirklich aus.“ Neugierig und ideenreich seien sie. Alle. „Auch die Flüchtlingskinder von 2015. Völlig integriert.“

Mit so vielen Leuten wollte sie feiern. Mit den Kindern wie in den vergangenen Jahren ein Erdbeerfest. Weil es in die Jahreszeit passt und sie die so mag. Jetzt gibt es das Fest zweigeteilt. Weil auch immer nur die Hälfte der Kinder kommen darf. Also Erdbeerfest am Freitag und am Montag. Den Freitag hatte Angelika Bernstein-Janßen sich eigentlich für alles auf einmal gewünscht. Es ist ihr 66. Geburtstag.

Na, ja.

Zeit zu gehen.

Sie macht die große Schultür auf, dreht sich noch einmal um und sagt im Hineingehen: „Ich wohne zwar nicht in Völkersen. Aber Völkersen ist mein Leben.“

Erwischt.

Von Jens Wenck

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