Ex-Minister Ravens erzählt in Hauptschule aus seinem bewegten politischen Leben, auch aus Nazi-Zeit

„Ich konnte doch kein Englisch“

Der „Achimer Junge“ Karl Ravens, 83, Vertrauter von Willy Brandt, Minister unter Schmidt, erteilte den zehnten Klassen der Hauptschule eine lebendige Geschichtsstunde.

Achim - (mm) · Kürzer als geplant fiel gestern die Lesung von Karl Ravens, enger Weggefährte von Willy Brandt, in der Achimer Hauptschule aus. „Die Schüler müssen zum Bus und wir haben Elternsprechtag“, flüsterte Rektorin Susanne Nakip dem früheren Spitzenpolitiker schon bald zu. Aber spannender als der Vortrag aus Brandts Buch „Über den Tag hinaus“ war für die Zehntklässler ohnehin wohl, als der 83-jährige Ravens vorab aus seinem eigenen, auch nicht gerade ereignisarmen Leben erzählt hatte.

„Ich war ja selbst Hauptschüler“, verriet der Sozialdemokrat und frühere Minister am gestrigen bundesweiten „Vorlesetag“ den Jugendlichen. Und dass er 1927 in Achim geboren wurde, in der Hillmannstraße aufwuchs, als „Volksschüler“ die Marktschule besuchte.

Seine Jugend erlebte Karl Ravens in der Nazizeit, worüber er eingehend berichtete und damit den jungen Menschen eine lebendige, fesselnde Geschichtsstunde bescherte. „Ich wollte Flieger werden, bin deshalb in die Hitlerjugend gegangen, dort habe ich eine komplette Flieger-Ausbildung bekommen“, bekannte der gelernte Metall-Flugzeugbauer.

Als junger Soldat habe er dann jedoch 1945 in Delmenhorst hautnah mitbekommen, wie abgemagerte Kriegsgefangene auf Lkw getrieben und zum Konzentrationslager Neuengamme verfrachtet wurden. „Das Klappern der Stiefel auf der Verladerampe habe ich noch heute im Ohr.“

Dieses Erlebnis habe ihn das ganze Leben lang begleitet. Von da an sei die Nazi-Propaganda bei ihm nicht mehr verfangen.

Nach dem Krieg habe er als Lehrlingsausbilder bei Borgward gearbeitet, erfuhren die Zuhörer weiter, bevor dann 1961 die politische Karriere des „Achimer Jungen“ Karl Ravens begann. Bundestagsabgeordneter, Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag, Landtags-Vizepräsident, Mitglied des Achimer Stadtrats und des Verdener Kreistags war der SPD-Mann unter anderem. Aber einen Namen machte er sich vor allem als Mitglied der Regierungen unter den Bundeskanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt.

1969 habe Brandt ihn zum Parlamentarischen Staatssekretär im Kanzleramt machen wollen. „Aber ich habe großen Schiss vor dieser Aufgabe gehabt“, verriet Ravens in einem Vorab-Gespräch. „Ich konnte als Volksschüler damals doch kein Englisch.“

Er wurde Staatssekretär und stieg zu einem der engsten Vertrauten des populären Brandt („Mehr Demokratie wagen“) auf. Doch dann kam die „quälende Zeit“ im Frühjahr 1974, als des Kanzlers persönlicher Referent Günter Guillaume als Stasi-Spitzel enttarnt wurde und Brandt zurücktrat.

„Ich war sehr erschüttert und habe nach der Nachricht lange geheult. Ich hatte von Politik die Nase voll“, erzählte Ravens den Schülern. Von Brandt-Nachfolger Schmidt ließ er sich aber dennoch das Amt des Bundesbauministers antragen.

Karl Ravens, der bis 1980 in Achim wohnte und seitdem in Hannover zu Hause ist, las den Schülern noch kurz aus Brandts 1974 erschienenen Buch „Über den Tag hinaus“ vor. Sie hörten von der „Ölkrise“, die 1973 die Energieversorgung, Arbeitsplätze, den Lebensstandard in der Bundesrepublik und darüber hinaus gefährdete. Brandt habe schon damals die „Frage nach der Quantität und Qualität des Wachstums“ gestellt. „Das könnte auch heute sein“, kommentierte Ravens.

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