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Handwerk: Große Probleme, aber keine Panik

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Von: Manfred Brodt

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Ein Mann in weißem T-Shirt und blauer Jeans steht an einem Geländer auf einer Galerie. Unten sind Maschinen zu sehen.
„Bäckereien sind systemrelevant“, meint Firmenchef Christof Baalk. Das Gas werde seiner Branche daher nicht abgedreht. © Brodt

Der Ukrainekrieg hat auch Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft. Bauunternehmen sind besonders betroffen, Bäckereien vor allem dann, wenn sie zwischen den Genossenschaften hin- und her pendeln.

Verden/Achim – Putins Angriffskrieg in der Ukraine hat mächtige Auswirkungen auch auf die heimische Industrie und das Handwerk. „Zwar gibt es nur im Einzelfall direkte Geschäftsbeziehungen in die Ukraine oder nach Russland. Energiepreissteigerungen und Lieferprobleme bei Rohstoffen und Material treffen viele unserer Betriebe jedoch mit voller Wucht“, stellt Detlef Bade, Präsident der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade, fest. Er bezieht sich dabei auf eine Umfrage, an der sich 314 Mitgliedsbetriebe der Kammer beteiligt haben.

Neun von zehn Handwerksbetrieben sind danach durch die deutlich gestiegenen Energiepreise belastet. 81 Prozent sind von Preissteigerungen bei Rohstoffen, Materialien und Produkten betroffen. Zwei von drei Unternehmen melden Lieferengpässe. 40 Prozent der Betriebe stellen Kaufzurückhaltung fest, jedes siebte Unternehmen registrierte wegen knapperer Kassen Stornierungen. Geschäftlich freuen können sich nur einzelne Betriebe, die eine verstärkte Nachfrage nach erneuerbaren Energien feststellen.

Von Preissprüngen, Engpässen und Verzögerungen bei Lieferprodukten sind besonders jene Wirtschaftsbereiche betroffen, die mit Baumaterialien, Metallen, Holz, Kunststoffen oder auch Bitumen arbeiten, vom Straßenbau bis zum Hoch- und Wohnungsbau. Davon können auch Unternehmen im Landkreis Verden ein Lied singen.

„Friss oder stirb“, heißt es bei den Lieferanten für Unternehmen in Verden

Zum Beispiel die Firma Oelkers in Verden. „Die Preise schießen in die Höhe, ob aus Engpässen durch den Krieg oder Spekulationen, lässt sich nicht immer sagen“, berichtet Firmenchef Cord Oelkers. Kann ihm auch egal sein, denn ob Bewehrungsteile aus Stahl, Stahlbeton, Stahlmatten, Zement, Kunststoffe oder Holz – die Preise explodieren. „Es gibt nur noch Tagespreise“, berichtet er. „Friss oder stirb“ ist in etwa das Motto, wenn er mit Lieferanten über Mengen und Preise spricht. Langfristige Festlegungen zu Lieferzeitpunkten und Preisen kann das Unternehmen gegenüber Kunden nicht treffen. Die Lager sind leer. Und das früher übliche „Just in time“ ist zu einer Utopie geworden. Von Personalmangel bei den Speditionen mal ganz zu schweigen.

Cord Oelkers weiß, dass „seine Jungs“, so nennt er die Arbeitnehmer, und die Kunden mit dem Geld rechnen müssen. Bei den gestiegenen Preisen für Lebensmittel, Heizung und Benzin können sich viele ein neues Häuschen nur schwer leisten.

Da trifft es sich für ihn gut, dass er insbesondere Großkunden hat, zu 20 Prozent die öffentliche Hand, zum Beispiel beim neuen Feuerwehrhaus in Verden-Walle, und zu 80 Prozent große Firmen und Geldanleger. „Und die, die viel Geld haben, investieren in Gebäude, um der Geldentwertung durch die Inflation zu entgehen“, berichtet er.

Irgendwo mangelt es immer an Material

Anders ist die Kundenstruktur bei der Kirchlintelner Firma „Die Maurermeister“. Sie hat die sogenannten kleinen Kunden, Häusle-Eigentümer. „Nach Corona nun die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine“, beschreibt Matthias Jung die aufeinander folgenden Schrecken. Alles – Steine, Stahl, Holz – wird teurer, teilweise aufs Dreifache in kurzer Zeit. Steine, die er sonst in zwei Tagen bekam, erhält er vielleicht in zwei Wochen oder noch später. Er ist froh, dass er nicht den Staat oder die Kommunen als Auftraggeber hat. „Und zum Glück haben wir viele Baustellen gleichzeitig. Da können wir schon mal von der einen zur anderen hin- und herspringen, wenn es irgendwo an Material mangelt.“

Sich auf längere Sicht festlegen kann auch er nicht, genauso wenig wie die Kunden, die noch ein paar Tage mit ihren Aufträgen abwarten, um sie dann eher aufs nächste Jahr zu verschieben. „Natürlich fehlt vielen Endverbrauchern das Geld“, weiß der Firmenchef. Für die Mauermeister ist das Verschieben der Investitionsentscheidungen nicht das Problem, da sie für dieses Jahr ohnehin ausgebucht sind. Was dann geschieht, ist aber auch für sie ungewiss.

Noch ganz positiv sieht Torsten Wenzlaff, Pressesprecher der Hydro Extrusion in Achim-Uphusen, die Situation. Sicher ist das Unternehmen, in dem jährlich 22 000 Tonnen Aluminium bei 500 Grad mit zwei Strangpressen und einer vollautomatischen Eloxal-Anlage weiterverarbeitet wird, höchst energieintensiv. Und die Energiepreise sind im Februar und März für den Betrieb um 40 Prozent gestiegen. Aber der Nachfrage tut das keinen Abbruch. Hydro ist breit aufgestellt und hat ausschließlich Geschäftskunden im Maschinenbau, Möbelbau, in der Bau-, Elektro- und Fahrzeugindustrie, zum Beispiel auch große Fensterbauer, und da ist die Nachfrage groß, unter anderem, weil sich viele Menschen in der Corona-Zeit einen Wintergarten zugelegt haben.

Lieferengpässe hat das Unternehmen nicht. Das Aluminium des multinationalen Konzerns mit der Zentrale in Norwegen kommt nicht aus Russland oder der Ukraine. Es wird nicht nur auf allen Kontinenten der Welt gewonnen, sondern auch in Belgien recycelt. Hydro Extrusion in Uphusen mit seinen 250 Beschäftigten bleibt zuversichtlich und sucht noch Arbeitskräfte und Auszubildende.

Dem Bäckereibetrieb Baalk fehlt es an Kraftfahrern

Moderat fällt auch die Reaktion von Christof Baalk, Chef von Baalk Backbord in Verden, aus. „Schön ist es nicht, jeden Tag von Lieferanten neue Preise für Milch, Fleisch, Salami, Käse oder Mehl“, sagt der Bäckermeister. Das wirkt sich auf die Produkte aus, wobei dem Unternehmer nicht immer ersichtlich ist, warum zum Beispiel Kartoffeln oder Düngemittel unbedingt teurer werden müssen. Auch wenn die Ukraine als Kornkammer Europas gilt, sieht er zur Panikmache keinen Anlass. Die Lager seien voll und seine Genossenschaft, die Bäko in Oldenburg, beliefere ihn als Stammkunden verlässlich. Anders könne es bei kleineren Bäckereien aussehen, die wegen der Preisvorteile zwischen Genossenschaften hin- und herpendelten.

Problematischer ist da für den Chef von 160 Beschäftigten und 21 Bäckereifilialen in den Landkreisen Verden und Diepholz sowie Bremen-Süd die Logistik, der Mangel an Lkw-Fahrern, auch aus der Ukraine. Die hohen Energiepreise werden sich auswirken, auch wenn das Unternehmen ständig an Energieoptimierung arbeite, jetzt zum Beispiel durch Nutzung der Ofenwärme für das Warmwasser. Wenn dann noch der höhere Mindestlohn im Herbst dazu komme, werde es angesichts von Personalkosten um 50 Prozent nicht einfacher, kommentiert der Firmenchef die Situation. Gas wird die Bäckerei weiter bekommen. Da ist sich Christof Baalk sicher: „Denn auch Bäckereien sind systemrelevante Betriebe.“

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