49-jährige Angeklagte erfand Krankheiten, Stalking, Millionenerbe und betrog Blenderanerin

Geschichten der „Hochstaplerin“

Achim - Von Manfred Brodt ACHIM/BLENDER · Der Achimer Amtsrichter Heiko Halbfas bezeichnete die 49-Jährige, die aus Halle über die Justizvollzugsanstalt Hannover in Achims Gerichtssaal zwangsvorgeführt worden war, als klassische Hochstaplerin, und eine 61-Jährige aus Blender berichtete aufgewühlt, wie sie von ihr ausgenutzt worden war.

Die Blenderanerin hatte über das Engagement ihrer Tochter im Verdener Herbergsverein die Angeklagte 2008 kennen gelernt, mit ihr hin und wieder telefoniert, bis sie dann Ergreifendes am Telefon berichtete. Sie sei gerade in Bremen beim Arzt, der einen Gehirntumor bei ihr festgestellt und ihr Chemotherapie verschrieben habe. Man verabredete sich zum Kaffee in Blender, und die Blenderanerin erfuhr, dass die Frau zwei Töchter verloren hätte, eine durch Krebs, eine durch Tötung durch den Vater. Noch nicht genug: Von zwei Männern, darunter einem Busfahrer aus Verden, werde sie gestalkt, erzählte die neue Bekanntschaft. Als die Frau aus Blender erfuhr, dass ihre Bekannte im Auto auf einem Parkplatz bei Rotenburg übernachte, bot sie ihr voller Mitleid sofort Zimmer mit Bett und Verpflegung, natürlich kostenlos, an.

Man freundete sich an, unternahm viel, und die nächste unglaubliche Geschichte sollte folgen. Nachdem jahrelange Streitigkeiten mit einem Cousin beigelegt seien, bekomme sie von ihrer Mutter eine Erbschaft über 7,5 Millionen Euro, wusste die 49-Jährige zu berichten.

Weil sie Pferdeliebhaberin ist, waren die beiden neuen Freundinnen unterwegs zu Reiterhöfen, zum Springen in Hamburg oder auch beim Pferdeflüsterer in Verden. Als sie Gut Willingen („Das gehört mir“) besuchten, waren sie allerdings von einem Angestellten des Hofes verwiesen worden.

Angesichts des Millionenerbes war es nicht völlig verwunderlich, dass die 49-Jährige sich in Posthausen ein Wohnmobil bestellt hatte, mehrere Pferde zugelegt und zwei Mercedes-Limousinen gekauft hatte.

Dann die nächste Überraschung: „Ich habe heute mein Testament gemacht und Dich als alleinige Erbin eingesetzt als Dank für alles, was Du für mich tust“, eröffnete die neue Freundin der Blenderanerin.

Die war gerührt, aber auch durch gewisse Vorkommnisse leicht misstrauisch geworden und rief so beim Hausarzt der „Millionenerbin“ an, um sich wegen des Gehirntumors und der Chemotherapie zu erkundigen. Der Hausarzt ließ sich die Akte seiner Patientin kommen und teilte der fassungslosen Anruferin schnell mit: „Da steht nichts von einem Tumor drin.“

Es kam zum schlagartigen Bruch der beiden Frauen und Strafanzeige. Die Blenderanerin hatte neben Geld für Unterkunft, Verpflegung und Fahrten vom März bis Mai 2008 auch eine Freundin verloren, mit der sie sich unterhalten konnte. Mit ihrem Mann kann sie das seit seinem Schlaganfall nicht mehr. Grässlich missbraucht fühlte sie sich.

Die Fragen des Richters richteten sich zunächst an sie. Warum sie so gutgläubig gewesen sei, sie habe doch etwas bemerken müssen spätestens auf Gut Willingen. „Hat Gier auf Erbschaft Ihre Sinne vernebelt?“, fragte der Richter die Geschädigte.

Die fand diese Frage gar nicht gut und erwiderte: „Ich bin zwar blond, aber nicht blöd. Sie hat mich bei meinem Helfersyndrom erwischt. Sie hätten mal die Frau erleben müssen, was für eine gute Schauspielerin die ist.“

Während die Angeklagte im Gerichtssaal weitgehend schwieg, wusste ihr Verteidiger zu berichten, dass sie an manche ihrer Geschichten, zum Beispiel das Millionenerbe, selbst glaube.

Richter Heiko Halbfas sah einen großen Vertrauensbruch, Staatsanwalt Dieter Freese sprach schlichtweg von einer „Sauerei“, auf ein psychiatrisches Gutachten für die schon mehrmals wegen Betrugs vorbestrafte Angeklagte verzichteten sie aber, da der Schaden der Blenderanerin – geschätzt unter tausend Euro – dafür zu gering sei. So fiel auch die verhängte Geldstrafe mit 900 Euro gering aus.

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