Dauelser Günther Weking über „Made in Germany“ und Handel in den Jahren des Wirtschaftswunders

Per NSU auf Geschäftstour durch Caracas

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Flott unterwegs: Günther Weking, unterwegs in Caracas auf seiner NSU-Lux.

Verden - VERDEN · Deutschland ist Exportweltmeister. Der Erfolg hat viele Gründe, die Anfänge dafür liegen weit zurück. Einer, der sich genau erinnert, ist Günther Weking aus Dauelsen. „Von 1953 bis 56 war ich für den Verkauf von Waren mit dem Gütesiegel ,Made in Germany‘ in Venezuela/Südamerika unterwegs“, erzählt er von einer „aufregenden Zeit“.

Ende der 40er-Jahre im vergangenen Jahrhundert, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, begannen nicht nur die großen deutschen Firmen und Konzerne mit dem Aufbau ihrer weltweiten Verbindungen, sondern es waren auch die deutschen Außenhandelshäuser, ganz besonders die hanseatischen, die ihre vielfach schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts bestehenden Geschäfte wieder aufleben ließen.

Weking arbeitete seit 1952 bei der Firma Louis Delius & Co. in Bremen. Er war für die Abwicklung der Rohkaffee-Importe und für den Export nach Venezuela zuständig. „Als ich 1953 gefragt wurde, ob ich Lust hätte, für drei Jahre nach Caracas zu gehen, um dort die Interessen der Firma zu vertreten, habe ich keine Sekunde gezögert“, so der Abenteurer. „Arbeiten in Süd-Amerika, im Land der Llanos, gelegen an der karibischen See, mit Urwäldern, Ausläufern der Anden, dem gewaltigen Grinoco, das war etwas für mich.“

Die Voraussetzungen für den jungen Mann waren denkbar gut: „Ich war 22 Jahre alt, hatte mich schon mehrere Jahre intensiv mit der spanischen Sprache befasst, Abenteuerlust hatte ich sowieso, eine berufliche Herausforderung und ein Sprungbrett für meine Zukunftspläne war es auch.“

Nach einer außergewöhnlich Flugreise landete Weking in Maiquetia/Caracas und das Abenteuer Venezuela begann. Das sich heute „República Bolivariana de Venezuela“ nennende Land hatte damals zirka acht Millionen Einwohner, zu 85 Prozent Farbige, 15 Prozent waren Weiße. Das Sagen im Land hatten das Militär und die Polizei.

Auf Weking wartete eine Herkulesaufgabe. Der Delius-Vertreter sollte nicht nur den eigenen Vertrieb, sondern auch den fremder Firmen koordinieren. Porzellanwaren aus Hamburg, Profilstahl aus Düsseldorf, verzinkte Rohre und Stacheldraht von US-Firmen. Aus England und von den deutschen Hanfwerken Füssen-Immenstadt wurden Garne zur Herstellung von Fischnetzen (Guaral) verkauft. Gefragt waren Holzfaserplatten aus Finnland, Jagdwaffen und Angelgeräte von Genschow und DAM aus Deutschland. „Vom Hosenknopf bis zur Lokomotive, wir konnten alles besorgen“, lacht Weking.

Nach kurzer Kontor-Einarbeitung wurde er von einem erfahrenen deutschen Kollegen zu ersten Verkaufstouren in Caracas mitgenommen. „Von den Gesprächen verstand ich fast nichts und schon gar nicht von den vielen verschiedenen Artikeln, die er in den Handelshäusern und kleinen Fabriken anbot und verkaufte.“ Wekings erste Befürchtung: „Mit diesem neuen Job hatte ich mich wohl doch übernommen. Aber immerhin lernte ich jeden Tag beträchtlich dazu, vor allen Dingen in der Sprache.“ Das dicke Ende kam, als sein Kollege ins Innere Venezuelas reisen musste. „Er sagte mir – ich war gerade 14 Tage in Caracas – nun musst du allein zurechtkommen, das wird schon werden.“

Die Katastrophe drohte, als Weking mit dem Bus allein in die Stadt fahren musste. Die Firmen zu finden, die er ansteuern sollte, war fast unmöglich. Doch Not macht erfinderisch. Weking kaufte sich eine NSU-Lux und per Motorrad lief es rund, zumal er nun problemlos überall in der Stadt parken konnte.

Allmählich sah der Handelsvertrter Licht am Ende des Tunnels: „Ich konnte nach Stadtplan fahren, meine Sprachkenntnisse wurden immer besser, die Artikel von Delius kannte ich aus eigener Werkstatt-Tätigkeit in einer Schmiede zu Hause und die anderen Waren lernte ich eben durch Prospekte und Preislisten kennen.“

Der erste Auftrag, den er für Delius an Land ziehen konnte, war der Verkauf von Domino-Spielen im Wert von 500 US-Dollar. „Ich war der glücklichste Mensch in Caracas und mit mir freuten sich meine Kollegen.“

Es dauerte nur wenige Monate, bis Weking nicht mehr nur in Caracas, sondern für Gesamt-Venezuela zuständig war. Alle vier bis sechs Wochen musste er für zirka zwei Wochen ins Innere reisen, einmal Ost-Venezuela bis zum Delta Amacuro (Orinoco) und bis Ciudad Bolivar, einmal West-Venezuela, die Andenregion, bis nach Mérida und San Cristobal im Staate Táchira an der Grenze nach Columbien, und dann kam der südliche Teil mit den Llanos bis nach San Fernando de Apure.

Mit den neuen Aufgaben wurde es im wahrsten Sinne des Wortes „abenteuerlich“. Die Reisen in die Andenregionen wurden im wesentlichen „por Puesto“, also mit den von Stadt zu Stadt fahrenden Mietwagen und mehreren Personen, gemacht. „Jeden Tag eine andere Stadt mit teilweise merkwürdigen Hotels und ab und zu gefährlichen Straßen mit Steinschlägen, Erdrutschen und Hochwasser. Zurück nach Caracas ging es dann per Flugzeug mit einer DC 3 Avensa.“

Die Andenregion war teilweise sehr kalt mit ihren hochgelegenen Städten, der Süden mit den Llanos und der Westen mit seinen Küstenstädten und der Ferieninsel „Isla Margarita“ waren tropisch heiß. Die Hotels waren sehr unterschiedlich, so die Erfahrungen des Deutschen.

Das Verkaufen von Artikeln jeder Art an die Kundschaft sei zu keiner Zeit einfach gewesen. „Schlimm wurde es in den 50er-Jahren, als die Japaner fast schlagartig mit Angeboten auftraten, die bis zu 30 Prozent günstiger lagen, als bei europäischen Exportfirmen.“

Und es gab natürlich Qualitätsreklamationen. „Unser Chef hatte vom Verein Bremer Seeversicherer als Havarie-Kommissar die Aufgabe der Begutachtung von Seewasserschäden übernommen. Eine oft sehr unangenehme und auch gefährliche Aufgabe“, wie Weking selbst feststellen konnte. War sein Chef verhindert, musste er die Aufgabe übernehmen. „Was ich in der Position einige Male erlebt habe, war nicht von schlechten Eltern.“ Noch genauestens in Erinnerung ist ihm der Fall, wo es um 100 Fässer Collodium-Wolle ging. Laut Kunde waren 50 Fässer von Seewasser durchnässt. Doch als Weking nachprüfte, stellte er fest, dass allenfalls nur 20 Fässer betroffen waren. „Was den vielen Leuten, die dabei waren, gar nicht gefiel. Der Ring der Zuhörer, alle demonstrativ mit Werkzeugen in den Händen, zog sich zusehends enger. „Ich war ja auch verdammt allein“, erinnert sich der Handelsmann. „Wir haben uns dann ,geeinigt‘, aber selten habe ich in meinem Leben eine solche Schmach erlitten.“

Doch trotz derartiger „Zwischenfälle“, die positiven Erinnerungen haben überwogen. „Venezuela ist ein herrliches Land mit vorwiegend liebenswürdigen Menschen und beeindruckenden Landschaften. Ich verbinde mit meinen Aufenthalten viele schöne Erinnerungen.“ Und gute Geschäfte: Zirka drei Millionen US-Dollar, also etwa zwölf Millionen D-Mark, hat Weking in den drei Jahren für deutsche Unternehmen umgesetzt und dafür Tausende von Arbeitsstunden geleistet. „Von meiner Sorte waren damals Hunderte in der ganzen Welt unterwegs. Das waren für die damalige beginnende Wirtschaftswunderzeit genau die richtigen Impulse“, so Weking. · mw

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