Gegen das Zittern

Johann Bosselmann hat Malen als Therapie gegen die Parkinsonkrankheit für sich entdeckt

Was lange Jahre ein Blumenladen war, ist jetzt Johann Bosselmanns Malraum. Interessierte Besucher sind hier in Etelsen in Zukunft herzlich willkommen. 
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Was lange Jahre ein Blumenladen war, ist jetzt Johann Bosselmanns Malraum. Interessierte Besucher sind hier in Etelsen in Zukunft herzlich willkommen.
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Etelsen – Denn mal rein in die gute Stube. Johann Bosselmann ist schon drin. „Das hier ist mein Malraum“, sagt er. Atelier will er es nicht nennen. Das ist ihm zu hochgestochen und seine Malerei zu einfach. „Ich male querbeet. Was der Pinsel so hergibt und wie ich drauf bin.“ Seit gut drei Jahren geht das so.

Damals mussten Johann Bosselmann und seine Frau Hannelore in Etelsen ihre Blumenstube aufgeben. Aus „gesundheitlichen Gründen“, wie das dann so heißt. Bosselmann hatte die Diagnose Parkinson bekommen. „40 Jahre war ich beim Amt in Bremen als Gärtner.“ Schon mit 60 ist er in Rente, stürzte sich ganz auf den eigenen Laden.

Eben der ist jetzt sein Malraum. „Früher wurden hier die Blumen verkauft, jetzt werden sie hier gemalt“, sagt Hannelore Bosselmann, die an diesem Morgen immer mal wieder reinguckt. Ein kleiner Tisch und ein paar Stühle stehen in dem ehemaligen Verkaufsraum. Ein großer Arbeitstisch, ein großer Stuhl, an den Wänden jede Menge Bilder. Mittendrin auch Fotos von Sohn Thomas beim Angeln auf der Ostsee. „Er ist vor nicht mal vier Wochen gestorben. Krebs.“

Johann Bosselmann hat nie einen Malkurs besucht. Zu den Treffen der Parkinsonselbsthilfegruppe ist er gegangen. Deren damalige Vorsitzende Margret Cordes hatte ihm geraten, in eine Spezialklinik nach Biskirchen zu fahren. Dort hat es ihm gefallen. In sein Doppelzimmer zog ein Kollege mit ein, „der kam gleich mit sechs Koffern angereist.“

Der gute Mann hatte seine ganzen Malsachen mitgebracht – und Bosselmann gleich gewarnt, er würde nachts schlecht bis gar nicht schlafen und dann eben malen. „Passt. Ich kann auch nicht schlafen“, habe er gemeint, so Bosselmann. Der Kollege habe immer mit einem um den Kopf gewickelten Tuch gemalt. Weil es ihn so anstrengte, er musste den Pinsel schon mit beiden Händen halten, kam dabei sehr ins Schwitzen. Damit der Schweiß nicht auf die Bilder tropft, darum das Tuch. Auf Johann Bosselmanns Tisch in Etelsen liegt auch eins.

In den vier Wochen in Biskirchen sei einiges bewegt worden, erzählt der 74-Jährige. Er hat noch in der Klinik angefangen zu malen und ist dabei geblieben. Manchmal hat er ein Bild am Tag fertig bekommen. Manchmal malt er eine halbe Stunde, mal eine, zwei oder drei. Nimmt sich dann den Rollator und dreht zwei Runden durchs Dorf. „Rumsitzen kann und will ich nicht.“ Zu einer Herzoperation ins Krankenhaus Links der Weser in Bremen hatte er seinen Zeichenblock mitgenommen. Noch an den Schläuchen und Maschinen hängend wollte er zeichnen, und tat das auch, solange die Kraft reichte.

Das Zeichnen, das Malen, das Kreativsein beruhigt ihn. „Wenn das Zittern anfängt und ich anfange zu malen, dann hört das wieder auf. Oder ich haue auf den Tisch und sage,Schluss jetzt’.“ Malen ist seine Therapie.

Aquarelle malt er oder benutzt Ölkreide. Nach klassischen Bildern oder auch nach Motiven, die er gesehen hat und wie ein Foto abspeichert. Er nimmt auch das gleiche Motiv mehrfach in Angriff. „Die Bilder werden nie gleich.“ Wie er malt, ist auch stimmungsabhängig. Natürlich ist er nicht der große Techniker, wie auch, ohne Vorbildung. Aber die Sachen werden von Jahr zu Jahr besser, findet er.

Bosselmann nimmt auch schon mal Bilder mit, die andere Leute auf den Sperrmüll stellen. Wenn der Rahmen schön ist oder ihm das Motiv gefällt. „Hauptsache schön. Was soll’s.“ Das Malen ist für ihn definitiv etwas Schönes. Außer, wenn ihm einmal gar nichts einfällt.

„Dann bleibt das Blatt weiß. Es hat ja keinen Sinn Farbe zu verkle’en.“ Also, einfach nur so verschmieren hat keinen Sinn.

Vorn an der Straße, an der Ecke von Ginsterweg und Etelser Straße war auf dem Schild lange noch „Blumenstube“ zu lesen. Jetzt steht da groß „Bilderstube“.

Vielleicht haben ja Menschen mal Zeit und Muße in seinem Malraum vorbeizugucken und eine Runde zu schnacken. Ein zusätzliches Schild muss er noch aufhängen, überlegt Johann Bosselmann. Mit festen Zeiten drauf, wann er auch bestimmt da ist. Wenn dann noch jemand vorbeikäme, dem eines seiner Bilder richtig gefällt, das wäre die Krönung.

Von Jens Wenck

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