80-jähriger Oytener Hans Hermann Mindermann schrieb und bebilderte seine Lebenserinnerungen „von 0 bis 18“

Fliegeralarm stoppte auch Konfirmation

Die Schreckensszene von Pfingsten 1944 hielt Mindermann mit dieser Bleistiftzeichnung fest.

Oyten - (la) · Ein Erlebnis wie aus einem Albtraum: Zwei Oytener Jungen baden Pfingsten 1944 im damaligen Meyerdammer See und hören ein Flugzeuggeräusch. Es nähert sich ein viermotoriger amerikanischer Bomber mit zwei brennenden Triebwerken aus Richtung Bremen, wo er offenbar von der Flakabwehr getroffen worden war.

Die riesige „fliegende Festung“ donnert über die Jungen hinweg, die unter Birkensträuchern Deckung gesucht haben. Sie atmen auf. Doch dann fliegt der Bomber eine Rechtskurve, Flugzeugführer und Besatzung springen mit Fallschirmen ab, die Maschine „macht noch einen Rechtsbogen, und noch einen“– und fliegt immer tiefer wieder auf den See und die Jungen zu. In rund 200 Metern Höhe rast sie schließlich darüber hinweg – und kracht in der Hemelinger Marsch in eine Hecke.

Dieses Erlebnis gehört mit zu den Lebenserinnerungen, die Hans Hermann Mindermann aus Oyten auf 31 DIN A-Seiten zusammengefasst hat. Gerade am 24. Juli ist er 80 Jahre alt geworden und schrieb auch für das Kreisblatt schon kurze Geschichten und Gedichte op platt.

Mit dem von ihm durch Bleistiftzeichnungen illustrierten Werk „Frieden, -Krieg,-Frieden!“ möchte er einiges von dem wachhalten, was er erlebt hat. Er beschränkt sich dabei auf die Jahre 1930 bis 1948 – für ihn die Lebensjahre „ 0 bis 18“.

Es beginnt mit dem Kapitel „Auf einmal war ich da!“ und der Anmerkung „Was ich jetzt erzähle, weiß ich nur von meiner Mutter“. Die ersten drei Jahre sind gemeint.

Dass Jungen damals lange Strümpfe trugen, die per Strumpfband am Leibchen befestigt wurden, dass die Fahrt nach Bremen-Oslebshausen ohne Auto fast eine Weltreise und ein ganz besonderes Erlebnis war – das können heute nur noch die Älteren nachvollziehen.

Auch „Drachenbau“ und „Dummheiten“ kommen zur Sprache. So machten die Jungen mit einem langen Stock gern die Bienen im Bienenstock des Bürgermeisters wild – und diesen damit auch.

Die Hiterjugend mit Marschieren, Geländespielen, Fußball und Morsen lernen gefiel den Jungen durchaus. Die Wirklichkeit des Krieges mit allen Gräueltaten war noch weit entfernt. Als der ausbrach, war Hans-Hermann neun Jahre alt.

Das Verhalten bei Fliegeralarm wird in der Schule aber schon geübt, und der erste Ernstfall ist nicht mehr weit. Rund um Bremen und auch in Oyten werden schwere Flugabwehrkanonen in Stellung gebracht.

Wie der Vater zu Weihnachten 1942 Urlaub von der Front hatte, wie ein junger US-Soldat sich per Fallschirm aus dem angeschossenen Flugzeug rettete und auf dem Dach eines Hauses an der Kloppenburger Straße landete, ist ebenfalls in den Erinnerungen festgehalten.

Im März 1945 wurde Mindermann konfirmiert, doch ein Foto nicht gemacht. Während der Predigt gab es wieder mal Fliegeralarm. Später sah er nach einem Tieffliegangriff erstmals tote, verkohlte Menschen auf der Autobahn liegen. „Nie wieder Krieg“– diese Devise ist bis heute bei ihm fest eingeprägt.

Die letzten zwölf von 51 kurzen Kapitel beschäftigen sich mit der unmittelbaren Nachkriegszeit samt Schwarzmarkt, Sperrstunde, Schnaps brennen, aber auch der Rückkehr fröhlicher Stimmung etwa beim „Danz op de Deel“. Mit „Endlich 18 Jahre“, also im Jahr 1948, enden die Aufzeichnungen Mindermanns.

Rund ein Jahr hat er daran gearbeitet, beriet sich auch mit Ehefrau Sigrid, und die erwachsene Tochter Anja half maßgeblich dabei, das Ganze mit Computerhilfe zu Papier zu bringen.

Zu kaufen gibt es die Erinnerungen des 80-jährigen „Oyter Jungs“ jedoch nicht. Teure Druckkosten und dann vielleicht auf vielen Bänden sitzenbleiben - das Risiko wollte er nicht eingehen. Sehr lesenswert sind die gut 30 Seiten dennoch.

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