Bauernvertretungs-Präsident warnte gestern vor Fortfall der Milchquote / Ein Butterberg im Alpenland

„Erfolgsmodell Schweiz“ entlarvt

Martin Haab aus der Schweiz (links) und Dominique Petit aus Frankreich (mit Übersetzer) sprachen als Milchviehhalter und Interessenvertreter ihres Berufsstandes auf der regionalen Veranstaltung des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM)gestern Vormittag in Oyten. Laut Dominique Petit gab es wegen der wirtschaftlich oft  äußerst angespannten Lage schon rund 400 Selbstmorde französischer Milchbauern.

Achim - OYTEN/LANDKREIS (la) · Das angebliche „Erfolgsmodell Schweiz“ nach Fortfall der Milchquote in der Landwirtschaft entlarvte gestern ausgerechnet ein Schweizer Landwirt – im Oytener Lokal „Zum Alten Krug“.

Er werde berichten, wie etwas im Nicht-EU-Land Schweiz nicht funktioniere, was bald auch auf Deutschland und die übrigen EU-Staaten zukomme, kündigte Martin Haab zu Beginn seines Vortrags an.

So seien den rund 25 000 eidgenössischen Milchbauern sensationelle Exportsteigerungen für Schweizer Käse nach Wegfall aller Beschränkungen auch im Zollbereich angekündigt worden. Gut zahlende Kunden würden sich weltweit finden lassen.

Nur zwei Prozent Zuwachs gab es tatsächlich, aber dafür ein Plus beim Käseimport von 25 Prozent, so Haab. Dies sei fast ausschließlich bedingt durch die Einfuhr von Billigstkäse aus östlichen EU-Ländern etwa für Fertigpizzen und „Industrie-Lasagne“ , die dann gewinnbringend zu Schweizer Preisen verkauft würden.

Der Milchpreis sei gleichzeitig um rund 25 Prozent gefallen – „ein Desaster für die Bauern“.

Martin Haab bewirtschaftet selber zusammen mit seinem Sohn einen Hof mit 60 Kühen südlich von Zürich. Zugleich ist er Präsident der von ihm mitgegründeten Interessengemeinschaft BIG-M mit inzwischen rund 1000 Mitgliedern. In Oyten war er Gast einer Veranstaltung der niedersächsischen Landesgruppe im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM). Um die 40 Landwirte aus dem Kreis Verden und benachbarten Landkreisen bildeten das Publikum.

Nutznießer des angeblichen Erfolgsmodells seien nur Handel und Industrie, die auf Kosten der Bauern ihre Gewinne um etwa 24 Prozent steigern konnten, so der Referent. Sie legten dieses Geld etwa in den USA an oder kauften Firmen im Baltikum auf, um später auch von dort Milch zu Dumpingpreise zu beziehen. Dem Endverbraucher komme hingegen der Preisverfall fast gar nicht zu Gute.

Weitere Folge der Wegfalls der Quote laut Haab: Im Alpenland wachse ein neuer Berg rasant an: „Wir bringen die Butter nicht mehr los“.

Mit Dominique Petit kam in Oyten ein französischer Milchviehhalter aus der Normandie zu Wort. Sein Vortag litt unter Übersetzungsschwierigkeiten, doch plädierte auch er für eine „Milchproduktion nach Maß“, wie sie BIG-M und der BDM fordern. Die Idee im Grundsatz: Erzeugergemeinschaften sollten – möglichst auf europäischer Ebene – in einem „European Milkboard“(EMB) mit Industrievertretern und der Politik sowohl benötigte Liefermengen als auch Preisgrenzen fest aushandeln.

Eine Quote gebe es ja so oder so. Falle die staatliche weg wie in der Schweiz, werde eben in Privat-Verträgen zwischen Molkereien und Milchindustrie auf der einen sowie dem Landwirt auf der anderen Seite alles festgelegt, machte gestern Martin Morisse vom BDM-Bundesvorstand deutlich. Wer dabei das Nachsehen habe, sei leicht zu erraten.

Das völlig freie Walten der Marktkräfte in diesem Bereich so wie in der Schweiz möchte der BDM daher verhindern. Er fordert „Steuerungsmechanismen“ auch nach Auslaufen der Milchquotenregelung in Deutschland und anderen EU-Ländern im Jahre 2015.

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