Infoveranstaltung: Geophysiker sieht Zusammenhang / RWE-Dea zeigt sich „überrascht“ / Konsequenzen noch offen

Erdgasbohrungen lösen Erdbeben aus

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Geophysiker Nicolai Gestermann referierte Erkenntnisse der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zum Beben.

Völkersen - Von Michael Mix. Das Erdbeben, das am 22. November um 21.38 Uhr den Flecken Langwedel, Teile der Gemeinde Kirchlinteln und der Stadt Verden erschütterte, „ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Erdgasförderung zurückzuführen“. 

Das stellte Nicolai Gestermann von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe auf der Informationsveranstaltung des Fleckens Langwedel zu diesem Thema am Donnerstagabend im fast vollen Saal des Gasthauses „Zur Post“ in Völkersen fest.

Denn in Norddeutschland sei ja keine seismische Aktivität vorhanden, begründete der Geophysiker. Auch hielt er es für keinen Zufall, dass sich die „vier Erdbeben in den letzten Jahren in der Region“ alle südlich der von der RWE-Dea AG ausgebeuteten Erdgasfelder im Raum Völkersen ereignet hätten. Durch die Gasentnahme aus tiefen Gesteinsschichten entstehe ein unterirdisches Spannungsfeld, erklärte Gestermann.

Am 22. November habe das Epizentrum bei Förth gelegen. Dank der mittlerweile zahlreichen Registrierungsstationen verfüge die Bundesanstalt über einen „sehr guten Datensatz“, um ein Erdbeben auszuwerten.

Bei der für das jüngste Ereignis ermittelten Stärke von 2,8 bis 2,9 auf der Magnitude sei es allerdings „sehr unwahrscheinlich, dass dieses Beben Schäden hervorgerufen hat“, fuhr der Wissenschaftler in seiner Analyse fort. Die von einzelnen Hauseigentümern angeführten Risse im Mauerwerk und dergleichen müssten woanders herrühren. Was nicht jeder im Saal unwidersprochen hinnehmen mochte.

Er gehe davon aus, dass im Boden „Verschiebungen von höchstens einem Zentimeter stattgefunden haben“, entgegnete Gestermann. Unabhängig davon, sei der an dem besagten Abend von vielen bemerkte „heftige Knall bei einem Beben durchaus üblich“.

Thomas Vogel, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) „No Fracking“, fragte nach Konsequenzen aus der Erkenntnis, dass die Erdgasförderung Erdbeben verursache. Dafür sei seine Behörde nicht zuständig, antwortete Gestermann.

„Wir haben Angst, dass die Erdbeben hier immer stärker werden“, sagte Werner Oedding, der erhebliche Risse an und in seinem Haus in Schülingen auf Fracking zurückführt. Diese Gasfördermethode, forderte er unter starkem Beifall, müsste verboten werden.

Erdbeben in der Region hätten mit Fracking nichts zu tun, widersprach der Geophysiker Gestermann. „Jedenfalls nach unseren Kenntnissen hat RWE-Dea in den letzten Jahren in dem Gebiet ja gar nicht gefrackt.“

Ob etwaige künftige Erschütterungen unweit des Fördergebiets eine höhere Magnitude aufweisen könnten, sei nicht seriös vorauszusagen. Bei den vier Erdbeben habe es in der Abfolge keine Zunahme der Stärke gegeben.

„RWE-Dea ist über diese Aussagen überrascht“, bekannte Uwe-Stefan Lagies, Kommunikationschef in der Hamburger Konzernzentrale. Dazu, ob der hergestellte Zusammenhang zwischen der Gasförderung und den Erdbeben für die Art der Energiegewinnung zu Konsequenzen führen werde, könne er noch nichts sagen.

„Wir werden uns aber in jedem Fall mit den gemeldeten wenigen Schäden, bisher sechs, befassen“, versprach Lagies. Diese würden dann alle begutachtet.

Bei der Gemeinde seien bislang drei Schadensfälle, darunter drei von einem Haus gefallene Dachpfannen, angezeigt worden, berichtete Bürgermeister Andreas Brandt, der die weitgehend sachlich verlaufende, auch von zwei Fernsehteams des ARD-/ZDF-Morgenmagazins und von Radio Bremen begleitete Veranstaltung moderierte. Wer noch etwas melden wolle, sollte das möglichst schnell per E-Mail (rathaus@langwedel.de) erledigen, riet er.

Doch wer kommt überhaupt für möglicherweise durch das Erdbeben entstandene Materialzerstörungen auf? „Wer Schaden erzeugt, muss Schaden begleichen“, brachte es Jens von den Eichen vom Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie unter Verweis auf das Bürgerliche Gesetzbuch auf eine einfache Formel.

Es handele sich hier um eine privatrechtliche Angelegenheit. „Die Bergbehörde ermittelt keine Bergschäden; das ist vom Gesetzgeber nicht vorgesehen“, beschied er Kritikern in der Zuhörerrunde. Was von politischer Seite natürlich geändert werden könnte. „Erst, wenn zum Beispiel ein Gebäude einstürzen würde, würde das Bergbauamt einschreiten.“

Und wer helfe dabei, zu beweisen, woher Schäden am Haus stammen, wollte eine Besucherin wissen. Dafür gebe es Gutachter, sagte von den Eichen.

Die seien oft nicht neutral, würden von RWE-Dea bezahlt, wandte Werner Oedding ein. Warum schaffe das Land Niedersachsen oder auch der Flecken Langwedel nicht eine unabhängige Schlichtungsstelle?

Schließlich wurde es noch laut im Saal. Wenn durch Technik Natur, Landwirtschaft, Gebäude, Trinkwasser und Menschen gefährdet seien, müsse dem Verursacher doch die Förderkonzession entzogen werden können, formulierte BI-Sprecher Andreas Noltemeyer in markigem Tonfall.

„Die Umwelt ist durch die Erdgasförderung hier nicht gefährdet“, erwiderte Nicolai Gestermann von der Bundesanstalt. „Das ist eine Frechheit!“, brüllte Noltemeyers Mitstreiter Vogel.

Auch einer durch das jüngste Erdbeben beunruhigten Frau an den Tischen platzte der Kragen: „Muss einem Kind erst ein Balken auf den Kopf fallen, damit reagiert wird?“, sagte sie unter tosendem Applaus. Warum lasse man das Gas nicht einfach in der Erde? „Mein Haus hat gehüpft.“

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