Pädagogische Fehler angeprangert

Mit dem Gesicht an die Wand: Eltern kritisieren Waldorfschule

Die Freie Waldorfschule in Ottersberg. Das Bild zeigt das historische Schulgebäude.
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Die Freie Waldorfschule in Ottersberg kämpft mit Vorwürfen von Eltern.

Ottersberg – Kinder als Bestrafung mit dem Gesicht an die Wand zu stellen, das ist eine unzulässige Demütigung. Doch genau das soll Schülerinnen und Schülern an der Freien Rudolf-Steiner-Schule in Ottersberg im Unterricht bei mindestens einer Lehrerin widerfahren sein. So jedenfalls werfen es Eltern ihr vor. Ein Jahr mit Gesprächen, Klärungsversuchen auf verschiedenen Ebenen und einer Entschuldigung ging seit den ersten Vorwürfen ins Land.

Die betreffende Lehrerin ist mittlerweile im Ruhestand und einem Schüler hat die Schule gekündigt. Eine Einigung aber konnte auch die Landesschulbehörde nicht herbeiführen.

„Der Vorstand und die Schulführung haben die Anschuldigungen der Eltern entgegengenommen und sind anschließend sofort in einen Aufarbeitungs- und Klärungsprozess eingestiegen. Wir haben alle vorgetragenen pädagogischen Vorwürfe gegen die betroffene Kollegin sehr ernst genommen und sind ihnen nachgegangen“, teilte der Vorsitzende des Schulvereins, Holger Wieters-Froehlich, gestern in einer Stellungnahme mit.

Rudolf-Steiner-Schule: Landesschulbehörde eingeschaltet

Die Landesschulbehörde und die Schlichtungs- und Beschwerdestelle des Bundes der Freien Waldorfschulen hatte die Schule selbst eingeschaltet. Beide hätten der Einrichtung bestätigt, dass die Schulführung diesen gesamten Prozess sorgfältig und umfassend bearbeitet hat. Dabei seien weder Versäumnisse noch Verfehlungen der Schulführung festgestellt worden.

Dass Schüler von den pädagogisch wenig sinnvollen Praktiken erzählt hätten, habe aber auch Thomas Krauch von der Schlichtungs- und Beschwerdestelle des Bundes der Freien Waldorfschulen bestätigt. Das „ist zwar ein Indiz, aber kein Beweis, dass es im konkreten Fall so gewesen sein muss. Natürlich stehen diese Vorwürfe im Raum und sind ernst zu nehmen“, heißt es von dem Bund.

„Späte Entschuldigung“ der Waldorf-Schulführung

So recht zufrieden sind die Eltern des betroffenen Schülers aber damit nicht. Die Entschuldigung der Schulführung sei erst im Februar 2021 erfolgt, nachdem sie das Thema auf einem Elternabend im September erneut auf die Tagesordnung gebracht hätten. Daraufhin habe es im Oktober ein Gespräch mit der Schulleitung gegeben. Der Vertrauenskreis der Schule – ein Gremium aus Eltern, Lehrern und Freunden der Schule, wie Holger Wieters-Froehlich bestätigt – habe mit der Lehrerin und den Eltern gesprochen. Darauf sei dann im Februar 2021 die Entschuldigung erfolgt. „Also über ein Jahr nach der ersten Ansprache der Vorfälle durch uns“, heißt es von einem Elternteil.

In einem Brief an die betroffene Schulklasse hatte die Schule ihre Sicht dargelegt. Darin heißt es: „Der Prozess um die Vorwürfe von pädagogischem Fehlverhalten vonseiten der Lehrerin an den Kindern wurde mit dem Aussprechen einer Ermahnung, sollte sie solche Erziehungsmaßnahmen durchgeführt haben, durch die Schulführung in einem Gespräch im Frühjahr 2020 geklärt.“

Angelegenheit für die Schule in Ottersberg erledigt

Für die Schule war die Angelegenheit offenbar erledigt. Und das, so ihre Stellungnahme von gestern, sei ihr auch bestätigt worden: „Die Landesschulbehörde und die Schlichtungs- und Beschwerdestelle des Bundes der Freien Waldorfschulen haben uns bestätigt, dass die Schulführung den gesamten Prozess sorgfältig und umfassend bearbeitet hat.“

Das sehen die Eltern allerdings anders: „Die von uns gewünschte Veränderung im Umgang mit pädagogischem Fehlverhalten, das immer einmal passieren kann, und ein Gespräch auf Augenhöhe waren uns ein Anliegen, das nun unserem Kind den Schulplatz gekostet hat, obwohl es gerne auf eigenen Wunsch in seiner Klassengemeinschaft bleiben wollte.“

Kündigung für einen Schüler der Waldorfschule

Die Kündigung ihres Sohnes flatterte tatsächlich ins Haus, nachdem es in einer Reihe von Gesprächen und Einigungsversuchen, Supervision und Mediation nicht gelungen war, den Konflikt beizulegen. „Dadurch fehlt aber die vertrauensvolle Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit mit den genannten Eltern. Bei allem guten Willen und der bestehenden Möglichkeit der Zusammenarbeit kann es manchmal sein, dass die gemeinsame Basis für diese vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht gelingt“, erklärt die Schule ihre Entscheidung.

Die betroffenen Eltern schreiben: „Wir gehen davon aus, dass ursächlich für die Kündigung ist, dass wir in der vierten Klasse darauf bestanden haben, dass die Schule und die Lehrerin zugeben, dass es zu diesen Vorfällen gekommen ist und nicht stattdessen die Glaubwürdigkeit zahlreicher Kinder infrage gestellt wird.“ Als dafür laut ihrer Auffassung nach über einem Jahr keine zufriedenstellende Resonanz gekommen sei, hätten sie den Schul-Vertrag ihres jüngeren Kindes in der vierten Klasse gekündigt. Zwei Tage später sei dann die Kündigung ihres älteren Kindes ins Haus geflattert.

Leitfaden soll in Ottersberg für mehr Transparenz sorgen

An der Schulorganisation hat der Streit aber schon seine Spuren hinterlassen. „In naher Zukunft wird eine professionelle Fachkraft mit den Schüler:innen, den Eltern und den Kolleg:innen arbeiten, um das soziale Miteinander in der betroffenen Klasse zu stärken. Zusätzlich wird in der Schulentwicklungskonferenz mit Elternbeteiligung ein Leitfaden erarbeitet werden, der für alle Beteiligten zukünftig für noch größere Transparenz der Abläufe bei derartigen Vorwürfen sorgen soll“, heißt es in der Stellungnahme von Holger Wieters Froehlich.

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