Bis heute besteht eine enge Verbindung zwischen zwei Familien

Dörverden: Belgischer Zwangsarbeiter wird zum guten Freund

Eine Gruppe von Menschen vor einem Haus.
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Der erste Besuch nach dem Krieg: Die Freude über das Wiedersehen war groß, nur leider war Großmutter Emma bereits verstorben. Der ehemalige Zwangsarbeiter und seine Frau stehen in der hinteren Reihe.

Wer war Adhemar Haertjens aus dem belgischen Waterland-Oudemann? „Ein wunderbarer Mensch“, antwortet die Dörverdenerin Renate Steinau. „Und der Ursprung für eine außergewöhnliche Freundschaft, die bis heute zwischen den Nachfahren seiner und meiner Familie besteht.“ Während des Zweiten Weltkriegs hatten die Deutschen den belgischen Jungbauern Haertjens zur Zwangsarbeit in Deutschland verpflichtet, wo er zeitweise auf dem elterlichen Hof von Renate Steinau und in der Pulverfabrik Eibia in Dörverden eingesetzt war.

Dörverden – Voller Angst, so weiß Steinau aus Erzählungen, sei der belgische Zwangsarbeiter nach Niedersachsen gekommen, denn was den jungen Mann hier erwartete, wusste er nicht. „Es hätte ein menschenunwürdiges Leben oder sogar der Tod sein können.“ Eines jedenfalls hatte er nicht erwartet: die freundliche Aufnahme auf dem Hof der Familie von Fritz Lackner in Hülsen, wo er von April 1943 bis zu seiner Entlassung im Mai 1945 blieb.

Loyalität zum Hof, auf dem er arbeitete

„Haertjens kannte die Hofarbeit, da auch seinen Eltern eine kleine Landwirtschaft hatten. Er konnte daher bei allen Arbeiten eingesetzt werden. Zeitweise musste er gemeinsam mit anderen Zwangsarbeitern auch im Dörverdener Steinlager arbeiten. Ich weiß, dass er bei uns gut behandelt wurde. Einmal durfte er auch auf Heimaturlaub nach Belgien reisen.“ Steinau erinnert sich an eine Begebenheit, die sich kurz nach Kriegsende zugetragen hat. „Mein Vater hatte eine Kriegsverletzung und war auf Genesungsurlaub. Doch die britischen Besatzer nahmen ihn fest, weil er eine Uniform trug. Es folgten mehrere Verhöre, zu denen auch Haertjens und ein weiterer, serbischer Zwangsarbeiter, vorgeladen wurden.“ Doch beide sagten wohlwollend über den Hof und die Menschen, die dort lebten und arbeiteten aus, sodass der Vater wieder nach Hause durfte.

Kontakt brach zunächst ab

Es hätten schließlich viele gegensätzliche Geschichten kursiert. Steinau: „Die Zwangsarbeiter wurden oft sehr schlecht behandelt. Sie wurden in Gefangenschaft gebracht oder sogar erschossen.“ Renate Steinau ist bis heute dankbar dafür, dass ihre Familie den vermeintlichen Feind freundlich aufgenommen, ihn zu Kräften habe kommen lassen und teils sogar in die Familie integriert habe. Umso bedauerlicher findet sie es, dass der Kontakt zu Haertjens nach dessen Rückkehr nach Belgien zunächst abbrach und sie erst Jahre später erfuhr, dass er in der Heimat einen Hof bewirtschaftete, geheiratet hatte und Vater von zwei Kindern geworden war.

Als sein Sohn Jahrzehnte später den Hof übernahm, sei Haertjens mit seiner Frau in ein kleines Haus umgezogen und seine Tochter und deren Mann hätten den Eltern eine Reise nach Deutschland ermöglicht, damit der Vater den Hof noch einmal besuchen konnte. „Ich lernte die Familie kennen. Adhemars Haertjens sprach immer noch sehr gut Deutsch und die Freude über das Wiedersehen war groß“, blickt Steinau zurück, da ihr der Mann durch die vielen Erzählungen ihrer Großmutter Emma vertraut gewesen sei.

Leider durfte Oma das nicht mehr erleben

„Sie haderte damit, dass er sich nie gemeldet hat, und als er unsere Familie besuchte, hat sie leider nicht mehr gelebt.“ Die nächste Nachricht, die die Familie in Dörverden erreichte, war eine Todesnachricht: Adhemar Haertjens war im August 1981 mit nur 60 Jahren plötzlich verstorben. Ein tragisches Ereignis, dass der Freundschaft zwischen den Familien aber Schubkraft verlieh.

Denn schon im darauffolgenden Jahr besuchte die Witwe des ehemaligen Zwangsarbeiters in Begleitung von Tochter, Schwiegersohn und deren Kindern erneut Deutschland. Steinau: „Es ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Die Besuche gehen hin und her und das bis zum heutigen Tag und nur von Corona ausgebremst. Wir haben auch viele gemeinsame Urlaube verbracht und alle wichtigen Ereignisse zusammen gefeiert. So haben wir viel von Belgien und die Belgier viel von Deutschland kennengelernt.“ Und die Verständigung? „Die funktioniert großartig. Die Belgier sprechen sehr gut Deutsch. Das ist kein Problem.“ Renate Steinau bedauert, dass sich wegen der Pandemie der Kontakt seit vielen Monaten auf Telefonate beschränkt. Sie hofft aber, dass die Familien ihre Treffen noch in diesem Jahr wieder aufnehmen und die Erinnerung an Adhemars Haertjens wachhalten können, der als Zwangsarbeiter nach Dörverden gekommen war, den Ort aber als Freund verlassen hat.  

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