Irma Körber erinnert sich an ihre Flucht aus Bessarabien / Dörverden ist heute ihre Heimat

„Zuerst fühlte es sich an wie ein Abenteuer“

Große Ländereien gehörten zum Hof der Familie Körber in Bessarabien. 
Repro: Niemann
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Große Ländereien gehörten zum Hof der Familie Körber in Bessarabien. Repro: Niemann

Dörverden – Flüchtlinge aus Krisengebieten in aller Welt haben im Landkreis Verden eine neue Heimat gefunden. In ihren Herkunftsländern haben sie Krieg, Elend und Vertreibung erlebt, was Irma Körber, geb. Kuhn, aus Dörverden gut nachempfinden kann. Als Bessarabien-Deutsche hat sie selbst dieses Schicksal erlitten, das exemplarisch ist für das vieler anderer Heimatvertriebener. Daran, wie sie als Teenager Umsiedlung und Flucht erlebte, hat sich die 93-jährige Seniorin in einem Gespräch erinnert.

Bis heute, so sagt sie, denke sie immer wieder daran zurück, wie sie 1940 im Alter von 13 Jahren mit den 17-jährigen Brüdern Paul und Rudolf und den Eltern Rosine und Julius Kuhn zwangsweise aus Bessarabien nach Westpreußen umgesiedelt wurde. Und daran, wie sie 1942 auch Westpreußen wieder verlassen mussten. Dennoch habe sie damals keine Trauer über den Verlust der Heimat gefühlt, sondern es wie ein großes Abenteuer empfunden.

„Wir hatten in Tarutino, im Kreis Akkerman, eine Landwirtschaft. Doch als wir die Heimat verlassen mussten, hatten wir nichts mehr“, blickt sie zurück. Es sei eine große Hofstelle gewesen und die Ländereien lagen außerhalb der Ortschaft. „Wenn wir aufs Land fuhren, konnten wir mittags nicht heimkommen, sondern haben auf dem Feld gegessen. Wir hatten auch Weinberge und haben selbst Wein gekeltert. Einen eigenen Weinkeller hatten wir auch. Da war so mancher abends düdelig“, lacht sie. Angebaut hätten sie vor allem Mais und Getreide. „Der Weizen wuchs gut, Roggen, Kartoffeln und Paprika gediehen weniger. Dafür wuchsen auf unseren Feldern Wassermelonen und Weißkohl.“

1940 begann die Umsiedlung ins Deutsche Reich. „Ich war 13 Jahre alt und habe das Ganze als toll empfunden. Im Oktober ging es los. Meine Empfindung war: Wir wandern aus, zurück nach Deutschland. Das war für mich etwas Großes.“ Sie erzählt vom Aufbruch mit Pferd und Wagen und dass sie im Grunde nur ein wenig Handgepäck mitnehmen konnten. In Galaz an der Donau hätten sie dann ein Schiff bestiegen und seien auf dem Wasserweg zunächst nach Österreich und von dort per Eisenbahn nach Nürnberg gelangt. „Für die Menschen dort waren wir Ausländer. Wir wurden auf einzelne Dörfer und kleinere Städte verteilt. Unsere Familie wurde in ein Sammellager gebracht.“

Sie erinnert sich an einen großen Tanzsaal und daran, dass Decken an die Flüchtlinge verteilt wurden und sie in Etagenbetten geschlafen haben. Von Amberg aus gelangte die Familie mit anderen Umsiedlern mit dem Zug nach Litzmannstadt (heute Lodz) in Westpreußen, wo sie erneut in ein Aufnahmelager kamen. „Dort waren wir eine gewisse Zeit. Wir Mädchen mussten direkt im BDM und im Roten Kreuz aktiv werden.“ Die alte Dame erinnert sich auch, dass sich ihre Mutter immer darum gekümmert habe, dass sie zur Schule gehe. „Das hat aber immer nur eine Weile funktioniert, weil wir ja weiter mussten.“ Aus diesem Grund habe sie auch nie einen richtigen Schulabschluss erlangt.

Irma Körbers Gedanken schweifen zu ihrem Bruder Paul, der sich bei der Umsiedlungskommission zum deutschen Militär gemeldet hatte. „Er war blond, groß und stark. Und wo ist er hingekommen? In die SS. Gefallen ist er in Finnland am 7. Juli 1942“, sagt sie, ehe sie von der nächsten Station ihrer Umsiedlung in Polen erzählt. „Dort hatte man den Besitzern den Hof enteignet und uns einfach raufgesetzt. Das war im Bereich Briesen, im Kreis Thorn.“

Schlimm sei gewesen, dass der ursprüngliche Hofherr nun bei ihnen habe arbeiten müssen. Er sei aber vernünftig gewesen und habe gesagt: „Sie können nichts dafür.“ Später habe er ihre Familie sogar ein Stück auf der Flucht begleitet. Auf dem Hof hätten sie eine Magd und zwei Knechte gehabt, wegen denen es sogar zu einem schweren Konflikt zwischen den Nazis und ihrem Vater gekommen sei. Körber: „Man sollte nicht gemeinsam mit den Polen am Tisch essen. Auf einmal kam der Ortsbauernführer, während wie alle gemeinsam am Tisch saßen und aßen. Der Kerl war ein 100-prozentiger Nazi. Er wies meinen Vater zurecht und sagte: ,Noch einmal und dann wissen Sie, wo Sie landen!’ Indes mein Vater sagte zu uns: ,Wenn die meine Arbeit machen, dann sollen sie auch mein Essen haben.’

Die alte Dame räumt ein, dass ihr zuweilen schon etwas mulmig zumute gewesen sei, wenn sie mit den jungen Männern und Frauen draußen auf dem Feld beim Arbeiten war. „Ich dachte, wenn sie jetzt über dich herfallen, kannst du ja nichts machen. Aber es ist nie etwas passiert. Alle waren gut und lieb.“ Sie erzählt, warum ihr Vater nicht zum Militär musste. „Er hatte schon wenige Jahre nach der Hochzeit einen Schlaganfall erlitten und eine Gehbehinderung sowie eine Sprachstörung zurückbehalten.“

Auf dem Hof in Westpreußen sei sie mit den Eltern – die Brüder waren beim Militär – bis Januar 1945 geblieben, dann hätten sie vor der Roten Armee flüchten müssen. „Mit Pferd und Wagen sind wir aufgebrochen. Wir konnten mehr mitnehmen als damals in Bessarabien. Unser Fluchtweg ging zuerst ein wenig planlos kreuz und quer, dann über Stettin, Schwerin und über die Elbe.“

Es fällt Irma Körber nicht leicht, von diesem Kapitel ihres Lebens zu berichten. In Kolonnen seien sie gefahren, ohne Chance auf ein Quartier. „Wir haben in Scheunen und ähnlichen Unterschlüpfen übernachtet und wenn wir Glück hatten, bekamen wir bei einem größeren Gut mal Pellkartoffeln.“

Sie spricht davon, wie sie nach Wochen der Flucht im Bereich Uelzen ankamen, wo man ihnen eine warme Mahlzeit vom Roten Kreuz in Aussicht gestellt hatte. Doch der Treck sei sehr lang gewesen und sie hätten warten müssen. Körber: „Dann gab es einen Fliegerbomben-Angriff auf uns. Wir sind alle runter von den Pferdewagen und haben uns auf den umliegenden Ackerflächen in Sicherheit gebracht. Da Uelzen bombardiert war, haben wir kein Essen mehr bekommen.“ Tags darauf sei es weitergegangen, über Fallingbostel und Verden nach Dörverden, wo der Treck am 4. März 1945 aufgelöst wurde.

Irma Körber: „Wir kamen hier mit drei Pferden und dem Ackerwagen an und hatten sonst nur Handgepäck, Wäsche und Kleidung. Ein Pferd hat ein Herr Heußmann übernommen. Der Wagen mit den anderen beiden Pferden ist nach Hämelhausen gelangt. Dafür haben wir kein Geld, sondern Kartoffeln Weizen oder Rüben bekommen. Das war ja für uns viel wert. Das weiß ich noch, dass unser Vater gesagt hat: ,Nein ich will gar kein Geld, lieber Lebensmittel".“

Dann erzählt sie von der Einweisung durch den damaligen Dörverdener Bürgermeister Heinrich Otte in die Düstre Straße 12. „Dort wohnte Familie Pötter. Der Senior war beim Militär, außerdem lebten dort seine Frau, eine Oma und der Sohn, der damals noch ein Kind war. Meine Eltern haben zunächst dort geschlafen und ich gegenüber bei einer Familie Ocken, bis wir kurz darauf alle gemeinsam einen Unterschlupf bei Ockens bekamen.“ Anton Ocken habe sie auch eine Stelle als Haushaltshilfe bei der Familie Heußmann zu verdanken. „Lotti Heußmann war damals mit dem ältesten Sohn Friedrich in anderen Umständen. Das Kind wurde bald geboren. Es war so schön dort. Ich habe viel gelernt. Wenn ich ein freies Wochenende hatte, hat mir Lotti manchmal Essen für meine Eltern mitgegeben. Wir haben alle, auch die, die in der Werkstatt arbeiteten, mittags an einem Tisch gesessen. Und da bin ich geblieben, bis ich geheiratet habe. Ich wohnte auch bei ihnen im Haus.“

Beim Einkaufen bei Bäcker Lohmann hatte sie Heinz Körber kennengelernt, der dort arbeitete, und ihn 1947 geheiratet. „Wir haben in den ersten Jahren in einem Zimmer bei den Schwiegereltern in Stedorf gelebt, auch nach der Geburt unserer Tochter 1948. Danach sind wir noch zweimal umgezogen und haben auch dort nur jeweils ein Zimmer bewohnt. Das war damals so üblich.“

Als 1952 die zweite Tochter geboren wurde, hatte sich die Wohnsituation der Familie erheblich verbessert. „Wir hatten eine Wohnung bei Albers in Stedorf gefunden und konnten Mitte der 1950er-Jahre in Dörverden im Neuen Ring selbst ein Haus bauen, in das auch meine Mutter eingezogen ist.“ Der Bau des Hauses sei für sie ein wichtiger Schritt gewesen, da sie erst dadurch richtig in der neuen Heimat Dörverden angekommen sei.

Von Christel Niemann

Ernste Gesichter im Jahr 1937: Irma Körber (hinten Mitte) auf einem Familienfoto gemeinsam mit ihren Eltern und Brüdern. Repro: Niemann
Die 93-jährige Irma Körber lebt im Haus am Hesterberg und interessiert sich immer noch sehr dafür, was in der Gemeinde Dörverden so passsiert.

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