Schlichten statt richten: Jürgen Stahmann wirbt für das Ehrenamt der Schiedsleute

Wenn Streithähne ein Bier trinken gehen...

Freuen sich über Interesse am Schiedsamt: Bürgermeister Alexander von Seggern (l.) und Schiedsmann Jürgen Stahmann weisen auf die bevorstehende Wahl hin.
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Freuen sich über Interesse am Schiedsamt: Bürgermeister Alexander von Seggern (l.) und Schiedsmann Jürgen Stahmann weisen auf die bevorstehende Wahl hin.

Dörverden – Bei ihm gibt es keine Gewinner – aber auch keine Verlierer. Wenn zwei Streithähne sein Haus verlassen, gehen sie im besten Fall beide erhobenen Hauptes. Jürgen Stahmann ist Schiedsmann. Im Pressegespräch wirbt der Dörverdener jetzt für sein Ehrenamt, denn in der Gemeinde steht die nächste Wahl für Schiedsleute an. Stahmann stellt sich zwar erneut zur Verfügung, aber zumindest ein Stellvertreter wird noch benötigt.

Die Schiedspersonen werden für die Dauer von fünf Jahren vom Rat der Gemeinde gewählt, von der Leitung des zuständigen Amtsgerichts bestätigt und verpflichtet. „Auch wenn sich Herr Stahmann dankenswerterweise erneut zur Verfügung stellt, ist das Verfahren kein Selbstgänger“, informiert Bürgermeister Alexander von Seggern, der erklärter Fan dieser Institution ist. Das gemeindliche Schiedsamt biete eine einfache und im Vergleich zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung häufig schnellere und günstigere Möglichkeit der Streitschlichtung. Häufig kommen die Schiedsleute bei Nachbarschaftsstreitigkeiten zum Zuge. „Aber ich habe zum Beispiel auch Fälle von Beleidigung und Verleumdung bearbeitet“, berichtet Stahmann, der sein Amt seit 2011 ausübt.

Insgesamt rund 30 Fälle seien es bisher wohl gewesen. „In einem Jahr hatte ich mal sieben Fälle, in einem anderen nur einen“, so Stahmann. Die wichtigste Aufgabe des Schiedsmannes sei es, zwischen zwei sich streitenden Parteien einen Kompromiss zu finden. Dabei hat sich die Schiedsperson unparteiisch zu verhalten.

„Im Normalfall lade ich die Parteien zu mir nach Hause ein. Dort sind wir ungestört und es gibt keinen Publikumsverkehr.“ Die Streitenden kommen für gewöhnlich alleine. „Eine zusätzliche Person erlaube ich aber als Beistand, wenn gewünscht.“ Dann passiere direkt etwas Spannendes: Die beiden Parteien sitzen sich an einem Tisch gegenüber. Oft zum ersten Mal seit langer Zeit. Zu diesem Zeitpunkt schwelt der Streit manchmal schon über viele Jahre. „Der ursprüngliche Grund des Konfliktes ist dabei nicht selten schon in Vergessenheit geraten“, weiß Alexander von Seggern.

Stahmann hat dann die Aufgabe, das Gespräch zu moderieren mit dem Ziel, eine Einigung zu erzielen. „Dafür müssen normalerweise beide Seiten einen Schritt aufeinander zu machen.“ Diese Abmachung wird schriftlich fixiert und von beiden Seiten unterschrieben. „Und an die müssen sie sich dann auch halten.“ Wenn also zum Beispiel vereinbart wird, dass um des Friedens willen der Kirschbaum auf der Grundstücksgrenze gefällt werden muss, und die dafür zuständige Partei hält sich nicht daran, dann wird diese Vereinbarung „vollzugsfähig“. „Dann könnte die andere Partei zum Beispiel einen Gärtner engagieren, auf Kosten seines Nachbarn“, gibt Stahmann ein Beispiel aus der Praxis.

Aber am besten sei es natürlich, wenn es dazu gar nicht kommt. „Ich hatte schon Menschen an meinem Tisch sitzen, die jahrelang nicht miteinander gesprochen hatten. Als sie mein Haus verließen, standen sie noch lange vor dem Haus auf der Straße und redeten, wollten sich auch noch zu einem Bier verabreden.“ Diese Erfolgserlebnisse seien es, die sein Ehrenamt zu etwas ganz Besonderem machten, erzählt Stahmann.

„Ich habe es bis heute nicht bereut, mich dafür zur Verfügung gestellt zu haben. Es bringt mir persönlich einen Erfahrungsreichtum, den ich sonst nicht hätte. Man kommt mit so vielen verschiedenen Menschen zusammen, von Rechtsanwälten bis hin zu Menschen, denen das ganze Verfahren ziemlich schwerfällt.“

Es gebe auch schon mal komplizierte Fälle. „Oder Gespräche, die immer lauter werden, sodass man auch mal auf den Tisch hauen muss. Einmal musste ich einen Beistand rauswerfen“, sagt der 73-Jährige. „Er hat immer dazwischengeredet, das war nicht zielführend.“ Aber oft genug seien die Gespräche von Erfolg gekrönt: „Ich habe mal einen Fall von einem Rechtsanwalt übernommen, der da nicht weiterkam. Ich war sehr stolz, dass ich letztendlich zu einem Ergebnis gekommen bin.“

Schiedsperson kann grundsätzlich werden, wer das 30. Lebensjahr vollendet hat und im Bezirk des Schiedsamtes wohnt. Es handelt sich um ein Ehrenamt, für das die notwendigen Auslagen erstattet werden. „Es wird keiner ins kalte Wasser geworfen: Es gibt Schulungen, nicht nur zu Beginn, sondern auch während der Wahlperiode“, betont von Seggern. Stahmann berichtet, dass er selbst in diesem Rahmen zum Beispiel einen Lehrgang zum Mediator absolviert habe. Aber auch Seminare zu den bürokratischen Pflichten einer Schiedsperson gebe es, ebenso Weiterbildungen zu den Themen Datenschutz, Straf- und Zivilrecht. Stahmann betont, dass juristisches Fachwissen für eine Schiedsperson aber erst mal zweitrangig sei. „Sie handelt nicht unbedingt nach Paragrafen, sondern aus dem normalen Menschenverstand heraus. Nach dem Grundsatz: Schlichten ist besser als richten.“

Wer Interesse

an der Übernahme dieser wichtigen Aufgabe hat, kann sich im Dörverdener Rathaus an Fachbereichsleiter Mathias Klug (Telefon 04234/399-10) wenden. Jürgen Stahmann ist in Schlichtungsverfahren und für Fragen zu den Aufgaben im Schiedsamt unter 04234/780 erreichbar.

Von Reike Raczkowski

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