Dörverdener baut eigenen Staudamm und riskiert Ärger mit dem Landkreis

Verzweifelter Waldrettungsversuch

Zarte Pflänzchen: Um diese Neuanpflanzungen – vorwiegend Laubholz – geht es. Prull hat sie mit erheblichen Fördergeldern der EU in seinem Wald in Horst in die Erde gebracht. Doch der Grundwasserspiegel ist so abgesunken, dass die Bäume ohne Unterstützung nicht anwachsen würden. Fotos: Raczkowski

Horst - Von Reike Raczkowski. Karl-Jürgen Prull hat einen Staudamm in einem Graben gebaut. Deswegen hat er jetzt Ärger mit dem Landkreis Verden, weil er dafür keine Genehmigung hat. Prull fühlt sich im Recht: Er will seinen Wald retten. Im Gespräch mit der Verdener Aller-Zeitung erklärt er, wie dramatisch die Lage ist. Nicht nur in seinem, sondern in vielen Wäldern in ganz Deutschland.

Als Familienbetrieb unterhalten die Prulls in der Ortschaft Horst in der Gemeinde Dörverden einen 80,6 Hektar großen Forstbetrieb. Der sogenannte Otterngraben – das aufgestaute Gewässer, um das es im Streit mit dem Landkreis Verden geht – führt durch einen Teil von Prulls Wald, durch fünf Hektar Neuanpflanzungen aus dem Frühjahr 2020. Laut Prull sind diese Anpflanzungen mit EU-Fördermitteln in Höhe von 80 Prozent cofinanziert worden. „Der Eigenanteil für uns hat 8500 Euro betragen.“

In den Jahren 2018 und 2019 seien der Familie durch Trockenschäden und anschließenden Schädlingsbefall insbesondere durch den Borkenkäfer 25 Prozent ihres gesamten Forstes und somit 20 Hektar Wald abgestorben. „Mit dem immer weiter sinkenden Grundwasserstand fehlt die Bodenfeuchte und es haben gerade die Fichten als Flachwurzler ein massives Problem.“ Durch das absterbende Feinwurzelwerk hätten die Bäume nicht mehr genügend Möglichkeiten zur Harzbildung und böten damit dem Borkenkäfer beste Entfaltungsmöglichkeiten.

Doch das Insekt sei nur ein Symptom des Waldsterbens, nicht aber die Ursache. „Es ist ein biologisches Prinzip, dass geschwächte Ökosysteme anfälliger für Parasiten, Viren, Bakterien und Pilze sind“, erklärt Prull und zeigt einige gefällte Fichten. Ihr Holz lässt sich zum Teil mit den Fingern zerbröseln, so geschädigt ist es. Geld verdienen könne man damit nicht mehr, sagt der Dörverdener. Der Markt sei im Moment übersättigt mit diesem Holz, die Preise im Keller.

Um seine Bäume zu schützen, hat Prull bereits im Herbst 2019 ein Holzbrett zur Absperrung in den Graben gestellt. „Zur Gefahrenabwehr“, schreibt der Forstbesitzer in einer Stellungnahme an den Landkreis. Ziel war, im Falle von Niederschlag das Wasser zurückhalten zu können. Im Januar 2020 habe er dann den Graben mit Erde aufgefüllt, um das zwischenzeitlich angefallene Regenwasser aufzustauen. Prull ist überzeugt: „Ohne diese Maßnahme wäre der neue Wald hinüber.“ Deshalb will er den kleinen Damm auch jetzt, nachdem der Landkreis ihn angemahnt hat, nicht abbauen. Zu viel stehe auf dem Spiel.

Worin das Sinken des Grundwasserspiegels begründet ist, erklärt der Forstbesitzer. „Die Waldflächen liegen im Urstromtal der Aller.“ Der Fluss beeinflusse zu einem erheblichen Maß den Grundwasserspiegel der umliegenden Forstflächen. „Wenn der Spiegel der Aller sinkt, dann ist es bei uns ebenfalls trocken.“ Deswegen sei es wichtig, auch den Fluss und die kleinen Bäche der Region in Überlegungen, wie dem Klimawandel begegnet werden kann, mit einzubeziehen. Maßnahmen wie Sohlgleiten oder Stauwehre sollten geprüft werden. „Ich habe keine Erwartung, dass das schnell gehen kann“, so Prull. Aber mit Blick in die Zukunft sei es dringend notwendig, politisch umzudenken.

Das gelte auch für ein anderes Problem: Die Beregnungsanlagen der Landwirte trügen zu einem erheblichen Maße zur Absenkung des Grundwassersspiegels bei, ist Prull sicher. Im April dieses Jahres seien zu einem extrem frühen Zeitpunkt bereits zehn Beregnungsanlagen gleichzeitig rund um den Forst in Betrieb gewesen: In drei unterschiedlichen Landkreisen, was in der Lage des Waldes begründet liegt. „Bei der Beregnung werden Unmengen von Wasser verbraucht.“ Wasser, das sein Wald dringend benötige.

Prulls Problem ist dem Landkreis nicht neu. Zwei Ortstermine hat es bereits gegeben. Im Juli 2019 und im Februar 2020. Prull habe, so heißt es auch in seiner Stellungnahme an den Landkreis, beim zweiten Termin vorgeschlagen, ein Aufstauen des Grabens als Pilotprojekt durchzuführen. Ein anwesender Vertreter der Naturschutzbehörde habe diesen Vorschlag begrüßt. Und jetzt kam das Schreiben des Kreises, dass Prull auffordert, den Damm abzubauen.

Landkreis-Fachdienstleiter Bauen und Umwelt, Volker Lück, will zu der Angelegenheit eigentlich nichts sagen. Es handele sich um ein laufendes Verfahren. Nur so viel: „Wenn man einen Stau bauen will, ist das erlaubnispflichtig nach dem Wasserhaushaltsgesetz. Wenn das jemand ohne Genehmigung macht, dann wird die Behörde aktiv.“ Lück erklärt, warum es so wichtig sei, dass ein Antrag gestellt wird, bevor der Waldbesitzer mit einem Staudamm eigenmächtig handelt: „Im Rahmen des Erlaubnisverfahrens würde geprüft, ob durch die Maßnahmen andere Anlieger des Grabens belastet werden.“

Auf die Frage, warum beim Ortstermin ein Landkreismitarbeiter positiv auf die Idee mit dem Staudamm reagiert habe, sagt Lück: „Wir haben die Wasserwirtschaft und den Naturschutz. Es kann natürlich sein, dass so eine Aufstauung aus Sicht des Naturschutzes eine gute Sache ist, in der Wasserwirtschaft ist es aber erlaubnispflichtig. Im Antragsverfahren müssten diese beiden Interessen abgewogen werden.“

Auch das Problem mit den Beregnungsanlagen ist in der Behörde bekannt. Es gebe sogar Fälle, in denen Landwirte widerrechtlich beregnen würden. „Wenn die Behörde davon Kenntnis bekommt, dass jemand Wasser fördert ohne Erlaubnis, geht sie natürlich auch dagegen vor.“ Genau das habe sie in den vergangenen trockenen Sommern auch mehrfach getan.

Prull will seinen Staudamm nicht abbauen. Stattdessen möchte er jetzt die Entwidmung des Grabens in seinem Wald beantragen. Selbst, wenn es Jahrhunderte sinnvoll gewesen sei, in Norddeutschland zu entwässern, zeige der Klimawandel auf, dass jetzt andere Konzepte her müssten. „Schnellstmöglich müssen wir, wenn der Wald für unsere Gesellschaft erhalten bleiben soll, unter Berücksichtigung des Hochwasserschutzes, Wasser großflächig zurückhalten.“

Prull will jetzt auch einen Antrag auf Erlaubnis beim Landkreis stellen und versuchen, eine Forschungseinrichtung mit ins Boot zu holen, um im Rahmen eines Pilotprojektes herauszufinden, ob solche Stauungen dabei helfen können, das allgegenwärtige Problem in den Griff zu bekommen. Denn es geht dem Dörverdener nicht ums Prinzip oder darum, eine Behörde zu provozieren. Er will einfach nur nicht dem Wald beim Sterben zuschauen.

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