Mit Sondengänger Martin Rodenburg unterwegs / „Angeln ist hektisch dagegen“

Schrott, eine halbe Kugel und ein alter Knopf

Ein rostiger Knopf mit einem gekrönten Adler.
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Viel wert ist dieser Knopf einer polnischen Militäruniform nicht. Martin Rodenburg hat sich trotzdem über den Fund gefreut, weil es ihm beim „Sondeln“ um etwas anderes geht.

Martin Rodenburg wartet schon auf dem Acker. In seiner Brusttasche steckt eine Zahnbürste. Sie wird, ebenso wie Sonde, Pinpointer und Spaten, heute noch zum Einsatz kommen. Eins vorweg: Der aufregendste Fund, den der Sondengänger heute machen wird, ist ein nicht besonders wertvoller Knopf. Aber – was heißt schon wertvoll?

Dörverden – Der 55-jährige Barmer zeigt sich etwas verwundert, dass sich die Heimatzeitung für seine Freizeitbeschäftigung interessiert. Viele hielten das Sondengehen für „das langweiligste Hobby der Welt“, sagt er und gibt zu: „Angeln ist hektisch dagegen.“ Der Acker, auf dem er heute mit dem Metalldetektor seine Runden dreht, liegt bei Drübber, nicht weit entfernt von der früheren Munitionsfabrik Eibia, in der Gemeinde Dörverden. Die Fläche gehört einem Landwirt, mit dem Rodenburg eine Abmachung hat. Natürlich brauche es die Erlaubnis des Landeigentümers, so Rodenburg, und erklärt, warum es zum Beispiel nicht gestattet ist, im Wald mit der Sonde nach Schätzen zu suchen. „Das hat etwas mit dem Fundkontext zu tun“, sagt er und schaltet die Sonde ein. Archäologische Funde würden nur dann ihre volle historische Aussage entfalten, wenn sie – von Profis – dort ausgegraben würden, wo sie einst verloren gegangen sind, beziehungsweise, wo sie vergraben wurden. Ohne professionelle Dokumentation würden sie von Sondengängern ihrem Fundzusammenhang entrissen und auf ihren rein antiquarischen Wert reduziert. „Auf dem Acker dagegen – da gibt es natürlich schon längst keinen Fundkontext mehr, weil hier über Jahrzehnte und Jahrhunderte immer wieder alles durchgepflügt wurde.“

Für das Sondengehen benötigt man eine Genehmigung

Rodenburg weiß das alles, weil er nicht nur entsprechende Kurse absolviert hat, sondern weil das Sondengehen generell einer Genehmigung bedarf. Diese stellt niemand Geringeres aus als die Untere Denkmalschutzbehörde. Mit der Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht hat Rodenburg schon oft zusammengearbeitet. Findet er etwas, von dem er glaubt, dass es einen historischen Wert haben könnte, meldet er diesen umgehend bei ihr. Auch, wenn es sein kann, dass ihm der „Schatz“ dann weggenommen wird.

Das ist ihm bereits passiert: Als Rodenburg vergangenes Jahr eine besonders seltene Silbermünze gefunden hat (wir berichteten), wendete das Landesamt für Denkmalpflege das sogenannte „Schatzregal“ an: Sie nahm den spektakulären Fund an sich, Rodenburg bekam eine Entschädigung. „So sind die Regeln“, erklärt der Barmer – und los geht es.

Brummen ist schlecht, Piepen ist gut

Das Gelände ist in Ordnung, aber nicht ideal. Der Getreideacker ist abgeerntet, aber die Stoppeln sind hoch. „Ich komme eigentlich nicht tief genug an den Boden“, sagt Rodenburg, während er die Sonde vor sich hin und her schwingt. Und dann, auf einmal, nach wenigen Metern, erklingt ein brummender Ton. Rodenburg winkt ab: „Wenn es brummt, müssen wir gar nicht gucken, das ist nichts. Warten Sie ab, Sie werden hören, wie es klingt, wenn es interessant wird.“ Also geht es erst mal weiter.

„Bevor Sie gekommen sind, habe ich bereits das hier gefunden“, sagt der Schatzsucher und greift in seine Hosentasche. „Erraten Sie, was das ist?“ Es ist eine Halbkugel etwa so groß wie eine Kirsche, und erstaunlich schwer. „Das ist eine Musketenkugel, vielleicht 200 Jahre alt“, weiß Rodenburg. „Solche findet man häufiger.“ Diese hier habe wohl etwas getroffen, deswegen sei sie auf einer Seite platt gedrückt. „Wer hat da wohl auf wen geschossen?“, fragt Rodenburg, während er mit der brummenden Sonde seine Runden dreht. Er habe tagsüber einen Bürojob, erzählt er. „Da ist so ein Hobby an der frischen Luft ein schöner Ausgleich.“

Reich werden kann man damit nicht

Reich werden könne man mit dem Sondengehen nicht. „Gold fand ich noch nie, Silber sehr selten.“ Und auch das sei gestreckt mit unedlen Metallen. Würde man es veräußern, bekäme man nicht einmal die Kosten für das Equipment heraus. „Man kann sich höchstens an der Schönheit von Dingen erfreuen, die für den Rest der Welt in der Regel Schrott sind.“

Ping – ein heller Ton erklingt. „Das könnte etwas sein“, sagt Rodenburg. Er bleibt stehen. „Nein, noch nicht graben. Wir müssen es erst genauer lokalisieren.“ Er holt einen Pinpointer aus der Tasche. „Das ist im Prinzip das gleiche Gerät, mit dem sie am Flughafen abgetastet werden“, sagt er und bewegt den Stab an der Stelle, wo die Sonde ausgeschlagen hat. Als er den Bereich auf wenige Zentimeter eingegrenzt hat, fängt er an, zu graben. Erst mal mit den Händen. „Die interessanten Sachen liegen eigentlich nie tief“, sagt er. Schnell hat er den vermeintlichen Schatz gefunden. Es ist ein Stück Metallschrott, mit scharfen Kanten.

Kein Hobby für Kinder

„Natürlich nehme ich den Müll, den ich finde, mit. Auf diese Weise sammle ich Buddelkarma“, sagt Rodenburg schmunzelnd. Dann könne die Metallscherbe kein landwirtschaftliches Gerät mehr beschädigen, kein Tier mehr verletzen. „Und, wenn man ehrlich ist: 99 Prozent der Dinge, die man beim Sondeln findet, sind nun mal Schrott.“ Aber manchmal – ist es scharfe Munition. „Deswegen ist das auch absolut kein Hobby für Kinder“, so der Barmer. Er erzählt, was ihm vor Kurzem passiert ist. „Ich habe ein kegelförmiges Gebilde gefunden, es war olivgrün, und es waren Zahlen zu erkennen.“ Ein Zünder? Rodenburg wusste es nicht und tat das, was er gelernt hat. Er rief den Kampfmittelräumdienst.

Nach nur eineinhalb Stunden waren Mitarbeiter aus Hannover angereist. Sie gaben schnell Entwarnung. „Es war lediglich ein Teil eines alten Tresors.“ Also doch nicht alles so gefährlich? Doch, denn wenn Rodenburg, mit vielen Jahren Erfahrung, ein Zahlenschloss nicht von einem Zünder unterscheiden könne, wie solle dann ein Kind eine Bombe und einen vermeintlichen Schatz auseinanderhalten?

Da ist es wieder: Die Sonde piept, lauter und klarer als zuvor. „Jetzt aber“, sagt Rodenburg. Hinknien, Pinpointer, buddeln – und da hält er etwas in den Händen. Es ist klein, rund und schmutzig. „Ein Knopf“, sagt er. Enttäuscht ist er nicht. Er holt die Zahnbürste raus und bearbeitet das runde Metallstück, bis eine Prägung zu erkennen ist. Ein gekrönter Adler. „Polnisch, schätze ich“, sagt Rodenburg.

Meistens brummt es, selten piept es: Sondengänger brauchen Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz.

Er steckt den Knopf ein. „Für heute packen wir zusammen.“ Zu Hause will er recherchieren, was es mit dem Knopf auf sich hat. „Ich bin mir sicher, dass er nicht viel wert ist. Aber darum geht es ja nicht.“ Er interessiere sich vor allem für die Geschichten hinter seinen Funden. Wem gehörte der chirurgische Spatel, mindestens 1800 Jahre alt, den er einmal gefunden hat? Wer trug die schöne Schmuckfibel, eine Art Brosche, mit Blumenmotiv? Wem rutschten die unzähligen Münzen aus der Tasche, die er im Laufe der Jahre ausgebuddelt hat? Taler, Duits, Reichsmark?

Rätsel und Geschichten sind die wahren Schätze

Der heutige Fund, der Knopf, das hat er im Internet herausgefunden, gehörte zu einer polnischen Militäruniform aus dem Jahr 1920. „Möglich, dass sie einem Polen gehörte, der im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeit in der Eibia leisten musste“, sinniert Rodenburg. Wer war der Soldat? Und verlor er nur einen Jackenknopf auf Dörverdener Boden – oder sein Leben? „Es sind diese Rätsel, diese Geschichten, die ich spannend finde.“ Das seien die wahren Schätze.

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