Botulismus im Reitstall: Pferd stirbt

„Es war ein qualvoller Tod“

Gestern haben zwei Rotenburger Tierärzte die elfjährige Hannoveraner Stute Flavia von Deike Klußmann untersucht. Auch bei Flavia wurde der Botulismus-Erreger nachgewiesen. Ob die akuten neurologischen Ausfallerscheinungen darauf zurückzuführen sind, ist aber unklar. - Foto: Niemann

Dörverden - Flavia hat Koordinations- und Sehstörungen und sie bewegt sich kaum noch vom Fleck. Viele Pferdehalter kennen Botulismus nur vom Hörensagen, doch in einem Pferdestall in Dörverden sind bereits im vergangenen Winter zwölf Pferde daran erkrankt. Dabei handelt es sich um eine Vergiftung, die eine Lähmung der Skelettmuskulatur hervorruft und die von dem im Erdboden vorkommenden Bacillus Clostridium botulinum hervorgerufen wird.

Im genannten Fall wähnten die betroffenen Pferdebesitzer ihre Tiere inzwischen längst auf dem Wege der Genesung, doch nachdem am vergangenen Freitag der Hannoveraner „Gambee Cat“ von Reitlehrerin Deike Klußmann gestorben ist, holt das Thema die Pferdehalter jetzt erneut ein.

Denn Klußmann ist überzeugt, dass „Gambee Cat“ an eben dieser Erkrankung verstorben ist. „Es war ein ganz schlimmer, elendiger und qualvoller Tod. Der Tierarzt hat es leider nicht mehr rechtzeitig geschafft, ihn zu erlösen. Die Bilder werde ich sicher nie mehr los“, erzählt die Besitzerin. Sie hatte den Wallach noch am Vortag tierärztlich behandeln lassen und zunächst an eine andere Erkrankung gedacht, als das Tier krampfartige Symptome zeigte. Dass es nicht mehr fraß, konnte schließlich auch eine andere Ursache haben. „Das kommt leicht einmal vor. Pferde sind dafür anfällig“, wie die Expertin weiß. Sie berichtet weiter, dass es „Gambee Cat“ danach auch tatsächlich etwas besser ging, sich sein Zustand dann aber binnen weniger Stunden so rasant verschlechtert habe, dass er verstorben sei. „Es ist ein großer Verlust für mich. Ich habe sehr an dem Pferd gehangen“, erzählt sie.

Aber auch mehrere der Pferdehalter leiden seit Wochen unter erheblichen gesundheitlichen Störungen. Um Ostern musste sich eine der Tierhalterinnen sogar einer Operation unterziehen und der Verdacht, dass der Kontakt mit dem Nervengift dafür verantwortlich ist, ist nicht ausgeräumt.

„Finanziell ist das eine Katastrophe“

„In früheren Untersuchungen hat man auffällige Keime im Trinkwasser der Pferde nachgewiesen“, berichtet Klußmann und dass man den gleichen Erreger auch im Blut der erkrankten Menschen gefunden hat. „Da diese aber definitiv weder Heu gefressen noch aus der Pferdetränke getrunken haben, müssen sie sich auf anderem Wege angesteckt haben.“

Klußmann verhehlt nicht, dass sie wirtschaftlich auf dem Zahnfleisch geht. „Finanziell ist das eine Katastrophe“, sagt sie, zumal man als betroffener Pferdehalter keinerlei behördliche Unterstützung erfahre. „Das Thema Botulismus ist dort quasi nicht existent. Es wird als reine Hypothese hingestellt, dass es sich um die seuchenhafte Ausbreitung eines gefährlichen Erregers handelt. Gesicherte Fakten werden nicht akzeptiert, man hört nur fadenscheinige Argumentationen.“ Dabei seien Erkrankungen und Tiersterben durch Botulismus alles andere als neu. „Wir wissen von Fällen aus der Umgebung, wo Pferde vergleichbare Symptome zeigen.“

Wie es zu den Vergiftungen kommen konnte, ist auch nach Auswertung der vom Veterinäramt genommenen Proben bis heute unklar. Auch der mehrwöchige Aufenthalt von zwei erkrankten Pferden in der Pferdeklinik der Uni Leipzig hat den betroffenen Haltern keine eindeutigen Erkenntnisse gebracht. „Die Krankheit ist schwer zu diagnostizieren und zudem nicht meldepflichtig, weil es nach behördlicher Auffassung auch keine Ausbreitungsgefahr gibt.“ Botulismus, sagt Klußmann, werde unterschätzt. „Die Schluckbeschwerden, die eindeutig auf Botulismus hindeuten, werden leicht ignoriert. Es sieht so aus, als würden die Pferde saufen und fressen, dabei versuchen sie es lediglich.“ Als weitere Hinweise hat sie Lähmungserscheinungen, einen schwankenden oder steifen Gang oder das Nachziehen der Hinterhufe beobachtet.

Im Endstadium seien dann fast alle Muskeln im Bereich des Kopfes gelähmt, das Pferd speichele, die Zunge hänge heraus, die Muskeln zitterten und die Hinterbeine brächen ein. Klußmann: „Das schlimmste ist, wenn das Tier einen mit großen Augen um Hilfe flehend ansieht.“

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