EU-Recht verbietet Kupieren / Landvolk fürchtet mehr Tierleid

Laut Züchtern sind Ferkel ohne Schwänze besser dran

+
Heiner Zeyn beim Kupieren. Das Ferkelchen war nach dem Eingriff übrigens sofort putzmunter.

Dörverden - Heiner Zeyn greift sich ein drei Tage altes Ferkelchen, dessen Ringelschwänzchen er gleich kupieren, also teilweise abschneiden wird. Das gleiche werden am selben Tag die Altersgenossen des kleinen Schweinchens erleben. Laut EU-Richtlinie ist das Kupieren von Schweineschwänzen nicht erlaubt, doch in den meisten konventionellen Schweinezuchtbetrieben in Deutschland Alltag.

Beim Kupieren wird mit einer heißen Klinge das untere Drittel des Schwanzes abgezwackt, denn das Risiko, dass sich Schweine in der Mastzeit gegenseitig die Schwänze abbeißen, ist auch dem Landwirt aus Stedorf zu hoch. Dass die Prozedur schmerzt, glaubt er nicht. „Es geht ruckzuck und schauen Sie selbst, haben Sie den Eindruck, dass das Tierchen gelitten hat?“, fragt Zeyn, der mit seiner Familie einen Betrieb mit 320 Sauen, Ferkelaufzucht und Mastplätzen betreibt. Nein, alles ist ruhig und der just kupierte Schweine-nachwuchs wohlauf.

Der vom niedersächsischen Agrarminister Christian Meyer anvisierte Ausstieg aus der Möglichkeit, in der Schweinehaltung Ferkelschwänze zu kupieren, führt nach Einschätzung des Niedersächsischen Landvolks, Kreisverband Rotenburg-Verden, nicht zu mehr, sondern eher zu weniger Tierschutz.

Dabei ist ein Kupieren der Schwänze laut EU-Recht schon lange verboten. Auch das deutsche Tierschutzgesetz erlaubt einen Eingriff nur im Einzellfall und er muss für die vorgesehene Nutzung des Tieres zu dessen Schutz oder zum Schutz anderer Tiere unerlässlich sein. Doch praktikable Alternativen sind nach Auffassung der Landwirte nicht in Sicht. Und so mache ein von der Politik diktiertes Verbot keinen Sinn. Kreislandwirt Jörn Ehlers: „Es führt, und das wird inzwischen von mehreren Studien belegt, im Gegenteil zu höherem Tierleid.“

Auch Zeyn teilt diese Auffassung, da es bei der Schweinehaltung immer wieder zu Kannibalismus komme. Dabei, so Ehlers, der hier aus im eigenen Betrieb gemachten Erfahrungen spricht, werde der Schwanz teilweise bis zum Rückenmark aufgefressen, was zu Entzündungen und Abszessen führen kann. „Für die betroffenen Tiere geht das mit erheblichen Schmerzen einher. Ich musste sogar schon welche einschläfern lassen.“

Zeyn und sein Sohn Dirk haben schon einmal ausprobiert, ohne den Eingriff, der beim Ferkel routinemäßig am dritten Lebenstag vorgenommen wird, auszukommen, und zwei Würfe unkupiert gelassen. „Es hat nicht funktioniert. Sie haben sich später gebissen“, so Zeyn, der täglich seine Runde durch die Ställe macht. „Bei unkupierten Schwänzen wäre eine Einzeltierkontrolle erforderlich“, sagt er. Die Zeit habe er aber nicht.

Sebastian Kuhlmann vom Landvolk-Kreisverband weist darauf hin, dass selbst in vielen Biobetrieben oder in Ställen, wo die Tiere auf Stroh gehalten werden, sich Schweine teils die Schwänze abknabberten. Ehlers: „Das letzte Schwanzdrittel ist nämlich quasi schmerzfrei. Sind die Schwänze kupiert, liegen die Nerven weiter vorn und das Tier merkt, wenn auf seinem Schwanz herumgekaut wird.“

Die Ursachen für das Schwanzbeißen sind laut Zeyn und Ehlers vielfältig. Hier spielten Futter, Haltung und klimatische Bedingungen ebenso eine Rolle wie die Genetik einzelner Tiere. „Wenn auch nur ein Beißer in der Gruppe ist, haben wir das Problem“, so Zeyn. Denn das Verhalten werde von anderen in der Gruppe übernommen.

Von der Politik wünschen sich die Landwirte mehr Rücksicht auf ihre Situation: „Solange Lebensmittel vor allem billig sein sollen, müssen auch die Vorschriften verhältnismäßig und entsprechend sein.“

nie

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Droht Venezuela eine Diktatur?

Droht Venezuela eine Diktatur?

Ursachenforschung nach tödlichem Hubschrauberabsturz in Mali

Ursachenforschung nach tödlichem Hubschrauberabsturz in Mali

Beängstigender Hagel-Sturm: In Istanbul ging fast nichts mehr 

Beängstigender Hagel-Sturm: In Istanbul ging fast nichts mehr 

Sommerreise: Auf hölzernen Pfaden durch die Moorwelten Ströhen

Sommerreise: Auf hölzernen Pfaden durch die Moorwelten Ströhen

Meistgelesene Artikel

Hochwasser-Helfer aus dem Kreis Verden bei Hildesheim im Einsatz

Hochwasser-Helfer aus dem Kreis Verden bei Hildesheim im Einsatz

180 Feuerwehrleute aus Verden in Hildesheim im Einsatz

180 Feuerwehrleute aus Verden in Hildesheim im Einsatz

Großeinsatz: Aber der Kanute übte nur

Großeinsatz: Aber der Kanute übte nur

Kanu kentert – zwei Teenager vermisst

Kanu kentert – zwei Teenager vermisst

Kommentare