Erinnerung an das Schicksal der Zwangsarbeiter in Dörverden

Kontakt zu „Untermenschen“ war strengstens verboten

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Auch heute, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, erinnern Grabsteine auf dem Dörverdener Friedhof an Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die fern von ihrer Heimat starben.

Dörverden - Von Heiner Falldorf. Wer war Aloys Karras? Sein Namen findet sich in Stein gemeißelt auf seinem Grab auf dem Friedhof der Kirchengemeinde Dörverden an der Bundesstraße 215. Unter seinem Namen stehen schlicht die beiden Daten, die sein Leben markieren. Aloys Karras wurde am 26. Februar 1897 geboren. Er starb am 14. September 1943. Wer war er, und wo war er zu Hause?

Auf seinem Grabmal fehlt der Hinweis auf sein Heimatland, das auf den anderen 16 Steinen angegeben wurde: Serbien, Ukraine, Polen, Rußland, Belgien.

Frank Grube und Gerhard Richter schreiben in ihrem Buch „Alltag im Dritten Reich“: „Wahllos wurden im besetzten Polen Männer und Frauen, Jugendliche, Arbeiter, Bauern und Intellektuelle auf offener Straße aufgegriffen, Kino- und Kirchenbesucher sahen sich unvermittelt in Transportzüge nach Deutschland verfrachtet. Den Polen folgten 1940 Franzosen und Belgier, Holländer, Norweger und Luxemburger, 1941 Griechen und Jugoslawen. Die Ausländer lebten in Deutschland unter denkbar schlechtesten Bedingungen in eigens errichteten Barackenlagern; die Kosten für Nahrung und Logis wurden von ihrem ohnehin kargen Lohn abgezogen, soziale Leistungen gab es kaum. 1942 waren es vier Millionen und im Mai 1943 6,3 Millionen. Durch die harte körperliche Arbeit wurde ihre Zahl ständig dezimiert – neue Zwangsrekrutierungen folgten auf dem Fuß. Fast jedes Dorf hatte seine Polen und Russen, die oft in Ställen und Erdlöchern hausten – jeglicher Kontakt mit den ‚slawischen Untermenschen‘ war verboten.“

In Höhe des Friedhofes an der Bundesstraße in Dörverden zweigt die Kreisstraße nach Diensthop ab. Sie führt in Dörverden an der Steinsiedlung entlang und erreicht unweit des Ortsausganges ausgedehnte Waldflächen zwischen den Ortschaften Barme und Diensthop. Die Steinsiedlung, ein ehemaliges Fremdarbeiterlager, und die Pulverfabrik in den Wäldern bei Barme und Diensthop sind die Orte, wo Aloys Karras und seine Leidensgenossen sich zwangsweise aufhalten und arbeiten mussten. Hier wurde nicht nur gearbeitet oder gestorben, hier wurden auch Kinder geboren. Von hier aus wurden auch schon bald wieder einige dieser Kinder zum Friedhof getragen. Zurück blieben nach Kriegsende kleine Gräber von Kindern, deren Eltern diese nicht mehr pflegen konnten.

Die Berliner „Tageszeitung“ vom 28. Januar 1982 enthält einen Bericht über das Steinlager: „Von hier zogen in den letzten Kriegsjahren die langen Kolonnen polnischer, belgischer und russischer Fremdarbeiter morgens vorbei an den Blicken der Dorfbewohner unter den Linden der Bahnhofstraße bis zum Sondergleis, auf dem sie in kleinen Loren drei Kilometer weit im Wald verschwanden. [...] Das Steinlager war für die sogenannten Ostarbeiter, die in der Eibia, so wird das Gelände der ehemaligen Pulverfabrik noch heute genannt, arbeiteten. „Steinlager“ deshalb, weil es dort im Wald an der Straße nach Diensthop noch ein anderes Lager gab. Das für Kriegsgefangene. Aus Holz.“

Am 10. April 1945 erreichten britische Verbände Dörverden. Die Zeit der Zwangsarbeit und Kriegsgefangenschaft war vorüber. Viele gingen zurück in ihre Heimat, andere brachen mit ihr und gingen in ein anderes Land. Zurück blieben die Toten. Auf dem Friedhof in Dörverden werden 16 Gräber gepflegt. Das Sterbebuch des Standesamtes enthält die Namen dieser und von 51 weiteren Toten, die in den Lagern in und um Dörverden leben mussten, aber nicht überlebten.

Aloys Karras ist einer von ihnen, im Sterbebuch wurde sein Geburtsort Malewicza festgehalten. Die Liste der Toten mahnt die Lebenden, dass Friede bleibe.

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