Barnstedter gibt Landwirtschaft auf

230 Kühe für nächste Generation noch nicht genug

Mann vor Rindern auf der Weide.
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Noch stehen 52 Schwarzbunte auf dem Hof. „Die Rinder sind alle hier zur Welt gekommen“, sagt Wilken Schwarze (Bild).

Der Barnstedter Wilken Schwarze hat nach einer Tradition von 500 Jahren den landwirtschaftlichen Betrieb aufgegeben. Für die nächste Generation zu risikoreich, befand er. Ein Abschied auf Raten.

Barnstedt – Ganz vorbei ist es noch nicht. Wilken Schwarze greift zum roten Eimer, dem mit Trockenfutter halbvoll gefüllten Eimer, er steigt aufs Rad, Jagdhund Püppi neben ihm, hin zur Weide, und da stehen sie, und drängeln und jede will die erste sein. Schwarzbunte Rinder. 52 an der Zahl. Ganz genau 52 auf einer Weide in Barnstedt. Sie feiern demnächst ihren zweiten Geburtstag, wenn sie denn Geburtstag feiern würden.

52 Rinder, die sozusagen die Nachhut einer beeindruckenden Herde bilden. Kuhkälber sind es. Auf dem Hof links der Aller haben sie das Licht der Welt erblickt. Alle fit und munter. Und das ist ihm wichtig, sagt Wilken Schwarze. Immer noch, obwohl es ihn fast nichts mehr angeht. Er müsste es nicht erwähnen. 52 Augenpaare haben ihm die Antwort vorweg genommen. Ihn haben sie erkannt, den roten Eimer vermögen sie zu deuten. Sie wissen, steigt Wilken Schwarze mit Eimer über den Zaun, dann winkt eine Leckerei. Und das lässt sich keiner entgehen.

Schlusskapitel am Weltmilchtag

Auch er fand eine Leckerei, auch Wilken Schwarze, im Briefkasten steckte sie vergangenen Freitag. Ein Päckchen mit Schokoladen-Herzen. Und eine schöne Widmung. Vier Tage vor dem heutigen Tag der Milch eine Widmung, die viel erzählt über eines der wichtigsten Nahrungsmittel, über Wohl und Wehe, über Wertschätzung und Wirtschaftlichkeit. Ein ehemaliger Mitarbeiter hatte diese Widmung verfasst. Timo Heimsoth heißt er. Auf dem Hof Schwarze ist er als Junge ein- und ausgegangen, mitgeholfen hat er, wahrscheinlich vermochte er, Trecker zu fahren, lange bevor er den dazugehörigen Führerschein in Händen hielt, und auf jeden Fall lenkte der Hof Schwarze den jungen Mann in seinen späteren Beruf. In der Tierwirtschaft ist er tätig. Jetzt erinnerte er mit Schokolade und Schreibschrift an einen besonderen Tag. Genau vor einem Jahr hatten die letzten Kühe den Hof Schwarze verlassen. 149 Kühe. Auch seinerzeit vier Tage vor dem Weltmilchtag, der doch eigentlich ein Tag der Werbung für das weiße Gold sein soll, wie einige schreiben, aber im vergangenen Jahr eben ein Schlusskapitel war. Zumindest in Barnstedt. Wieder einmal hatte ein Milchbauer aufgegeben. Wirtschaftliche Zwänge führte er an. „Ich wollte selbst bestimmen können, ob es weitergeht, ob es weitergehen kann, oder ob die Zeit für einen Schlussstrich gekommen ist“, sagt Wilken Schwarze. Der Mann, der reden kann wie ein Wasserfall, einer, der selbst Minister Karl-Heinz Funke bei dessen Besuch auf dem Milchhof Schwarze in Beredsamkeit übertraf, sagen Beobachter, dieser Mann wird plötzlich einsilbig. Sehr einsilbig.

Der Tag, als 149 Kühe verladen wurden

Vier Buchstaben nur, die ihren Weg über seine Lippen finden. Nein, sagt er. Ihm sei dieses Datum gar nicht mehr groß im Kopf gewesen, dieses einschneidende Datum, dieser Tag, an dem 149 Kühe verladen wurden. „Nein“, sagt Wilken Schwarze, an diesem Tag war ja schon alles geregelt. „Sie kommen in gute Hände, ich hatte ein supergutes Gefühl.“ Nur noch das Aufladen der Tiere. Er sei dabei gewesen, er habe nicht etwa die Flucht ergriffen, er hätte sagen können, er habe auswärts einen Termin, aber er sagte es nicht, er blieb. Dieser Tag war nicht der schlimmste, sagt er, dieser Tag nicht, es waren die anderen Tage, es sind alle anderen Tage. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht überlege, was ich falsch gemacht habe“, sagt Landwirt Wilken Schwarze, er, mit seinen 58 Jahren, „es vergeht kein Tag, an dem ich nicht überlege, woran es gelegen hat.“ Landwirt sei schließlich kein Job, Landwirt sei eine Berufung. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. „Kälber haben die Eigenschaft, sie kommen zu den ungelegendsten Zeiten auf die Welt“, sagt Wilken Schwarze, aber egal zu welcher Zeit, „es gibt nichts Schöneres als ein Kalb von der Kuh zu ziehen.“

Damit ist seit einem Jahr Schluss. Selbst die mächtigen Hallen, die der Kuhhaltung dienten, und wo der Melkroboter stand, für sie ist inzwischen eine neue Lösung gefunden. Schluss. Aus. Nach hunderten von Jahren Landwirtschaft auf dem romantischen Anwesen unweit der Aller und unweit des Barnstorfer Sees das Aus. Einige sagen nach 500 Jahren. Unwiderruflich das Aus. „Unsere Familie lässt sich über vier, über fünf Generationen, vielleicht noch mehr, an dieser Hofstelle zurückverfolgen“, sagt er.

Zuerst 60 Kühe, am Ende 230

Er habe noch zu jenen gehört, die mit der Landwirtschaft aufgewachsen sind. „Es war von vornherein klar, einer von uns Kindern übernimmt den Hof. Das war keine Frage.“ Es traf ihn, es traf den Zweitgeborenen, ein wenig den damaligen Zwängen gehorchend, aber er als Zweitgeborener nahm 30-jährig die Herausforderung an, er und Ehefrau Dagmar. Der Weltmilchtag war damals noch nicht erfunden, aber für beide stand fest, man werde die Herausforderung Milchwirtschaft annehmen. Damals mit einer Herde von 60 Kühen und einer Fläche von 120 Hektar Land, teils gepachtet, die dazugehörten. Ein Vierteljahrhundert später war die Herde auf 230 Kühe gewachsen, das zu bewirtschaftende Land auf 190 Hektar. Eigentlich doch eine Größe, die als achtbar gilt. Eine Größe, die als zukunftsfähig gilt. Wenn nicht 230 Kühe und 190 Hektar, was dann?

„Wir hätten über eine Million Euro gebraucht“

Und tatsächlich haben sie einiges versucht. Tochter Maren stellte sich der Herausforderung. Muss doch wohl möglich sein, mit diesen Startbedingungen noch für eine Generation ein auskömmliches Leben zu erwirtschaften. Strukturiert begannen sie Daten und Fakten zusammenzutragen. Zunächst also die Beratungsgespräche. Unter anderem bei der Landwirtschaftskammer, aber auch bei anderen Institutionen. Die erste Erkenntnis: „230 Kühe, das ist nicht schlecht, aber künftig wird es nicht reichen.“ Die nächsten Erkenntnisse, die umweltpolitischen Verschärfungen: Es müssen neue Siloplatten her, es muss eine Gülleanlage her. „Am Ende kamen wir auf ein Investitionsvolumen von über einer Million Euro.“

Die mächtige Spanne beim Milchpreis

Und es gesellten sich die Erfahrungen hinzu, die er sammelte, ein Erfahrungsschatz allein aus den vergangenen fünf Jahren, der genügte, die Lage einzuschätzen. Allen voran die Kapriolen des Milchpreises. Mit zwei Millionen Kilogramm gibt Schwarze die bisherige Jahresproduktion an. Ein Cent Preisunterschied bedeuten für ihn 20 000 Euro. Nur, dass der Preis eben nicht mehr wie früher mal um einen oder zwei Cent hoch- oder runterdümpelte, er hat ganz andere Dimensionen eingenommen. „Wir hatten eine kurze Phase mit 40 Cent. Da haben wir ein Finanzpolster angelegt“, sagt Schwarze, „aber gleich darauf folgte eine Phase mit 20 Cent. Da war das Polster wieder weg. Und es waren alle anderen Rücklagen aufgebraucht.“ Die 20-Cent-Phase sei dennoch mit Ach und Krach überstanden. Auch heute noch verfolgt er die Preise, auch noch nach dem Abschied der Kühe. „Aktuell werden 32 Cent gezahlt, kostendeckend wären 34 Cent.“ Klartext: In diesem Jahr würden 40 000 Euro in der Kasse fehlen. Alles andere als ein Pappenstiel.

Ökologische und soziale Einflüsse

Umwelteinflüsse kamen hinzu. Erst ein extrem nasses Jahr, das dem angebauten Mais zu schaffen machte. Dann zwei aufeinander folgende Extrem-Trockenheiten, die ebenfalls dem Mais zu schaffen machten. „Beides mit tiefen Einschnitten in unsere Kassenlage.“ Und dann wäre da noch die soziale Komponente. „Alle unsere drei Töchter berichteten, sie seien in der Schule Außenseiter gewesen.“ Außenseiter, weil die Eltern eine Landwirtschaft führten. „Teils haben sie sich verteidigen müssen.“ Er habe einiges versucht, sagt Wilken Schwarze, „ich habe Schulklassen eingeladen, ich habe Kindergartengruppen eingeladen. Wir haben ein großes Hoftor, und das steht immer allen offen.“ Einige folgten der Einladung. Viel gebracht hat es nicht.

Am Horizont lauert schon das Ungetüm

Rechne er alles auf, rechne es nüchtern auf, dann blieben nicht sonderlich viele Alternativen. Gewiss, die Tochter sei hochmotiviert, sie habe mit 25 Jahren extrem viel Herzblut in den Neustart gesteckt. Aber irgendwo am Horizont lauerte das Ungetüm schon, jenes diabolische Wesen, das er als „Druck“ bezeichnet, jene Situation, in der die Finanzen in Schieflage geraten. Er betrachte sich als Kapitän, sagt Wilken Schwarze, er müsse entscheiden. Klar, es sei ein Leichtes gewesen, die Verantwortung an die nächste Generation abzugeben, die Hoffnung sterbe zuletzt, aber mit diesem „Weiter so“ wäre es nicht gegangen. Er sei es gewesen, sagt Wilken Schwarze, er habe die Verantwortung übernommen, er habe die Reißleine gezogen.

„Da fühlst du dich wie ein Looser“

Ein ganz schwieriger Entschluss, aber noch nicht das Schlimmste, das er in den schweren Jahren erlebte. „Das Schlimmste ist der Besuch bei den Verpächtern der Landflächen“, sagt er, „einige sind Nachbarn. Alles Menschen, mit denen wir sehr gut ausgekommen sind in all den Jahren. Und da musst du dann hin, und musst ihnen erklären, wir geben auf, und musst ihnen erläutern, warum. Das ist das schwerste. Nach 500 Jahren die Landwirtschaft aufzugeben, ist schwierig genug. Aber dann da hinzugehen, das ist doppelt schwierig. Du fühlst Dich als Looser.“

Zuerst hat er den Kühen Namen gegeben

Momente, die tief in seinem Gedächtnis Platz gefunden haben, Augenblicke die nie vergessen werden, er vergisst sie nie, so viel steht fest. Er wird wieder einsilbiger. Aber eines steht auch fest: Den Raum, den die Tierliebe einnimmt, die Tierliebe in seinem Herzen und im Kopf, diesem Platz werden die jüngsten Entscheidungen nichts anhaben können. Nicht ansatzweise.

„Natürlich erinnere ich mich an meine Kühe, an jede einzelne. An ihre Charaktere. Die eine ist folgsam, die nächste weicht immer nach links aus, die dritte beschließt, fang mich mal. Das muss man wissen. Das erleichtert den Umgang.“ Zunächst habe er den Kühen Namen gegeben. Aber ungefähr bei der 200. war die Fantasie erschöpft. „Wir haben sie nach den Zahlen in der Ohrmarke benannt.“ Nach den letzten vier Ziffern. Und die blieben ihm geläufig. Auch ein Jahr nach dem Abschied noch. „Die 4481 wäre Champion gewesen.“

Und tatsächlich, ganz ohne Tiere wird es auch in Zukunft nicht gehen. Wo jetzt noch 52 Schwarzbunte stehen, da ist schon eine kleine Weidenecke abgetrennt. Galloways finden sich hier. Bisher fünf an der Zahl, alle weiblich. Nächste Woche kommt ein Bulle dazu . . .

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