Zeitzeugenberichte über den 10. April

Kriegsende in Dörverden: Als Oma Kruse die Hitlerjungen weglockte

Erinnert sich gern an Oma Kruse: Gisela Mauske mit einem Porträt, das ihre Großmutter als junge Frau zeigt.
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Erinnert sich gern an Oma Kruse: Gisela Mauske mit einem Porträt, das ihre Großmutter als junge Frau zeigt.

Am 10. April 1945, und damit nur vier Wochen vor dem 8. Mai und der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, hatten die Engländer Dörverden erobert. Von den letzten Kriegstagen in der Gemeinde handeln Aufzeichnungen, die der Geschichtsexperte Klaus Ortel recherchiert und zusammengetragen hat. Basierend auf einem Zeitzeugengespräch mit der damals 27-Jährigen, im März 2013 verstorbenen Mariechen Stührung, wird darin insbesondere an Oma Kruse erinnert, die durch ihr mutiges und umsichtiges Handeln die Menschen vor Leid und den Ort vor Zerstörung bewahrt hat.

Dörverden – Mariechen Stührung erinnerte sich, dass schönes Wetter gewesen sei und sie mit „alle Mann“ vor einem Holzschauer gesessen und gehandarbeitet hätten. Zuvor seien sie wie jeden Tag bei Schulz im Keller gewesen, der in keinem guten Zustand gewesen sei. An der Mauer auf dem Dörverdener Kirchhof, wo das Tor war, hätten, ehe die Engländer gekommen seien, vier, fünf Hitlerjungen mit einer Panzerfaust gesessen. Sie erinnerte sich auch, dass diese Jungen dunkelblaue Uniformen getragen hätten, mit blauen Hosen und Mützen.

Und da sei Bäcker-Krusen-Mutter, die Oma, gekommen und habe gesagt. „Kommt mal äben her, Jungs, ji schütt wat äten.“ Nein, hätten die Jungen geantwortet, sie müssten dableiben, weil ja der Engländer kommen werde. Doch Krusen-Mutter habe sich nicht beirren lassen, sondern wäre erneut zu den Jungen gegangen und habe sie letztlich überredet, ihr zu folgen. Und genau in dieser Zeit, so heißt es in den Erinnerungen der Zeitzeugin, wären die Engländer gekommen. „Wenn die Jungens einen Schuss auf die Engländer abgegeben hätten, hätten sich diese wieder zurückgezogen und womöglich Dörverden beschossen. Deswegen haben wir in dieser Weise großes Glück gehabt“, heißt es in der Aufzeichnung.

Nachdem die Engländer Dörverden hinter sich gelassen hatten und die Front über den Ort hinweg gegangen war, hätten die Deutschen von Verden nach Dörverden hinein geschossen. Morgens sei das gewesen, als alle noch in den Betten lagen. Mariechen Stührung nahm damals an, dass die Deutschen wohl das Kraftwerk treffen und zerstören wollten, was ihnen aber nicht gelungen sei. Ihr Vater und ihre Schwester Sophie seien zuerst nicht einmal aufgestanden, dann aber doch angesaust, weil ja niemand gewusst habe, was alles passieren könne.

Nur knapp der Sprengung entgangen: das Weserwehr in Dörverden. In Zeitzeugenberichten erinnern sich Dörverdener an die letzten Kriegstage.

Der Vater, der nicht mit in den Keller gegangen sei, habe sich draußen aufgehalten, in der Nachbarschaft von Thalmanns-Vater (Sympherallee 4). Der sei beim Roten Kreuz gewesen und habe eine graue Uniform getragen. Und da sei ein Engländer gekommen, habe auf Thalmann zeigend gefragt: „Du Soldat.“ Mariechen Stührung erinnert sich, dass ihr Vater den Gefahrenmoment abwehren und den Engländer überzeugen konnte, dass Thalmann kein Soldat, sondern Mitarbeiter vom Roten Kreuz sei.

Danach hätten sie noch den ganzen Tag im Keller gesessen, während die Engländer mit Fahrzeugen durch den Ort gesaust seien. Später hätten sie sich im Pastorenhaus von Pastor Renner eine Kommandantur mit Schreibbüro eingerichtet und die Küche für die Soldaten bei Fricke in der Gastwirtschaft in der Kirchstraße.

Mariechen Stührung: „Hier bei uns im Hof war eine Wachbude. Da brachten sie das Essen her, also ein grünes Salatblatt und eine Handvoll Vizebohnen (grüne Bohnen) und ein Stück Weißbrot. Das war ihr Essen. Wir haben darüber gelacht. Wie passt so was zusammen?“

Auf dem „Dreiangel“, dem Wegedreieck vor dem Pfarrwitwenhaus (heute vor dem Gebäude der Kreissparkasse an der Großen Straße), hätten die Engländer einen Fahnenmast aufgestellt und die englische Fahne gehisst. Das sei aber erst rund zwei Wochen nach dem 10. April 1945 geschehen. Männer, die an der Fahne vorbeigingen, mussten die Mütze abnehmen, Frauen einen Knicks machen und Fahrradfahrer absteigen. Stührung: „Manche haben das gemacht und manche haben die Mütze solange auf dem Wagen gehabt. Und wenn sie vorbei waren, haben sie sie wieder aufgesetzt.“

Eine Frau kennt viele Dörverdener Geschichten aus Kriegstagen besonders gut. „Wenn meine Oma meiner Schwester und mir vom Krieg erzählt hat, schälte sie meistens Kartoffeln und wir saßen ihr zu Füßen.“ Viele dieser Erzählungen sind Gisela Mauske noch heute in lebhafter Erinnerung. „Ich kann mir alles merken, bloß Zahlen nicht“, sagt die mittlerweile 80-jährige Enkelin schmunzelnd. Die Dörverdenerin freut sich, dass die Verdener Aller-Zeitung an die Geschehnisse in Dörverden während der letzten Kriegstage erinnert, zumal ihre Großmutter Anna Kruse, geborene Fricke, darin ja eine Schlüsselrolle spielt.

Sie möchte aber noch einige Details über die Person hinzufügen, die in ihrem Heimatort für alle einfach Oma Kruse gewesen war. „Sie wurde als Zweitjüngste einer zehnköpfigen Kinderschar im Deutschen Haus gegenüber der Kirche geboren“, erzählt Mauske. Ihre Großeltern führten später eine Bäckerei in Schneverdingen und übernahmen dann aufgrund der schweren Erkrankung von Hermann Kruse auch die von ihm 1895 in Dörverden gegründete Bäckerei.

Ome Kruse sei immer eine sehr selbstständige Frau gewesen. Als ihr Mann 1914 zum Kriegsdienst einberufen wurde, musste die junge Mutter alleine die Bäckerei und die dazu gehörende kleine Landwirtschaft führen. „Aber Oma hat vieles geschafft. Sie war immer da, auch später für uns, während meine Mutter von morgens 5 Uhr bis abends 19 Uhr im Laden stand. Oma saß in der Küche oder bei schönem Wetter draußen und hat Kartoffeln geschält – und zwar täglich einen Zehn-Liter-Eimer voll. Wir waren damals schließlich täglich 13 Personen am Tisch.“

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