Vom Erntefest bis zum Polizeieinsatz: Dirk Kattwinkel spricht über 40 Jahre Zeitungsarbeit

Ab sofort schreibt Katti nicht mehr mit

Mittendrin statt nur dabei: Dirk Kattwinkel weiß leider nicht mehr, wer dieses tolle Bild von ihm als
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Mittendrin statt nur dabei: Dirk Kattwinkel weiß leider nicht mehr, wer dieses tolle Bild von ihm als

Westen – Von Hausbränden über Jahreshauptversammlungen bis hin zu 100. Geburtstagen, Firmenjubiläen und schweren Verkehrsunfällen: Dirk Kattwinkel aus Westen kann die vielen Termine, die er als freier Mitarbeiter der Verdener Aller-Zeitung wahrgenommen hat, nicht zählen. Aber eins ist klar: Weitere sollen nicht dazu kommen. Der „rasende Reporter“ hängt den Job an den Nagel, der ihm 40 Jahre viel Freude gemacht, der aber auch reichlich Stress bedeutet hat. Wir haben uns mit dem 74-Jährigen zum Gespräch getroffen und den Spieß einmal umgedreht: Nun musste ausnahmsweise mal er selbst Fragen beantworten, während jemand anderes mitschrieb.

Wie bist Du zur Berichterstattung gekommen?

Der Kontakt entstand über den damaligen Dörverden-Redakteur, Hans Reinecke, der leider viel zu früh gestorben ist. Er hat mich gefragt, ob ich nicht mal für die Verdener Aller-Zeitung Termine wahrnehmen wolle, bis dahin hatte ich für eine andere Zeitung im Verkauf gearbeitet. Die VAZ hat mich dann bald abgeworben und ich habe hauptberuflich als Medienberater gearbeitet, nebenberuflich bin ich von Anfang an journalistisch tätig gewesen, habe also Fotos gemacht und geschrieben. Vor allem war ich in der Gemeinde Dörverden unterwegs, aber auch in Verden und in der Samtgemeinde Rethem im Heidekreis.

Hattest du ein Fachgebiet, über das du besonders viel geschrieben hast?

Zum einen war das natürlich die Vereinsberichterstattung. Ich war ja selbst zum Beispiel im Schützenvereinsvorstand, deswegen hatte ich da einen Draht zu. Dann kamen Erntefeste dazu, Brände, Feuerwehreinsätze allgemein. Wenn hier in Westen die Sirene ging, bin ich direkt zum Feuerwehrhaus gefahren, und dann den Einsatzkräften hinterher. Spaß gemacht haben mir immer die Sonderhefte, wie das Dörverden-Journal. Da habe ich dann gemeinsam mit meiner Kollegin Christel Niemann Themen beackert, die sonst in der Tageszeitung zu kurz gekommen sind. Da habe ich zum Beispiel einmal alle Ortschaften der Gemeinde vorgestellt -– oder auch mal über einen Bügeleisensammler geschrieben. Freude hatte ich auch an den sogenannten PR-Geschichten: Da habe ich dann über Geschäfte und Firmen berichtet. Viele Stunden habe ich aber auch auf Jahreshauptversammlungen verbracht, in der „Saison“ von Januar bis März. Das war oft sehr anstrengend. Unzählige Stunden habe ich in Vereinsheimen verbracht, an Abenden, an denen ich manchmal lieber zuhause die Füße hochgelegt hätte.

Was hat deine Frau Gisela dazu gesagt?

Machen wir uns nichts vor: Es hat oft Streit wegen der Zeitung gegeben. Ist doch auch klar: Sie musste sehr oft zurückstecken. Wenn man es sich abends schon gemütlich gemacht hatte, und dann kam ein Anruf: „Katti, Unfall zwischen Dörverden und Westen, da musst Du hin.“ Klar bin ich dann losgefahren. Und oft musste ich zu ihr sagen: „Nein, an diesem Wochenende können wir nicht wegfahren, da ist doch Erntefest in Stedorf.“ Und es war auch nicht immer schön, wenn man gemeinsam in Verden bummeln war und man wurde alle drei Meter angesprochen: „Guck mal, der rasende Reporter.“

Also hast Du eigentlich nie Feierabend gehabt?

Genau. Man wurde einfach immer und überall auf die Arbeit angesprochen. Wenn mal etwas nicht so gut gelaufen war, zum Beispiel ein Fehler in einem Artikel war, hab ich das immer aufs Brot geschmiert bekommen, das muss dann nicht mal meine Schuld gewesen sein. Für die Leute war ich die Zeitung – und fertig. Einmal hat nachts um halb vier jemand bei uns angerufen, um eine Kleinanzeige für einen Hausverkauf aufzugeben. Das muss man sich mal vorstellen. Zum Glück hat meine Frau das mit Humor genommen.

Aus sicherer Quelle weiß ich, dass du als freier Mitarbeit nicht viel Geld verdient hast. Bei all dem Stress, warum hast du es trotzdem gemacht?

Seien wir ehrlich: Der Job macht auch unwahrscheinlich viel Spaß. Ich liebe den Kontakt zu den unterschiedlichen Menschen. Wenn Du auf einen Termin fährst, weißt Du vorher oft gar nichts über die Personen, denen du begegnest: Sind sie herzlich oder muffig? Es war immer eine Überraschung. Es war auch schön, mit Menschen über viele Jahrzehnte zusammenzuarbeiten, oft in unterschiedlichen Rollen. Da hast Du jemanden vor Dir, den Du als Firmenchef kennst, aber auf dem Termin ist er eben Ortsbrandmeister oder Vereinsvorsitzender. Ich hab in meiner Zeit vier Bürgermeister erlebt, zwei Gemeindedirektoren, sieben Pastoren und unzählige Feuerwehrleute, Schützenkönige und Erntebräute. Das wird nie langweilig, weil es immer unterschiedliche Menschen sind. An dieser Stelle würde ich mich gern einmal bei all denen bedanken, mit denen ich über die Jahre so gut zusammen gearbeitet habe.

Bei Terminen wie zum Beispiel goldenen Hochzeiten oder hohen Geburtstagen bist du den Menschen oft sehr nahe gekommen, wie war das für dich?

Das waren ganz klar die Termine, die mir am meisten Freude gemacht haben. Besonders schön sind ja ältere Paare, ewig verheiratet, und schmachten sich dann immer noch so richtig verliebt an. Das gefällt mir. Wenn ältere Menschen von ihren Kriegserlebnissen erzählen, geht einem das schon nahe. Man muss sich einfühlen können. Aber dann auch versuchen, journalistisch einen Dreh rein zu kriegen. Denn ich komme ja nicht, um zu trösten, sondern ich muss da hinterher ja auch was drüber schreiben. Grundsätzlich verbringe ich gerne Zeit mit Senioren – auch zukünftig. Ich bin schließlich weiterhin im Besuchsdienstkreis der Kirche aktiv und fahre für die Awo Essen auf Rädern aus.

Gab es Termine, die du nicht so gerne gemacht hast?

Heute kann ich klar sagen: Schwere Unfälle sind ganz schlimm. Da fährst Du dann los und hoffst die ganze Autofahrt über: „Hoffentlich ist niemandem etwas Schlimmes passiert. Hoffentlich komme ich nicht zu früh, hoffentlich sind die Verletzten schon versorgt. Hoffentlich ist niemand gestorben.“ Oft hat man auf dem Weg auch Sorge, dass man den Verunglückten kennt. Ist in so einer kleinen Gemeinde ja nicht unwahrscheinlich. Hausbrände fand ich auch immer ganz schlimm. Da stehst du dann vor den Flammen und stellst dir vor, wie es wäre, wenn das jetzt deine eigene Hütte wäre, die abbrennt. Nein, solche Einsätze werde ich tatsächlich nicht vermissen.

Warum hörst du auf?

Also zum einen sollte man als Journalist schon aufhören, bevor man einen Rollator braucht – sonst hast du keine Hand mehr frei für Kamera und Block. Aber Spaß beiseite: Ich wollte eigentlich schon länger kürzertreten, habe das aber immer wieder hinausgeschoben. Und dann kam Corona – und seit dem Frühjahr sind fast alle Termine weggefallen, über die ich sonst geschrieben hätte. In dieser „Abstinenzzeit“ habe ich gemerkt: Es geht auch ohne. Deswegen will ich jetzt konsequent einen Schlussstrich ziehen.

Einen Nachfolger wird es nicht geben, die Vereine sind künftig selbst gefragt, ihre Berichte und Fotos an die Zeitung zu schicken. Glaubst du, das wird funktionieren?

Da bin ich mir sicher. Viele machen das ja mittlerweile schon selbst und das klappt gut. Früher war es ja so: Wir hatten Filme, die mussten ins Labor nach Verden. Texte haben wir per Fax geschickt. Das war ein Riesenaufwand. Heute ist das viel einfacher. Da hat jeder ein Smartphone dabei, macht eben schnell ein Bild und schickt eine E-Mail an die Redaktion.

Bleibst du Zeitungsleser?

Aber ja! Ich lese die VAZ natürlich weiterhin jeden Tag. Und wenn dann nicht genug über Dörverden drin steht, ärgere ich mich wie jeder andere Leser auch.  rei

Im Hintergrund: Katti. Wie man ihn kennt. Mit Block und Stift in der Hand, die Kamera um den Hals.

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