180 Hektar plötzlich „rot“

Düngeverordnung wegen Nitratbelastung: Wahneberger Landwirte besonders betroffen

Frank Beutner mit Mineraldünger-Säcken in seiner Scheune.
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Frank Beutner muss 20 Prozent von seinem Mineraldünger dieses Jahr in der Scheune lassen. Vom Rumliegen werde der aber auch nicht besser, sagt der Landwirt.

Landwirte haben sich auf die Novellierung der Düngeverordnung eingestellt. Nun haben das niedersächsische Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium die sogenannten roten Gebiete nochmals überarbeitet. Das Ergebnis: Gebiete, die vorher grün waren, sind plötzlich rot, und die Betriebe müssen kurzfristig umstellen. Besonders stark betrifft das die Landwirte Frank und Hans-Jürgen Beutner aus Wahnebergen.

  • Nach einer Überarbeitung durch das niedersächsische Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium sind hinsichtlich der Nitratbelastung aus vielen grünen plötzlich rote Gebiete geworden.
  • Besonders stark von der Änderung sind die Landwirte Frank und Hans-Jürgen Beutner aus Wahnebergen betroffen.
  • Landvolk-Vizepräsident Jörn Ehlers fordert, endlich ein für den Landwirt gerechtes System der Binnendifferenzierung zu schaffen.

Wahnebergen – Die Diskussionen um die Nitratbelastungen im Grundwasser sind nichts Neues. Als magischer Grenzwert, der nicht überschritten werden darf, um die EU-Richtlinie zum Wasserschutz nicht zu verletzen, gelten 50 Milligramm Nitrat. Rote Gebiete wurden bei höheren Werten einzelner Messstellen ausgewiesen und weite Flächen, auch im Landkreis Verden, besonders im Geestlandstrich im östlichen Teil des Kreises, dürfen von den Landwirten nur noch mit 20 Prozent weniger gedüngt werden. Bei der Zwischenfrucht soll das Düngen ganz entfallen.

Zähneknirschend und unter Protest haben sich die betroffenen Betriebe auf die Novellierung der Düngeverordnung eingestellt, weil der Berufsverband Landvolk diverse Kritikpunkte hatte – von den Messstellen bis zur zeitlichen Einordnung der Proben. Düngemengen und Fruchtfolgen wurden in der Planung geändert.

Nun haben das niedersächsische Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium die roten Gebiete nochmals überarbeitet, um eine sogenannte Binnendifferenzierung der betrachteten Grundwasserkörper vorzunehmen. Dazu änderten die Landesministerien die Berechnungsmodelle des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) sowie des Niedersächsischen Landesbetriebs Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Das Ergebnis: Gebiete, die vorher komplett grün waren, sind plötzlich rot, und die Betriebe müssen ganz kurzfristig umstellen. Besonders stark betrifft das die Landwirte Frank und Hans-Jürgen Beutner aus Wahnebergen. „Die 180 Hektar Ackerland, die wir bewirtschaften, sind plötzlich vor Weihnachten rot geworden. Zuerst waren wir erleichtert, als unser Betrieb im grünen Bereich war und wir normal planen konnten. Mineraldünger wurde bestellt und ein Düngeplan ausgearbeitet“, schilderte Frank Beutner.

Die wirtschaftlichen Folgen seien leicht für den Betrieb ableitbar. Umgerechnet für 5 000 Euro müsse nun Mineraldünger in der Scheune bleiben, weil eben 20 Prozent zu viel geliefert wurden. „Wenn der ein Jahr lang herumliegt, wird der auch nicht besser“, sagte Hans-Jürgen Beutner, weil die Bigpacks Feuchtigkeit ziehen könnten. Dazu kämen natürlich die zu erwartenden Ertragsausfälle wegen der Verknappung der Nährstoffe für die Ackerbaupflanzen. „Je nach Pflanzenart kann 20 Prozent weniger Dünger deutlich mehr als 20 Prozent Ertragseinbußen bedeuten, weil der Pflanze einfach der Stickstoff fehlt“, begründete Frank Beutner seine Bedenken. „Wegen der trockenen Jahre waren die Erträge sowieso viel niedriger, was sich auf den durchschnittlichen Ertrag auswirkt. Davon wird ja der Düngebedarf abgeleitet, wodurch wir nun doppelt gebeutelt sind. Von der Dürre und von der Düngeverordnung“, sagte Hans-Jürgen Beutner.

Eventuell neuer Güllepott notwendig

Richtig teuer könnte es für die Landwirte werden, wenn sie sogar einen neuen Güllepott wegen der 1 800 Mastschweine im Betrieb bauen müssten. Kostenpunkt locker 50 000 bis 60 000 Euro für 600 zusätzliche Kubikmeter Güllelager. Gülle darf nur noch in bestimmten Fällen im Herbst ausgebracht werden und muss somit bis zum Frühjahr gelagert werden. „Die Schweine sind aber eben da und innerhalb von ein paar Wochen bekommt man sowieso keine Baugenehmigung für einen Güllepott“, so Frank Beutner. Außerdem hat der Betrieb noch einen Hähnchenmaststall, um auf mehreren Beinen zu stehen. Die neue Düngeverordnung wirke sich aber auf den kompletten Betrieb aus.

Die Messergebnisse besprechen hier (v.l.) Landvolk-Vizepräsident Jörn Ehlers, Hans-Jürgen Beutner und Frank Beutner.

Kurzfristigkeit einer der Hauptkritikpunkte

Somit ist die Kurzfristigkeit einer der Hauptkritikpunkte. Deswegen forderte der Kreislandwirt und Vizepräsident des Niedersächsischen Landvolks Jörn Ehlers beim Ortstermin dringende Übergangsfristen für diese Fälle, die mit ihren Flächen plötzlich von grün auf rot wechselten. Weiter bezeichnete er die Veränderungen als nicht gerechtfertigt, weil sich an den Messwerten nichts verändert habe. „Einmal sind nun andere Jahre die Grundlage bei den Messungen gewesen und das LBEG hat andererseits die Kennzahl der zulässigen Denitrifizierung von 75 Milligramm auf 50 Milligramm im Rechenmodell abgesenkt“, sagte Ehlers. Das sorge in den Berechnungen für eine höhere angenommene Auswaschung von vorhandenem Nitrat in das Grundwasser, lediglich durch eine Anpassung im Modell, ohne örtlich fundierte Grundlage. „Dazu kommt, dass der einzige Messbrunnen in diesem Grundwasserkörper in Drakenburg liegt und somit 25 Kilometer von diesem Betrieb entfernt ist. Bis von hier Wasser dorthin fließt, dauert das Jahrhunderte“, so Ehlers. „Alle anderen acht Messstellen sind deutlich unter dem Grenzwert oder es ist kaum Nitrat nachweisbar“, sagte Ehlers weiter.

Der Brunnen in Ahnebergen, der mit 0,4 Milligramm kaum messbare Nitratwerte vorweist.

Bei der Messstelle in Ahnebergen lag der Wert laut Tabelle 2020 bei 0,4 Milligramm pro Liter und in Wahnebergen mit stabilen Werten um 30 Milligramm auch weit unter dem Grenzwert. In Drakenburg sei mit 101 Milligramm der Wert deutlich zu hoch, jedoch müsse nun analysiert werden, wo der Grund dafür liege.

Die von den Landwirten Beutner auf eigene Kosten beim Landkreis in Auftrag gegebenen Messungen der Proben aus den eigenen Brunnen ergaben auch keine Belastung mit Nitrat auf ihren Flächen. Deshalb sei bei den Betroffenen keine Akzeptanz für die Einschränkungen vorhanden, weil sie besonders in Allernähe mit Grundwasser bereits in drei Metern Tiefe schon seit Jahrzehnten auf den Wasserschutz achteten.

Ehlers forderte, endlich ein für den Landwirt gerechtes System der Binnendifferenzierung einzuführen. Pauschale Einschränkungen schafften keine Lösungen, sondern Verdruss bei den Betroffenen. Die Düngebilanzen der einzelnen Betriebe und das digitale Meldesystem „ENNI“ seien zum Beispiel viel besser geeignet, die Verursacher von Nitratbelastungen zu finden. Dabei werde dokumentiert, wie viel Dünger mineralisch oder als Gülle im Betrieb sei und wo das letztlich hinkomme, weil über alle Mengen Buch geführt werden müsse. „Durch die kurzfristigen Änderungen wurde das bewährte System nun über den Haufen geworfen. Bereits 2022 soll wieder eine neue Kulisse geschaffen werden, sodass einige Betriebe in zwei Jahren drei Kulissen für ihre Düngung anpassen müssen. Berechenbarkeit der Politik ist etwas anderes“, machte Ehlers sich Luft.

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