Die historische Skulptur erfreut wieder an der Bücherei / Keine neuen Attentate

„Der Vorleser“ hat sein hölzernes Gefängnis verlassen

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Der Zigarrenmacher-Vorleser spiegelt ein Stück Stadtgeschichte wider. ·

Achim - Von Christian ButtDas Denkmal „Der Vorleser“ spiegelt ein Stück Achimer Stadtgeschichte wider: In der Blütezeit der Zigarrenmacher lockerte der Vorleser die Monotonie der Arbeit etwas auf, verband Bildung mit Arbeit und spielte in etwa eine Rolle, die heutzutage in vielen Büros das Radio hat. Wegen geplanter Bauarbeiten, die letztlich nie umgesetzt wurden, hat die bronzene Stele über ein Jahr in einer Holzkiste verbracht und wurde nun am gewohnten Standort zwischen Rathaus und Stadtbibliothek erneut aufgestellt.

Bei einem Bummel durch die Achimer Innenstadt kommen Spaziergänger an so manchem Kunstobjekt vorbei: Da wären Animus Anima vor der Kreismusikschule, der Brunnen Optimist-Pessimist an der Abzweigung zur Langenstraße und das Zigarrenmacherdenkmal vor dem Rathaus.

Das Kunstwerk „Der Vorleser“ aus Terrakotta und Bronze hatten die Weserstädter anderthalb Jahre nicht zu Gesicht bekommen. „Zur eigenen Sicherheit“, wie Georg Schmidtke vom Achimer Bauhof erklärt. Denn Anfang 2013 sollte die Arbeiten zur Sanierung und Erweiterung der Achimer Stadtbibliothek beginnen. Da die Skulptur dort stand, wurde sie vorsorglich auf dem Betriebshof eingelagert. Doch dann wurden der Anbau und die Sanierung der Bibliothek abgesagt, ihr Unzug ins Rathaus beschlossen, und die Zukunft der Skulptur stand in den Sternen. Da sich im Bibliotheksgarten erstmal nichts tun wird, haben Mitarbeiter des Bauhofes die Stele jetzt wieder an ihrem ursprünglichen Platz neu aufgestellt.

Offiziell eingeweiht wurde das Kunstwerk am 7. April 1994. Seitdem gehört der kleine Garten neben der Stadtbibliothek zu den festen Stationen bei Stadtführungen, denn der Vorleser spiegelt ein Stück Stadtgeschichte wieder: Im 19. Jahrhundert war die Stadt eine Hochburg der Zigarrenproduktion. Nach dem Beitritt des Königreichs Hannover und damit auch Achims zum Deutschen Zollverein 1854 hatten die Bremer Fabrikanten bei einer Produktion im benachbarten Achim Zollvorteile.

In mehreren Fabriken und in Heimarbeit gingen unzählige Zigarrenmacher in Achim ihrem Handwerk nach. „Sogar Kinder mussten mitarbeiten, um den Familienunterhalt zu sichern“, informiert eine Tafel an der Skulptur. Die Zigarrenmacher waren auch Aktivisten der Arbeiterbewegung und Kulturträger im Weserort und seinen Vereinen.

Der Vorleser las während des Zigarrendrehens aus politischen und belletristischen Büchern vor. Bezahlt wurde dieser begehrte Posten von den Arbeitern in den Fabriken.

Auf die Spitze der zweieinhalb Meter hohen Stele aus Terrakotta hat die Künstlerin Helma Poschpiech mittig einen Vorleser samt Buch gesetzt. links und rechts wird dieser von jeweils drei Arbeitern flankiert, die gerade Zigarren drehen.

Leider wurden in den 90er Jahren immer wieder in der Vergangenheit von Dummköpfen die hübschen Figuren abgeschlagen. Nach mehreren Reparaturversuchen, auf die weitere Zerstörungen folgten, beschäftigten sich der Kulturausschuss und später der Stadtrat jahrelang mit dem Thema. Ein hochrangiger Verwaltungsbeamter drohte sogar öffentlich damit, den Verantwortlichen eigenhändig den Kopf abzuschlagen. Zur Selbstjustiz kam es aber nie, denn die Täter wurden nie geschnappt.

Viele Jahre diskutierten die Politiker über einen neuen Standort für das Denkmal, eine stabilere Version und die Kosten.

Im April 1999 wurde das traurige Thema nach einigen Jahren endlich abgehakt. Nach einer Runderneuerung sind die auf dem Turm sitzenden Männchen aus nahezu unverwüstlicher Bronze. Künstlerin Helma Poschpiech hatte die zweite, stabilere Version des Denkmals angefertigt und von Süddeutschland aus auf die Reise nach Achim geschickt.

Erfolgreiche Attentate auf die Köpfe blieben fortan aus. So soll es auch bleiben, nachdem „Der Vorleser“ sein Gefängnis in der Holzkiste verlassen hat.

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