SERIE Vor 75 Jahren: Nach Kriegsende explodiert beim Graben eine Granate / Schießpulver und Panzerfaust

Der Tod im Garten und Munition als Spielzeug

Ein Bombensplitter vom Angriff auf einen Zug am 16. September 1944. Maße: 7 mal 16 Zentimeter und zehn Millimeter Wandstärke, 500 Gramm schwer. Die Bombe verfehlte den Zug und das Haus Röge (Holdorf) nur knapp. 
Foto:
 Gerken
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Ein Bombensplitter vom Angriff auf einen Zug am 16. September 1944. Maße: 7 mal 16 Zentimeter und zehn Millimeter Wandstärke, 500 Gramm schwer. Die Bombe verfehlte den Zug und das Haus Röge (Holdorf) nur knapp. Foto: Gerken

Daverden – Nachdem Daverden von den britischen Truppen am 19. April 1945 eingenommen worden war und die Waffen schwiegen, kamen vereinzelt immer noch Menschen als Kriegsfolge zu Tode. Die bereits erwähnte Katharine Elfers starb wenige Tage nach der Waffenruhe im Hause des Kaufmanns Meyer auf Grund der schweren Splitterverletzung nach dem Beschuss einer Panzersperre vor ihrem Hause.

Nur einen Tag später starb der erst fünf Jahre alte Adolf Müller beim Spiel mit herum liegenden Granaten, einer Hinterlassenschaft der deutschen Verteidiger, die vorübergehend dort auf dem Branden Stellung bezogen und sich letztendlich ergeben hatten. Britische Offiziere forderten die Familie Müller auf, ihren toten Sohn selber beim Hause zu begraben. Dazu mussten sie sich selbst einen Sarg zimmern. Der damalige Pastor Willenbrock organisiert es dann, dass der Junge vier Wochen später am 17. Mai auf dem Daverdener Friedhof ein angemessenes Begräbnis bekam.

Das nächste tragische Unglück passierte am 27. Juni 1945, als die Daverdener Hausfrau Grete Windler im Garten ihres Grundstücks mit der heutigen Anschrift Hauptstraße 81 mit dem Spaten auf eine scharfe Granate stieß und diese dabei explodierte. Grete Windler war sofort tot.

Diese beiden Daverdener Vorkommnisse, wie auch die in anderen Ortschaften, zum Beispiel in Fischerhude, ließen die Bevölkerung umsichtig werden. In Fischerhude waren in den ersten Nachkriegstagen beim Badespaß in der Wümme drei Jungen bis zur Unkenntlichkeit zerrissen worden, als sie mit einer Sprengladung hantierten, die deutsche Soldaten am Pfeiler einer Brücke angebracht, aber nicht mehr gezündet hatten.

Etliche nicht detonierte Bombenblindgänger wurden in jener Zeit noch in der Daverdener Marsch gesucht, auch bereits vor dem Kriegsende, nachdem im Mai 1944 ein amerikanischer Bomber mit Splitter- und Brandbomben im Ortsteil Försten heruntergekommen war und dabei aus der aufgerissenen Längsseite seine Bombenlast verloren hatte.

Die Briten hatten ab dem 19. April nach dem tagelangen Feuer auf Bremen von unserer Marsch aus zwar allerhand leergeschossene Hülsen hinterlassen, sicherlich aber keine scharfen Granaten. Wohl aber gab es von den deutschen Verteidigern Hinterlassenschaften. Solche fanden unsere Jugendlichen wie Günter Homfeld, Hermann Bohlmann und andere kistenweise in den Hecken und in noch offenen Deckungslöchern. Die Geschosse waren noch nicht zusammengesetzt. Hülsen, Säckchen mit Pulver in Stangenform und Granaten ohne Zünder befanden sich jeweils in separaten Blechbehältern.

Für die heranwachsenden Jungs war das Pulver, aussehend wie Makkaroni-Nudeln, ein beliebtes, wenn auch hoch gefährliches Spielobjekt. Wir konnten mit den Pulverstangen Zündstrecken zu angehäuften Pulverbergen legen, die wir dann aus der sicher geglaubten Deckung heraus zum Detonieren mit einer hoch schießenden Stichflamme brachten. Dass wir dabei stets heil davonkamen, ist aus heutiger Sicht mehr als ein Wunder. Aus aufgefundener Maschinengewehr- und Karabinermunition entnahmen wir das Pulver in Form kleiner Plättchen. Dazu brachen wir die Geschossspitze heraus, indem wir die Patrone mit der Spitze beispielsweise in eine Öffnung im Gebälk eines Fachwerkes steckten und dann einfach umbogen. Dann fiel das Pulver heraus, und wir hatten den begehrten Stoff.

Das Spiel mit dem Feuer (im wahrsten Sinne des Wortes) war unsere hauptsächliche Beschäftigung in der ersten Nachkriegszeit. Wir spielten Soldaten, wozu jeder einen Stahlhelm und einen unbrauchbar gemachten Karabiner hatte.

Wir exerzierten unter der alten hohlen Linde auf dem Kirchhof. Günter Homfeld war unser „Kommandeur“ und verlangte Härte von uns, indem er jedem mit einer Eisenstange auf den Helm schlug. Das war auszuhalten, weil doch im Helm eine Ledereinlage verspannt war und keinen direkten Kontakt zum Helmoberteil hatte. Nur bei einem von uns – es war der Jüngste – fehlte diese Ledereinlage. Er weinte tüchtig nach dem Schlag und lief nach Hause. Bald erschien seine Mutter und beendete vorläufig das Kriegsspiel.

Einer von uns hatte ein geladenes Abschussrohr für eine Panzerfaust aufgegabelt. Zufällig kam mein 18-jähriger Bruder Hermann Gerken hinzu und verhinderte wahrscheinlich Schlimmes. Er war wenige Wochen zuvor mit einigen Kameraden vor der sowjetischen Front fliehend per Fahrrad von Mecklenburg nach nächtlichen Fahrten durch die Elbe geschwommen und in Daverden angekommen.

Er erkannte die Gefahr, nahm uns das Rohr weg und ging damit in die Marsch. Er schoss das Rohr (natürlich ohne den Sprengkopf) ab. Schließlich hatte er in seiner kurzen Rekrutenausbildung den Umgang damit gelernt. Nach vorne wie nach hinten kam jeweils ein beeindruckender Feuerstrahl heraus.

Unsere „Spielzeuge“ – die meist nicht mehr funktionstüchtigen Karabiner – hatten die jungen Soldaten am Dorfrand auf der übereilten Flucht aus ihren Stellungen zum Bauernwald an der alten Aller oder in die Keller der Wohnhäuser eilig weggeworfen. Sie waren hastig geflohen, als die von Eissel herankommenden gepanzerten Fahrzeuge die untere Marsch erreicht hatten.

Unsere Kriegsspiele wurden bald endgültig beendet, indem Tischlermeister Brün Meyer, der einst die Panzersperren mit aufgebaut hatte, alles einsammelte und auf Anordnung britischer Offiziere in Daverdens größtem, wohl sieben bis acht Meter tiefen Bombentrichter versenkte.

Dieser Bombentrichter neben dem Haus Röge am Holdorf war entstanden, als ein Angriff auf einen Militärzug der Eisenbahn geflogen wurde Der britische Jagdbomber hatte überhastet angegriffen, weil die Flak auf dem letzten Zugwagen bereits auf ihn feuerte, so die damals 13jährige Else Röge. Nach dem Bombenabwurf stand das Rögesche Haus ohne Dachziegel und Fensterscheiben da.

Von Harald Gerken

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