Beschlagnahmt von Nationalsozialisten

Bücher in Göttingen aufgetaucht

Heinz Möller und Hermann Meyer mit den Historikerinnen Dr. Juliane Deinert (r.) und Nicole Bartels.

Verden - · Ein großer Teil von 451 während des Nationalsozialismus in Verden beschlagnahmter Bücher ist wieder aufgetaucht. Dabei handelt es sich um Bücher der Arbeiter-Zentralbibliothek und des Sozialdemokratischen Wahlvereins, Ortsgruppe Verden. 135 Bücher aus dieser Zeit haben Dr. Juliane Deinert und Nicole Bartels in den Magazinen der Göttinger Staats- und Universitätsbibliothek aufgestöbert.

Die beiden Historikerinnen suchen innerhalb eines Forschungsauftrages seit dem 1. Juni 2009 in den Beständen der niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek nach Raub- und Beutebüchern aus der Zeit des Nationalsozialismus. Dabei stießen sie auf die 135 Bücher, die als Geschenk des Verdener Bürgermeisters Dr. Friedrich Urban (von 1919 bis 1937) deklariert waren und am 1. Februar 1936 inventarisiert wurden.

In einem „Nachweis über beschlagnahmtes Vermögen staatsfeindlicher Organisationen und Einzelpersonen“ aus dem Staatsarchiv Stade geht hervor, dass die Beschlagnahmung von der Ortspolizeibehörde Verden vorgenommen worden war. Im Vermerk wird ausgeführt, dass die Bücher „herrenlos in den Räumen der SA“ lagen und am 12. Oktober 1934 dort abgeholt wurden. Der Schriftsetzer Robert Becker, Hermannstraße 57, erhielt vom Regierungspräsidenten in Stade am 16. November 1934 eine Bestätigung über die Beschlagnahmung.

„Unter welchen Umständen, und vor allem, warum ein Teil dieser Bücher gerade an die Universitätsbibliothek Göttingen abgegeben worden war, konnte bislang noch nicht ermittelt werden“, sagte Juliane Deinert. „Häufig ließe das bewusst vernichtete oder durch Bombenangriffe zerstörte Aktenmaterial nur dürftige Hinweise auf Überweisungsvorgänge zu“, so die Historikerin.

Das Ziel ihres Forschungsauftrages sei es, unrechtmäßig erworbene Bücher zu zurückzuführen, Verdachtsfälle öffentlich zu machen und die Geschichte der Universitätsbibliothek Göttingen zur Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten.

Während eines Besuches in der alten Bibliothek am Papendiek in Göttingen konnten sich die drei Genossen Heinz Möller und Uwe Hannenberg aus Verden sowie Hermann Meyer aus Kirchlinteln von dem Fund überzeugen und waren begeistert.

Unter den 135 Büchern befanden sich auch einige mit dem mit Bleistift eingetragenen Vermerk VL. Dieses Kürzel VL stand für „verbotene Literatur“ und bestätigt den Verdacht auf NS-Raubgut. Unter anderen trugen die Titel „Aus Tag und Tiefe“ von Ludwig Lessen, 1911, „Rußland: politische Betrachtungen“ von Maxim Gorki, 1906, „Der Geheimbund des Zaren“ von Kurt Eisner, 1904; das Kinderbuch „Die Geschichte einer armen Johanna“ von Paul Zech, 1925, sowie „Vom Umlernen während des Krieges“, 1915, diesen Hinweis. Auch Schenkungen gab es an die Gewerkschaftsbibliothek: Durch die Schriftsetzer Wilhelm Fenne, Rudolf Graack und Herbert Paap, dem Lehrer Friedrich Baumgarten (späterer Rektor der Nicolaischule) und dem Zigarrenarbeiter Adolf Wittig.

Bislang waren die Verdener Sozialdemokraten immer davon ausgegangen, dass ein Großteil ihrer Bibliothek Mitte 1933 vom 17-jährigen Carl Hatzky gerettet worden war. Er stieg damals nachts durch ein Fenster des „Schwarzen Bären“, dem Versammlungslokal der SPD an der Bremer Straße, und rettete neben vielen Büchern auch die traditionsreiche Fahne der Verdener Tabakarbeiter von 1863 vor dem Zugriff der Nazis. Nach jetziger Erkenntnis muss es auch eine eigenständige Bibliothek der Verdener Gewerkschaften gegeben haben. Die von Karl Hatzky geretteten Bücher können während der Öffnungszeiten im Verdener SPD-Bürgerbüro in Augenschein genommen und auch ausgeliehen werden.

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