Gespräch mit Altpropst Clemens Burchhardt über Karl den Großen / Neues Buch jetzt im Handel

„Beziehe eindeutig Position“

Alt-Propst Clemens Burchhardt mit seinem jüngsten Werk.

Verden - Die Geschichte Verdens und deren Aufarbeitung ist Altpropst Clemens Burchhardt ein besonderes Anliegen. Jüngstes Beispiel ist sein Werk „Fünf Sterne für Verden – Umdenkschrift zum Verdener Karlsjubiläum 2010“. Unser Redakteur Markus Wienken sprach mit dem Autor.

?VAZ: Die Bewertung der Person Karls des Großen ist unter Historikern nicht unumstritten. Sie haben in ihrer Schrift klar Position bezogen. Was macht Sie so sicher.

!Clemens Burchhardt: Ich beziehe für Karl den Großen in Verden eindeutig Position, weil mir die Zeit geschenkt wurde, eine Reihe alter und neuer Werke und aufschlussreiche Quellen anzugehen, Karls des Großen Aufenthalte in dieser geschichtlich hochbedeutsamen Allersiedlung auf den Prüfstand zu stellen. Ein wesentliches Kriterium war für mich, wie Autoren mit der Evangelisierung der germanischen Stämme und Völker umgegangen sind. Aus ihrer geistigen Einstellung zum Werk der Glaubensverbreitung, das heißt, der Lehre und des Lebens Jesu, ergab sich leichter auch die Bewertung der Gestalt des Frankenkönigs.

So waren Tendenzen der Geschichtsdeutung ausschlaggebend, die als einseitig national oder als ideologisch rassistische Denkmuster vorgegeben waren. Als Volksschüler und Gymnasiast lernte ich in aufeinander folgenden Schuljahren von drei Lehrern 1935 Karl als den Großen, dann 1936 als den Sachsenschlächter und 1938, als sich Widukind und Karl nicht in das Europäische Leitbild Hitlers pressen ließen, eine abgemilderte Version mit Karl dem Franken kennen.

?

Welche konkreten Quellen können Sie nennen.

!Die sachdienlichste Darstellung fand ich in den militärstrategischen Werken von Hans Delbrück. Bei der urkundlichen Entzifferung half Klingelschmitt. Zuletzt half mir zu klarer Erkenntnis die örtliche Bodenbeschaffenheit, die wie in einem Delta in Armen dahinströmende Aller, ihre beiden Ufer, das strategische Umfeld des Allerüberganges und die am eigenen Leib erworbene Erkenntnis von Truppenbewegung im Gelände.

Umstritten ist Karl der Große besonders bei jenen, die sein Reich niemals als Vorgänger des Deutschen Reiches anzusehen vermochten, da es auch römisch und christlich katholisch geprägt war. Meine Position teile ich gern mit Erzbischof Dr. Robert Zollitsch in seiner Predigt zum Namenstag Karls des Großen am 28. Januar 2010 im Kaiserdom zu Aachen. Ebenfalls als Kronzeuge sei der (Evangelische) große Kenner des Mittelalters angeführt, Prof. Horst Fuhrmann, der zur Abgrenzung zu Prof. Krumwiede (protestantisch) 2003 auf dem Historikerkongress in Berlin ausrief: ,Wann endlich verabschieden wir Deutschen uns von Karl dem Sachsenschlächter?‘

?Woran liegt es aber, dass Besucher Verdens mit dem Sachsenhain meist nur das Blutgericht Karls des Großen verbinden.

!Es geschieht zu oft, dass Nichtwissen oder auch Verblendung dahin führt, eine Sehenswürdigkeit als etwas auszugeben, was sie überhaupt nicht sein kann. Verdens Sachsenhain ist eine Ausgeburt jugendlicher Phantasie eines Schülers, namens Heinrich Himmler, aus streng (!) katholischem Elternhaus, der Ersatzstücke für die ihn frustrierende katholische Religionspraxis in germanisch-heidnischer Mythologie fand und mit Rosenbergs „Mythos des XX. Jahrhunderts“ ab 1933 die neue „Bibel“ (Weltanschauung) darstellen sollte.

Das war nicht ganz neu. Schon 1907 hatte ein anderer katholischer Lehrersohn, eigentlich aus der Stadt Münster, nach Versetzung des Vaters in die Tucheler Heide, nach Westpreußen, wo dem Knaben die Liebe zur Natur zur dichterischen Leidenschaft erwuchs, die er in der Lüneburger Heide von Hannover auch auslebte. Als Hermann Löns 1907 „die Rote Beeke“ schrieb, konnte er wohl nicht ahnen, dass die Nazis seine Schilderung der Dekadenz des welschen Frankenherrschers und seine grausige Freude am Gemetzel von 4500 sächsischen Edelingen zum steinernen mehrtausendfachen Beweis für die Christianisierung der Sachsen und des deutschen Volkes mit der Gewalt des Schwertes ausschlachten würden. Das hängt nach wie Pech, noch lange nach der Befreiung von 1945. Eine gescheite Frau schrieb: Verden ist darauf „sitzen geblieben!“

?Was sagen Sie denn den Befürwortern der Theorien, unter ihnen namhafte Historiker, die dem Frankenkönig im Rahmen der Christianisierung ein rigoroses Vorgehen, sogar bis hin zu Deportationen, vorwerfen?

!Herr Wienken, Ihnen brauche ich nicht zu erläutern, wie leicht es ist, mit den Erfahrungen der Gegenwart die Fehler der Vergangenheit zu verurteilen. Mehr als 1250 Jahre zurück: das einzigartige gelungene Werk der Ausbreitung einer neuen Zivilisation und Kultur aus der Verschmelzung des angelsächsischen römisch-katholischen Erbes über das westliche Europa, verbreitet durch Scharen von Männern und Frauen, die dabei ihr Leben, Hab und Gut, zum Opfer brachten, ist nur denkbar auf der gewissenhaft verantworteten persönlichen Lebensentscheidung. Ohne Bücher, ohne Katechese, wenige einfache Sätze der Abkehr vom Heidentum und Umkehr zu Christus, mussten vielerorts für den Anfang ausreichen. Zwangsbekehrungen hat es nicht gegeben, Massentaufen viel zu häufig. Gemeindebildung geht nicht auf Befehl. Darum haben Karl und sein Kulturminister Altruin soviel Wert auf die Gründung von Schulen, Klöstern und Bistümern gelegt, haben aber auch Strafmaßnahmen getroffen, das Erworbene eidlich zu sichern und Wortbrüchige zu strafen. Es ist bezeichnend, dass es heißen konnte, Karl habe mit „Eiserner Zunge“ gepredigt. Die Deportationen sind eher als Reaktion auf die Aufstände im Norden anzusehen, wegen der Christianisierung gab es keine Deportationen. Gewiss bleibt der Widerstand gegen die Unterwerfung unter das fränkische Joch.

?Zurück in die Gegenwart. Als Kirchenvertreter, aber auch als Mensch, der sich stets für Geschichte interessiert und engagiert hat, wen und was wollen Sie mit Ihrem Werk erreichen.

!Alle Schulen, zumal an den Oberstufen der Schulen, an denen ich bis zum 65. Lebensjahr unterrichtet habe. Die Lehrer und Lehrerinnen möchte ich gewinnen, besonders zur Hebung des Schatzes des Heliand. Die gesamte Öffentlichkeit, um aufzurütteln und einzuladen, ihre eigene Geschichte mit liebevollen Augen, ja mit Dankbarkeit und Respekt zu betrachten. Wessen sich andere schämen müssten, brauchen die Heutigen nicht zu büßen. Kollektive Schuld entfällt, nicht aber die Verantwortlichkeit für eine weiterhin verlogene Darstellung.

?Wäre der Propst Burchhardt gerne auch Historiker geworden.

!Ungewollt bin ich längst zum Historiker geworden, als es um „Saatkörner“, „Unter'm Regenbogen“, Bistum Verden von 770 bis 1648, die Errichtung der Heliandfigur und den Heliand ging und jetzt mit der „Umdenkschrift zum Verdener Jubiläumsjahr 5 Sterne für Verden“ geht. Ich sehe mich mehr als Anwalt für Verdens Kirchengeschichte. Historiker? Eher nein.

?Vor kurzem haben Sie ihren 86. Geburtstag gefeiert. Das Denkmal des Heliands, die Geschichte des Bistums Verden, jetzt Karl der Große. Gibt es noch weitere Projekte.

!Weitere Projekte? Das Buch „Die Brücke von Verden“ ist im Werden weit fortgeschritten, die von möglichst vielen als willkommen anzusehende Klus am Klusdamm der neuen Flutbrücke möchte Gestalt annehmen. Schauen wir mal, was Gott noch mit mir vorhat.

· Das Buch „Fünf Sterne für Verden – Umdenkschrift zum Verdener Karlsjubiläum 2010“ kostet 9,50 Euro und ist ab sofort im Verdener Buchhandel erhältlich.

nFür Verdens

nKirchengeschichte

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Revolutionsgarden erklären Unruhen im Iran für beendet

Revolutionsgarden erklären Unruhen im Iran für beendet

Zeugin: Ukraine hat die US-Wahl 2016 nicht beeinflusst

Zeugin: Ukraine hat die US-Wahl 2016 nicht beeinflusst

Papst in Thailand: Prostitution und Sextourismus ist "Plage"

Papst in Thailand: Prostitution und Sextourismus ist "Plage"

„The Magic of Santana“ in der Verdener Stadthalle

„The Magic of Santana“ in der Verdener Stadthalle

Meistgelesene Artikel

Rekord-Beben im Kreis Verden: Erdstoß am frühen Abend stärker als alle bisherigen

Rekord-Beben im Kreis Verden: Erdstoß am frühen Abend stärker als alle bisherigen

Interview: Verdener Lutz Hiller singt bei „The Voice Senior“

Interview: Verdener Lutz Hiller singt bei „The Voice Senior“

Blick von Mars Petcare zu Keks Freitag

Blick von Mars Petcare zu Keks Freitag

Bis 2021 sollen drei neue Kitas stehen

Bis 2021 sollen drei neue Kitas stehen

Kommentare