Die Weihnachtstage im Pflegeheim St. Johannis weichen vom Alltag ab

Anstrengend, aber schön

Auch das ist Weihnachten: ein festliches Frühstück über den Dächern von Verden. ·
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Auch das ist Weihnachten: ein festliches Frühstück über den Dächern von Verden. ·

Verden - Von Johanna ZeunerVERDEN · Die Türen stehen offen am ersten Weihnachtsfeiertag auf den Fluren im Johannisheim. Man hört leise Musik. Das Haus ist geschmackvoll festlich geschmückt. In den Gängen erspäht man hier und da einen Bewohner, in Festtagskleidung. Ein junger Angehöriger wartet im Eingangsbereich mit seinem Großvater, sein Vater fährt gerade das Auto vor, packt den Rollator ein, dann beginnt die Reise für einen Tag zu Hause.

Nicht alle Bewohner des Johannisheims werden abgeholt. Wohnbereichsleiterin Wiebke Vogel freut sich, dass auf ihrer Station gut ein Drittel das Weihnachtsfest bei der Familie feiert: „Sie kommen abends erschöpft, aber zufrieden wieder zurück.“

Jene, die bleiben, wirken zumeist auch zufrieden. Zumindest beim Essen, aber man sieht nicht in alle Zimmer hinein, manche Tür ist geschlossen.

Eine Bewohnerin kommt mit ihrem Rollator vom Bummel über den Weihnachtsmarkt zurück: „Nachher kommt Besuch.“ Vorher wollte sie „noch ein bisschen Luft schnappen“. Sie ist 91 und kennt das Johannisheim schon lange: „Früher habe ich hier als Schwester gearbeitet.“ Auf die Frage, ob sich im Laufe der Zeit bei den Weihnachtsfeiern etwas geändert habe, sagt sie: „Nein, im Prinzip ist das immer schon so gewesen, es gibt ein Fest essen, es kommen Gruppen, die musizieren. Auch das Gebet vor dem Essen gab es schon immer. Aber früher war es irgendwie noch ein bisschen persönlicher,“ räumt sie ein.

Noch eine Bewohnerin, die bei der Weihnachtsfeier kräftig mitgesungen hat, geht sicheren Fußes mit dem Rollator in die Stadt. Wer ihr begegnet, bekommt ein freundliches Lächeln geschenkt.

Ulrike Hustedt koordiniert den Begleitenden Dienst: „Wir liegen hier optimal, schnell sind wir mit den Bewohnern draußen.“ 20 Ehrenamtliche betreuen im Johannisheim ältere Menschen. Sie gehen mit ihnen raus, kaufen für sie ein,  was in der Weihnachtszeit besonders wichtig ist. „Wenn das Wetter extrem ist, was dieses Jahr nicht der Fall ist, und auch noch Weihnachten ist, dann haben wir hier keine schöne Stimmung,“ sagt Hustedt, „denn viele Ältere sind dann depressiv. Aber wir tun was dagegen.“ Sie zählt auf, was an Programm gelaufen ist in diesem Advent und man staunt. Da gab es einen Bastelnachmittag, Musikveranstaltungen, ein Krippenspiel und auch im Advent zahlreiche Ausflüge.

Für Ulrike Hustedt und Geschäftsführer Detlev Wittenberg ist die Zeit vor Weihnachten stressig, aber das merkt man ihnen nicht an: „Fünf Weihnachtsfeiern haben wir hinter uns – in den Wohnbereichen und auch für die Ehrenamtlichen.“ Dass die Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Bewohnern gut ist, zeigt auch diese kleine Geste: Zweimal in der Woche singen die Mitarbeiter den Bewohnern beim Frühstück in der Adventzeit ein Lied.

Jeder Bewohner

erhält ein Geschenk

„Der Alltag geht weiter, eigentlich ist Weihnachten ein Pflegetag wie sonst auch,“ sagt Pflegekraft Monika Penzek, „aber wir nehmen uns mehr Zeit – die Bewohner sind gesprächsbedürftiger als sonst.“ Das bestätigt auch Ulrike Hustedt „Unsere Bewohner sind in dieser Zeit in sich gekehrter, manche aber auch fröhlich – ganz verschieden; es ist einfach eine Zeit, in der vielen etwas von früher wieder einfällt.“

Am 24. Dezember herrscht eine zufriedene, sogar ein klein wenig erwartungsvolle Stimmung. Unterm großen Tannenbaum im festlich geschmückten Speisesaal, der auch alltags ein beliebter Treffpunkt ist, wird im Dämmerlicht gesungen. „Es ist ein Ros entsprungen“, „O Tannenbaum“, man kann sich etwas wünschen. Eine Bewohnerin ruft laut: „Das kann ich auswendig.“

„Jeder Bewohner bekommt bei uns ein Geschenk“, sagt Ulrike Hustedt, „wir achten darauf, dass jeder etwas zum Auspacken hat.“ Auf der Feier liest sie eine Geschichte vor, „Die Weihnachtsmaus“, das bringt manchen zum Schmunzeln. Eine alte Dame sagt: „Das kann man immer wieder hören.“ Beim nächsten Text dürfen alle mitsprechen, die das auswendig können, und das sind viele: „Knecht Ruprecht“ von Theodor Storm wird bis zum Schluss von mehr als der Hälfte ohne Stocken aufgesagt.

Am ersten Feiertag hat sich Irmgard Heinemann aus Verden mit einer Bewohnerin zum Essen auf der sonnendurchfluteten Glasveranda mit Blick über die Stadt getroffen. Sie nimmt die schöne Stimmung im Haus wahr. Auf die Frage, ob sie einsam ist an Weihnachten, sagt sie: „Die Familie, die kommt ja – es ist aber nicht mit früher zu Hause zu vergleichen.“ Eine andere Bewohnerin sagt, nein, allein sei sie nicht, die Schwestern seien ja da und ihre Tischnachbarin, mit der sie sich gut verstehe. Sie fühlt sich „gut betreut“, auch in diesen Tagen.

Eine Person fehlt an diesem Weihnachten im Johannisheim. Es ist Pastorin Birgit Bredereke – neun Jahre hat sie ihren Dienst als Seelsorgerin hier getan. Hustedt: „Sie hat uns wirklich entlastet, sie wusste genau, zu wem sie gehen muss, wir haben gut zusammen gearbeitet.“ Auch Geschäftsführer Wittenberg betont das. Die Hannoversche Landeskirche hat sie jetzt zu einem Dienst im Kirchenkreis eingeteilt. Dass man sie hier im Haus vermisst, hört man an verschiedenen Stellen.

Eine Mitbewohnerin fällt auf. In ihrem Rollstuhl bewegt sie sich fast geräuschlos und zurückhaltend durch das Haus. 101 Jahre ist sie alt – sie schaut sich das Weihnachtsgeschehen im Heim neugierig und auffallend friedlich an.

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