1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Verden
  4. Achim

„Zwischendurch werden Bildschirme dunkel“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Michael Mix

Kommentare

Auch die chinesische Esskultur lernten Elke Hellmann und ihr Mann Michael in Peking kennen.
Auch die chinesische Esskultur lernten Elke Hellmann und ihr Mann Michael in Peking kennen. © privat

Achim – „Es ist ein Eintauchen in eine für unsere westlichen Maßstäbe befremdliche Kultur“, sagt Elke Hellmann. „Allein die Menschenmassen dort, China hat 1,4 Milliarden Einwohner.“ Der Einzelne zähle im „Reich der Mitte“ nichts, der kommunistische Staat setze eindeutig auf ein funktionierendes Kollektiv. Aber die Chinesinnen und Chinesen seien natürlich auch ganz anders geprägt als europäische Völker.

Hellmann nennt die Stichworte Kaiserdynastien, Maos mit viel Gewalt und Todesopfern einhergehende Kulturrevolution sowie die Ein-Kind-Politik. „Und jetzt verfolgt China ein Ziel: nach vorn zu kommen, ganz oben zu stehen.“ Elke Hellmann und ihr Mann Michael haben das und auch den Ausbruch der Corona-Pandemie und den Umgang damit in dem wegen Menschenrechtsverletzungen stark in der Kritik stehenden Gastgeberland der Olympischen Winterspiele hautnah mitbekommen. Das Achimer Ehepaar lebte vier Jahre lang in Peking, weil der bei Mercedes arbeitende Diplom-Ingenieur von 2017 bis 2020 als Produktionsleiter in einem Werk des Automobilherstellers in der Hauptstadt mit ihren 22 Millionen Einwohnern beschäftigt war.

„Ich habe in China aber auch viele Gegensätze wahrgenommen“, erzählt die gelernte Kinderkrankenschwester im Gespräch mit dieser Zeitung. „Einerseits eiserne Disziplin, andererseits Lebensmittelverschwendung in ungeheurem Ausmaß.“ Auf den Tellern der einheimischen Bevölkerung türmten sich Berge von Essen. „Ganz viel davon wird am Ende weggeworfen.“ Was mit der chinesischen Esskultur zusammenhänge. „Ein leergegessener Teller signalisiert dort, das war zu wenig.“ Geschmacklich hätten sie und ihr Mann an den in Restaurants servierten „gut gewürzten“ Gerichten nichts auszusetzen gehabt. Sehr gewöhnungsbedürftig für westliche Augen und Ohren seien allerdings die Nebengeräusche. „Während des Essens wird ganz laut geschmatzt und immer wieder gerotzt.“ Letzteres sei ein Reinigungsritual.

Vor und nach der Arbeit bewegten sich und relaxten viele Pekinger in „dann immer sehr vollen Parks“. In Gruppen werde gerne Taichi oder Qigong betrieben. „Und ich habe noch nie so viele Menschen Wiener Walzer tanzen sehen wie dort.“ Die Massenversammlungen unter freiem Himmel jeden Morgen und Abend kämen zustande, weil gerade in einer Metropole wie Peking die Wohnungen sehr eng seien und es in China keine Sportvereine gebe, erläutert Elke Hellmann. Die Parks dienten aber auch als Heiratsmarkt. „Über an Wäscheklammern geheftete Zettel werden der Sohn oder die Tochter für die Eheschließung angeboten.“

Auch darüber staunten die Hellmanns, die von ihren erwachsenen drei Kindern in Peking besucht wurden. Da ihre Mutter dort keiner beruflichen Tätigkeit nachging, blieb genügend Zeit für Sightseeing und um Einblicke in den Alltag des Milliardenvolks zu erhaschen. Das Schulsystem in China sei auf größtmögliche Leistung ausgelegt, weiß Elke Hellmann. Da herrsche mehr Drill als Pädagogik. „Meine Chinesisch-Lehrerin hat mir erzählt, dass angehende Abiturienten von morgens um 5 bis abends um 10 Uhr lernen.“ Familien mit gutem Einkommen schickten ihren Nachwuchs nach der Schulzeit zum Studieren ins Ausland.

Bargeld gebe es in China praktisch nicht mehr. Wer einkaufen oder essen gehe, bezahle stets über einen Code. „Und auch ein Taxi haben wir immer per App, die alle personalisierten Daten enthält, bestellt. Das ist dann aber auch in zwei Minuten da.“ Von Datenschutz, sagt Hellmann, müsse man sich im bevölkerungsreichsten Land der Erde verabschieden. Die vorgeschriebene Nutzung digitaler Geräte, allgegenwärtige Kameras und Spitzel erlaubten dem Staat nahezu die totale Kontrolle seiner „Untertanen“. Dazu trage auch das System von „Social Credit“ beziehungsweise „Social Uncredit“ bei, mit dem zum Beispiel bei Rotlicht über die Straße laufende Fußgänger mit Namensnennung und für Vergehen gesammelten Minuspunkten über Bildschirme öffentlich an den Pranger gestellt werden. „Die Chinesen empfinden das aber gar nicht als Überwachung“, fasst Elke Hellmann ihre Eindrücke zusammen. „Sie fühlen sich eher sicher, weil es dadurch kaum Kriminalität gibt.“

Unter diesen Umständen hätten es Oppositionelle sehr schwer, ein Gegengewicht zum Regime von Xi Jinping aufzubauen, zumal der Staatsapparat auch Einflüsse von außen unterdrücke. „Wenn man ausländische Fernsehprogramme, wie zum Beispiel die BBC guckt, wird zwischendurch schon mal der Bildschirm schwarz“, schildert die Achimerin. Die Zensur sorge auch dafür, dass über das Schicksal der muslimischen Uiguren, die im Nordwesten Chinas in „Umerziehungslagern“ auf Linie gebracht werden sollen, oder über die Zustände in der einstigen britischen Kronkolonie Hongkong der Mantel des Schweigens gebreitet werde.

Elke Hellmann ist gleichwohl nicht gewillt, Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben. Deutschland und die westliche Lebensart halte sie nicht durchweg für besser als das, was sie in China kennengelernt habe. „Es sind zwei Extremwelten. Dort wird viel zu wenig diskutiert, hier viel zu viel“, stellt die 54-Jährige fest.

Und macht das beispielhaft am Umgang mit der Corona-Pandemie fest. „Die chinesischen Medien berichteten nur spärlich darüber, da wurden fast ausschließlich Verhaltensmaßnahmen kommuniziert.“ Rasch sei in dem asiatischen Riesenland, wo das Virus seinen Ausgangspunkt hatte, die Corona-Warnapp eingeführt worden, „ohne grünen Haken dahinter kamen wir in keinen Einkaufsmarkt und in keine Bar“. Und als sie im Frühjahr 2020 wegen einer familiären Angelegenheit nach Hause wollte, „war es schnell ganz schwierig, einen Flug nach Deutschland zu bekommen“.

Der Besuch der Chinesischen Mauer gehörte zu den Reisezielen des Achimer Ehepaars.
Der Besuch der Chinesischen Mauer gehörte zu den Reisezielen des Achimer Ehepaars. © -

Geradezu abenteuerlich gestaltete sich die Rück- und Wiedereinreise, die nur über Umwege nach Peking führte. Zu den „strengen Bestimmungen der chinesischen Behörden“ gehörten mehrere PCR-Tests schon vor dem Start der Maschine in Frankfurt, „und während des Fluges wurde ich alle paar Stunden geweckt, um die Körpertemperatur auf dem Ticket einzutragen.“ Nach der Landung in Qingdao, „1 000 Kilometer von Peking entfernt“, seien die Passagiere von „mumifizierten Menschen“ abgeholt worden. „Wir mussten tausend Formulare vorweisen, und es gab gleich ein Stäbchen in den Hals.“ Ein mit Plastik ausstaffierter Bus habe anschließend alle zu einem Quarantäne-Hotel gebracht. „Dort sind wir 14 Tage streng separiert eingeschlossen gewesen. Das Essen wurde vor die Zimmertür gestellt, auch immer Bierflaschen.“ Damit habe sie einen Sportparcours aufgebaut, um sich die Zeit zu vertreiben und fit zu bleiben. Das Vorgehen der Chinesen gegen die Corona-Krise verurteile sie nicht. „Aus Gründen des Gesundheitsschutzes war das wohl alles notwendig.“

Die vier Jahre in China bezeichnet Elke Hellmann als für sie „bereichernde Zeit“. Nicht nur, weil sie als ausgebildete Naturheilkundlerin die traditionelle chinesische Medizin sehr schätze. „Ich habe gelernt, nicht alles zu hinterfragen. Die Chinesen reden nicht so viel, sie handeln. Und auch mehr Einheit würde uns guttun.“

Auch interessant

Kommentare