Zwei Frauen aus Baden wollen Selbsthilfegruppe für „Sterneneltern“ gründen

Ein neuer Raum für Austausch und Trauer

+
Trotz der Schicksalsschläge genießen Stefanie Gebers (mit Tochter Hannah, zweieinhalb Jahre) und Kerstin Flato (mit der drei Wochen alten Lene) heute die Zeit mit der Familie (v.l.).

Baden - Von Lisa Duncan. Am Anfang steht der positive Schwangerschaftstest und das Gefühl der freudigen Erwartung auf ein neues Familienmitglied. 19 Wochen lang scheint alles in bester Ordnung. Doch dann setzen plötzlich die Wehen ein. Die Fruchtblase platzt, ganze 21 Wochen zu früh. Sternen-, Schmetterlings- oder auch Engelskinder – all das sind Begriffe für Babys die vor, während oder nach der Geburt versterben.

Auch Stefanie Gebers und Kerstin Flato aus Baden haben jeweils ein „Sternenkind“ geboren. Sie möchten das Thema enttabuisieren und eine Selbsthilfegruppe für Angehörige gründen.

Vor etwa einem Jahr waren Kerstin Flato und Stefanie Gebers froh, einander zu haben. Denn beinahe zeitgleich ereilte die Freundinnen der Schicksalsschlag, dass ihre Kinder die Geburt nicht überlebten. „Man spricht mit Betroffenen einfach ganz anders als mit Verwandten oder Freunden“, weiß Stefanie Gebers. Und in vielen Gesprächen hatten die beiden festgestellt, dass es in anderen Familien häufiger vorkommt als zuvor vermutet. „Aber es ist doch noch ein Tabu-Thema“, bringt es Kerstin Flato auf den Punkt.

Anfangs war auch sie fassungs- und ratlos, als sie hörte, dass die Tochter ihrer Freundin Stefanie Gebers gestorben war. Dann war sie zwei Monate später selbst betroffen. „Im Nachhinein ein Glück, dass wir so viel darüber gesprochen hatten“, erinnert sich Flato. So habe sie Vorkehrungen treffen können. „Wir haben zum Beispiel im Krankenhaus noch Fotos von uns Dreien gemacht.“

Bei Kerstin Flato wurde in der 23. Schwangerschaftswoche beim Ultraschall festgestellt, dass ihre Tochter unter Trisomie 13 leidet. „Kinder, die mit dieser Diagnose geboren werden, sind kaum lebensfähig“, erklärt die 34-Jährige. Die Eltern, die nicht warten wollten, bis das Baby im Bauch verstirbt, begaben sich in die Klinik und ließen die Geburt frühzeitig einleiten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Paar, bereits zweifache Eltern, schon das Kinderzimmer etwas renoviert, Babysachen gekauft und dem Kind einen Namen gegeben: Matilda, „Die Tapfere“, sollte sie heißen.

Im Krankenhaus konnten sie ihre Tochter noch eine Stunde anschauen und in den Arm nehmen und sich so von ihr verabschieden. Matilda erhielt ein halb anonymes Urnengrab auf dem Bassener Friedhof, wo die Familie regelmäßig zum Blumen niederlegen hingeht.

Stefanie Gebers traf das Ereignis unvorbereitet. In der 17. Schwangerschaftswoche kam sie wegen starker Blutungen ins Krankenhaus, wurde jedoch kurz darauf wieder entlassen, weil die Ärzte nichts feststellen konnten. Weil in der Klinik gerade der Magen-Darm-Virus herumging, zog Gebers es vor, sich zuhause auszukurieren. Doch am Tag darauf kamen plötzlich Sturzblutungen. „Nach gefühlten 80 Stunden kam der Krankenwagen“, erzählt Gebers. Die Fahrt wurde zur Qual: Stau auf der Autobahn, und als der Wagen nach Bremen abfuhr, verlor Gebers auf einen Schwung sehr viel Flüssigkeit: „Das war kein Blut, das war die Fruchtblase“, wusste die 32-jährige sofort.

Nach ein paar Stunden kam das Kind zur Welt – es reichte nicht für den ersten Atemzug. „Ben war nur 20 Zentimeter groß und wog 120 Gramm“, so Gebers. Dankbar erinnert sich die junge Frau, dass die Klinik einen selbst gehäkelten Schlafsack – vom Verein „Frauenworte“ gespendet – und ein Weidenkörbchen zur Verfügung stellte. „Kleidung in diesen Größen gibt es ja nicht. Und Puppenkleider wären auch nicht angemessen“, erklärt Gebers.

Stefanie Gebers hat es in ihrer Trauer geholfen, den Mantel des Schweigens aufzudecken, sie geht offensiv mit ihrer Geschichte um: „Ich sage immer, ich hätte zwei Kinder. Die Leute reagieren teilweise sehr betroffen, aber Ben gehört nunmal dazu.“

Kerstin Flato hat nur den engen Freundes- und Familienkreis eingeweiht. Dass sie mit ihrem Mann immer wieder Trauerarbeit leistete, dafür trug ihre siebenjährige Tochter Maja Sorge. „Lass uns doch noch mal eine Kerze für Matilda anzünden, lass uns gemeinsam das Grab besuchen“, habe die Kleine selbstbewusst eingefordert.

Erst vor kurzem erlebte Kerstin Flato das Mutterglück erneut: Vor drei Wochen wurde Tochter Lene geboren. „Eine normale, gesunde Schwangerschaft“, freut sich die junge Frau.

Mit der Gründung der Selbsthilfegruppe möchten die beiden Frauen auch eine Lanze für andere Betroffene brechen. Denn manchmal fielen die Reaktionen von unsensibel bis feindselig aus. So wurde Stefanie Gebers von ihrem Chef wenige Wochen nach Bens Tod gefragt: „Müssen wir uns jetzt drauf einstellen, dass noch ein Kind kommt?“ Da fiel die Entscheidung das Arbeitsverhältnis zu kündigen, nicht schwer, fügt die junge Frau hinzu.

In der Selbsthilfegruppe sollen auch andere Sterneneltern die Möglichkeit eines Austauschs erhalten. „Egal, ob es drei Monate, drei oder dreißig Jahre her ist. Für ein Gespräch unter Betroffenen ist es nie zu spät“, meint Stefanie Gebers.

Das erste Treffen ist für Sonnabend, 9. November, um 19.30 Uhr, im Kasch (Kulturzentrum Alter Schützenhof) geplant. Für Fragen stehen die beiden Frauen per E-Mail unter sternenelternachim@gmail.com zur Verfügung.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Zehnter Herbst- und Schweinemarkt in Brinkum

Zehnter Herbst- und Schweinemarkt in Brinkum

Klima-Aktivisten blockieren Haupteingang der IAA

Klima-Aktivisten blockieren Haupteingang der IAA

Übungsszenario in Syke: Frontalcrash auf enger Straße

Übungsszenario in Syke: Frontalcrash auf enger Straße

Offen wie selten: Tunesien wählt neuen Präsidenten

Offen wie selten: Tunesien wählt neuen Präsidenten

Meistgelesene Artikel

Schwer verletzt: 17-Jährige gerät bei Ernteumzug in Völkersen unter Traktor

Schwer verletzt: 17-Jährige gerät bei Ernteumzug in Völkersen unter Traktor

Auto stürzt in Verden in die Aller - Halterin geht einfach nach Hause

Auto stürzt in Verden in die Aller - Halterin geht einfach nach Hause

Vorschlag beim Thänhuser Abend: Sex statt Bio

Vorschlag beim Thänhuser Abend: Sex statt Bio

Vieles ist bekannt, vieles reizt dennoch

Vieles ist bekannt, vieles reizt dennoch

Kommentare