Zeitzeugen erzählen bei der Geschichtswerkstatt vom Kriegsende

Korrekte Engländer, sich rächende Zwangsarbeiter und ganz viel Angst

Achim - Von Manfred Brodt. 70 Jahre nach Kriegsende in Achim wollte die Geschichtswerkstatt Achim während einer öffentlichen Veranstaltung vor allem von Zeitzeugen noch Neues erfahren. Bei der gut besuchten Veranstaltung im Hotel Gieschen wurden dann auch viele persönliche, ergreifende Geschichten erzählt.

Eine ältere Dame erhielt viel Zustimmung, dass das Kriegsende historisch gesehen zwar die Befreiung vom Nationalsozialismus bedeutete, dass aber die Bevölkerung es damals so nicht empfunden habe. Sie sei froh gewesen, dass es ein Ende mit Schrecken statt ein Schrecken ohne Ende war.

Allgemein wurde den britischen Besatzern attestiert, dass sie sich sehr korrekt verhielten, auch wenn sie einmal bewusst mit dem Panzer über im Garten vergrabenes Porzellan fuhren. Sie hatten alles im Überfluss, auch Schokolade und andere Leckereien. Geschichtswerkstatt-Chef Karlheinz Gerhold zitierte aus einem Art „Knigge“ für die englischen Soldaten, dass sie sich korrekt, freundlich, aber nur oberflächlich und nicht kontaktintensiv zu den Deutschen verhalten sollten. Auf politische Gespräche und Feindpropaganda sollten sie sich nicht einlassen. Die Deutschen seien den Engländern zwar fast gleich, aber von dieser äußeren Ähnlichkeit sollte man sich nicht täuschen lassen. Vor Sex wurde wegen der bei Deutschen grassierenden Geschlechtskrankheiten gewarnt.

Manfred Winsemann, dessen Vater ein Verfahren wegen Verweigerung des Hitlergrußes hatte und Schikanen von Hitler-Anhängern ausgesetzt war, erinnert sich, dass die britische Ordonanz besonderen Gefallen an einem Grammophon und einer Platte fand, die er ständig spielte. Titel: „ Stille Nacht, heilige Nacht.“

Elfriede Ravens denkt noch mit Schrecken daran, wie in ihrem Wohnhaus Grüner Jäger in Uesen ein Geschoss der Engländer von Thedinghäuser Seite einschlug, ein deutscher Soldat sofort tot und zwei Soldaten am Fuß und im Brustbereich verletzt wurden. Den Toten lagerte man an der Kegelbahn im Keller und begrub ihn im Garten, die Verletzten wurden in der Notklinik im Achimer Amtsgericht unter Dr. Aechter behandelt. Schrecklich auch, dass ein Opfer des Luftangriffs auf Baden im Handwagen zum Friedhof gefahren werden musste, weil man keinen Sarg hatte. Ältere Menschen erinnern sich noch, wie sie als Kinder im Keller höllische Angst hatten und Luftangriffe erlebten, die wohl dem Gasometer in Achim galten.

Eine Uesenerin sah, wie ausgemergelte Frauen in der Kolonne sich durch Uesen schleppten, eine fast zusammenbrach und mit dem Gewehrkolben zum Weitergehen gezwungen wurde. Als die Mutter der damals jungen Uesenerin sagte: „Sehen Sie denn nicht, dass die Frau nicht mehr kann?“, antwortete die Nazi-Aufseherin: „Wollen Sie gleich mitgehen?“ Ob es Zwangsarbeiterinnen in Uesen oder auch KZ-Häftlinge auf einem Todesmarsch waren, ließ sich jetzt nicht klären.

Für die polnischen und ukrainischen Zwangsarbeiter war die deutsche Niederlage auf jeden Fall eine Befreiung. Viele hatten Rachegefühle, mehrere stahlen, vergewaltigten, raubten und töteten, wie mehrere Zeitzeugen wissen.

Helmut Maack aus Baden weiß, dass Zwangsarbeiter, die in der deutschen Familie nach NSDAP-Vorschrift immer am Trog essen mussten, sich zum Kriegsende rächten und ihre „Herrenmenschen“ nur mit der Unterhose bekleidet auf den Hof jagten.

In Uphusen war ein Flugzeug abgestürzt und auf den Schienen gelandet. Fritz-Heiner Hepcke hat aus Erzählungen noch eine besondere Erinnerung an die Bahn und das Kriegsende: Ein deutscher Lokomotivführer war mit einer einsamen Lok von Bremen Richtung Achim unterwegs, ließ sie hier einfach stehen, stieg aus und sagte: „Bremen ist zerstört, in Verden sind die Engländer, der Krieg ist zu Ende.“

In der nächsten Folge:

Das Achimer Lazarett im Gericht.

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