„Uns abschotten wäre politischer Selbstmord“

Ingo Espenschied bringt „Doku-live“ über die EU auf die Aulabühne

+
Ingo Espenschied (Zweiter von rechts) ist Moderator und Produzent der Live-Dokumentation über das EU-Parlament. Links Stefanie von Richthofen-Klopp, die als Lehrerin im Gymnasium Am Markt für den Themenbereich Europa zuständig ist. Neben ihr Arian Kuhn von der „Europe direct“-Stelle in Lüneburg. Zusammen mit der Gymnasiallehrerin organisierte er die Veranstaltung in der Aula des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums. Rechts dessen Leiter Dr. Stefan Krolle.

Achim - Ein 214-Parteien-Parlament mit 751 Abgeordneten, in dem 24 verschiedene Sprachen gesprochen werden, die jeweils für alle übersetzt werden müssen. 523 Übersetzungskombinationen sind möglich, was ein Heer von insgesamt rund 1000 Dolmetschern erfordert. Dennoch oder gerade deshalb repräsentiere das Europaparlament gut die Bevölkerung der einzelnen Länder, arbeite sehr transparent und bekomme immer mehr Entscheidungsgewalt.

Das machte der Diplompolitologe und engagierte Europäer Ingo Espenschied als Moderator der von ihm entwickelten, mit Bildern und Einspielfilmen illustrierten Live-Dokumentation über Entwicklung und Bedeutung dieses Parlaments deutlich. Am 26. Mai wird es neu gewählt.

Der Zusammenhalt der Europäischen Union (EU) stehe wegen des Aufkommens der Rechtspopulisten derzeit „etwas auf der Kippe“, stellte Dr. Stefan Krolle, Leiter des Achimer Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums, zu Beginn der Veranstaltung in der dortigen Aula fest.

„Geht zu EU-Wahlveranstaltungen, fragt genau nach, erkundigt euch auch kritisch über den riesigen Behördenapparat in Brüssel, aber geht auch wählen“, forderte er die Gymnasiasten des zehnten und elften Jahrgangs auf, die diese Veranstaltung im Saal mitverfolgten. „Ihr seid ja auch die Generation, die angeblich keine Zeitung mehr liest“, merkte er kritisch an. Das freue manche Politiker sogar, „und so haben sie mal schnell eure Renten gekürzt“.

In Frankreich zu studieren, war für ältere Generationen keine Option

Für seinen Großvater sei es noch unvorstellbar gewesen, in Paris, der Hauptstadt des „Erbfeindes Frankreich“, ein Studium abzuschließen, verdeutlichte Ingo Espenschied gleich zu Beginn. Er selber habe genau das getan.

Und schon 1948 hätten Studenten aus sechs Ländern noch unter dem Eindruck des zweiten schrecklichen Weltkrieges gemeinsam für die „Vereinigten Staaten von Europa“ demonstriert, erläuterte der aus der Nähe von Mainz stammende Moderator, unterstützt durch Filmaufnahmen. Auch wirtschaftlich hätten die Kriege Europa unglaublich zurückgeworfen.

Die weiteren Etappen von der anfänglichen Montan-Union im Bereich Stahl und Kohle über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bis hin zur heutigen EU mit 28 Mitgliedsstaaten waren dann ebenso in der Darstellung mitzuerleben wie die steigende Bedeutung des Europäischen Parlaments.

Das Ende der Roaming-Gebühren ist eine EU-Errungenschaft

Unter dem Namen „Allgemeine Versammlung“ hatte es begonnen und damals neben der EU-Kommission und dem Ministerrat mit Regierungsvertretern der einzelnen Länder kaum etwa zu sagen. Das habe sich bis heute grundlegend geändert, betonte der Moderator. So scheiterte das fertig ausgehandelte Acta-Abkommen über Regelungen zum Copyright und zur Produktpiraterie vor einigen Jahren an 70 Prozent Nein-Stimmen im EU-Parlament.

Auf der anderen Seite habe dieses Gremium etwa die Roaming-Gebühren für Handytelefonate über europäische Ländergrenzen hinweg abgeschafft und die Datenschutz-Grundverordnung durchgesetzt. Die EU sei aber eben kein fester Staat, sondern entwickele sich ständig. Dass Europa „mit einer Stimme spricht“, müsse das nächste große Ziel sein.

Trotz seiner wirtschaftlichen Stärke stelle Deutschland im Übrigen nur ein Prozent der Weltbevölkerung und könne auf sich allein gestellt global wenig bewirken. Doch auch weil dieses Land beinahe weltweit die meisten Nachbarstaaten habe, sei es „politischer Selbstmord, wenn wir uns abschotten würden“, betonte Espenschied. Fast 70 Jahre Europäische Gemeinschaft hingegen hätten den Frieden gesichert, sowie freie Grenzen und Wohlstand ermöglicht, gab es seinen jungen Zuhörern noch mit auf den Weg.

Für die geplante Diskussion blieb dann aber keine Zeit mehr. Sofort nach Ende der illustrierten Darbietung drängte es die Schüler eiligst nach draußen, weil die Busse warteten und außerdem an diesem Tag viele schon anstrengende Klausuren hatten schreiben müssen. 

la

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Siegerin Kerber lobt Vogel - Lange & Eishockey-Team geehrt

Siegerin Kerber lobt Vogel - Lange & Eishockey-Team geehrt

Weihnachtsbaumverkauf in Westeresch

Weihnachtsbaumverkauf in Westeresch

Nikolausmarkt in Bücken

Nikolausmarkt in Bücken

Weihnachtsmarkt in Blender

Weihnachtsmarkt in Blender

Meistgelesene Artikel

Katzen im Tierheim Verden: Pechschwarz und putzmunter

Katzen im Tierheim Verden: Pechschwarz und putzmunter

Zielvereinbarung zwischen Rat und Bürgermeister unterzeichnet

Zielvereinbarung zwischen Rat und Bürgermeister unterzeichnet

Brockmann wird wieder Bürgermeister-Kandidat

Brockmann wird wieder Bürgermeister-Kandidat

Traditionelles Weihnachtskonzert des Gymnasiums am Wall im Dom

Traditionelles Weihnachtskonzert des Gymnasiums am Wall im Dom

Kommentare