„Wir sind am Limit“

Hausärzte in Achim nehmen kaum noch neue Patienten auf

Etwa 800 bis 1000 Patienten betreut ein Hausarzt im Quartal. Viele Praxen sind voll und können keine neuen Patienten mehr aufnehmen.
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Etwa 800 bis 1000 Patienten betreut ein Hausarzt im Quartal. Viele Praxen sind voll und können keine neuen Patienten mehr aufnehmen.

Achim – Droht in Achim eine hausärztliche und pflegerische Unterversorgung? Diese Frage hatte Bürgermeister Rainer Ditzfeld am Donnerstagmorgen zum Thema seiner Sommertour-Reihe gemacht und neben Achimer Bürgern die Hausärztin Katrin Trotzki und den Urologen Siad Abou-Bakr sowie Vertreter eines örtlichen Pflegedienstes ins Stadtcafé an der Obernstraße eingeladen.

Er höre von Neu-Bürgern immer wieder, dass sie Probleme hätten, einen Hausarzt zu finden, und auch alteingesessene Achimer hätten Schwierigkeiten in einer anderen Praxis unterzukommen, wenn ihr langjähriger Mediziner aus Altersgründen aufgebe, berichtete Rainer Ditzfeld.

Besonders in Baden drücke der Schuh, erklärte Gast Manfred Huhs, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Badener Vereine. Denn Hausärztin Ursula Döbbeling hört zum 1. Oktober auf. „Sie geht auf die 70 zu und bemüht sich seit mehr als zwei Jahren um eine Nachfolgeregelung. Sie war sogar bereit auf die Übernahmekosten zu verzichten, denn sie wollte eine vernünftige Regelung für ihre Patienten“, berichtete Huhs. Eine Bremer Ärztin habe Interesse an einer Praxisübernahme gezeigt, und die Arbeitsgemeinschaft unterstützend zur Seite gestanden. „Sie hätte eventuell ins Gebäude der Kreissparkasse in Baden ziehen können, die ihren Standort dort aufgibt. Die Stadt hätte aber auch ein Grundstück in Baden zur Verfügung gestellt.“ Allerdings hätte der Neubau einer Praxis rund 800.000 Euro gekostet, so der Vorsitzende. „Leider hat die Ärztin, um die wir uns sehr bemüht haben, alles im Sande verlaufen lassen“, bedauerte er.

Katrin Trotzki und Julia Grünefeld „sind am Limit“

Katrin Trotzki kennt die Herausforderungen in einer Hausarztpraxis. Sie habe sich bewusst dafür entschieden, die Zwölf-Tage-Schichten an der Aller-Weser-Klinik aufzugeben, und in einer Hausarztpraxis zu arbeiten, um wieder Zeit für ihre Familie zu haben. 2018 stieg die Internistin in die Praxis von Dr. Hammer in Uesen ein. Das Team von damals drei Ärzten sei dann auf zwei geschrumpft, weil Dr. Hammer aufgehört habe. Sie und ihre Kollegin Julia Grünefeld hätten dessen Patienten zwar übernommen, Kapazitäten für neue hätten sie jedoch nicht. Und damit stünden sie nicht alleine da. „Wir sind am Limit.“

Etwa 800 bis 1000 Patienten hat jeder niedergelassene Hausarzt durchschnittlich im Quartal zu versorgen. „Chronische Patienten brauchen oft einen engen Arztkontakt und kommen einmal in der Woche in die Praxis“, sagte die Internistin. Die beiden Medizinerinnen haben ihre Stundenanzahl aufgestockt, um die Mehrarbeit zu kompensieren. „Außerdem sind wir gerade dabei, noch effektiver zu arbeiten und Zeitfaktoren zu optimieren.“ Das sei nicht immer einfach, weil die Praxisräume sehr beschränkt seien. „Aber einen Millionenkredit für einen Neubau aufzunehmen, kommt auch nicht infrage.“

Numerus clausus: Zugang zum passenden Studiengang schwierig

Den Schritt in die Selbstständigkeit hat die Ärztin trotz aller Widrigkeiten nicht bereut, auch wenn sie sich in die Praxis einkaufen musste und nun als Selbstständige eine andere Verantwortung trägt. Dass Ärzte rar gesät sind, liegt ihr zufolge daran, dass der Zugang zu dem Studiengang durch den hohen Numerus clausus schwierig sei. Außerdem habe die Allgemeinmedizin bei den Studenten und jungen Ärzten einen schlechten Ruf. „Jeder will am liebsten Kardiologe werden und am offenen Herzen operieren. Und als Facharzt verdient man auch deutlich mehr.“

Sie hingegen schätze diese Arbeit. „Das Aufgabengebiet ist breit gefächert und fachlich und persönlich sehr spannend, denn man bekommt die Lebenswege der Patienten mit. Zudem sind die Arbeitszeiten mit meinem Familienleben besser zu koordinieren, und finanziell habe ich mich auch nicht verschlechtert.“ Allerdings setzt sie auch auf das Prinzip einer Gemeinschaftspraxis. „So etwas alleine zu machen, hätte ich mir nicht zugetraut.“ Ihr tue es in der Seele weh, keine Patienten mehr aufnehmen zu können. „Aber uns fehlt die Zeit. Unser Job besteht nicht nur aus Fakten, man braucht das Gespräch und kann keine Zwei-Minuten-Medizin machen“, so Trotzki.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Verden: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

Von einem Überlauf an Patienten berichtete auch Marcel Steinführer, der mit seinem Bruder den Mobilen Pflegedienst Achim führt. Das 14-köpfige Team betreut pro Woche rund 50 Patienten. „Vor acht Jahren mussten wir in den Kliniken betteln, um Patienten zu bekommen. Heute rufen uns nicht nur die Krankenhäuser der Umgebung, sondern auch aus Lüneburg und Bad Oeynhausen an und fragen, ob wir noch Kapazitäten haben“, berichtete Steinführer. Der Bedarf sei riesig und Pflegepersonal zu bekommen schwierig. Das habe zur Folge, dass sich die Patienten nicht mehr aussuchen können, wann sie versorgt werden. „Sie müssen das nehmen, was wir ihnen anbieten können.“

Und auch für die Patienten der Badener Hausärztin Döbbeling hat sich eine Lösung gefunden. Ihre 1 500 Patienten sind Manfred Huhs zufolge größtenteils bei anderen Ärzten untergekommen. Die Leute würden in Kauf nehmen, weitere Wege zu ihrem Arzt fahren zu müssen. Ein benachbarter Arzt habe sich zudem bereit erklärt, regelmäßig benötigte Rezepte auszustellen und weiterhin gegen Corona zu impfen.

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