Hans-Jürgen Wächter wird 70 

Willy Brandt und Uphuser Mängel

Hans-Jürgen Wächter vor wenigen Tagen im Redaktionsgespräch beim Achimer Kreisblatt. - Foto: Duncan

Achim - Am morgigen Sonntag feiert Hans-Jürgen Wächter in Uphusen seinen 70. Geburtstag. Ebenfalls in diesem Jahr zog der langjährige ehrenamtliche Landrat, stellvertretende Bürgermeister, Ratsvorsitzende und Ortsausschussvorsitzende sich nach 44 Jahren aus der Kommunalpolitik zurück. Im folgenden Interview mit Kreisblatt-Redakteur Heinrich Laue beschreibt er die Beweggründe, bewertet seine politische Laufbahn und äußert sich auch über das künftige Leben als „Siebziger“.

Fühlen Sie sich kurz vor dem 70. Geburtstag noch gesundheitlich und politisch fit, Herr Wächter?

Hans-Jürgen Wächter: Alles gut. Ernsthaft krank war ich bisher nie. Ich habe auch noch einige Ämter und Aufgaben. So bin ich weiterhin aktiver Prüfer bei der Handelskammer oder seit einem Jahr ehrenamtlicher Richter am Verwaltungsgericht Stade sowie in anderen Gremien vertreten. Andererseits muss ich zugeben, dass es jetzt ein Einschnitt ist. Ich war bis vor gut fünf Jahren in verantwortlicher Leitungs-Position an der Berufsschule, und auch die 44 Jahre als Kommunalpolitiker haben große Teile meines Lebens geprägt. Ich habe beides immer gemocht.

Warum hören Sie damit trotzdem jetzt auf?

Wächter: Beide Daten zusammen, mein 70. Geburtstag und das Ende dieser Wahlperiode bilden für mich einen guten Zeitpunkt, sich aus der vordersten Achimer Kommunalpolitik zurück zu ziehen. Jetzt ist es gut. Alle haben nur ein Amt auf Zeit, das ist das Wesen der Demokratie.

Und es ist schöner, wenn die Leute sagen: ,Schade, dass der aufhört’, als .Eigentlich wäre es an der Zeit, dass er Schluss macht’. Ich verlasse den Stadtrat in 14 Tagen mit gutem Gefühl.

Gehen wir mal zu den Anfängen zurück. Was war der entscheidende Anstoß für Sie, in die Kommunalpolitik einzusteigen?

Wächter: Einerseits bin ich politisch immer sensibel gewesen. In den späten 60er Jahren haben mich Willy Brandt und seine Ostpolitik sehr angesprochen. Gleichzeitig hatten wir in meinem Wohnort Uphusen keine gute Infrastruktur. Es waren schlechte Rahmenbedingungen für den Sport im Ort, und ich war aktiver Sportler. Es gab nicht nur keine ausreichende Sporthalle und keinen vernünftigen Sportplatz, sondern auch keinen Kindergarten, keinen Arzt und keine Apotheke. Ich dachte mir: Da musst du was tun. Und dann kam der Zusammenschluss der einzelnen Gemeinden zur neuen Stadt Achim gerade recht.

Worauf in Ihrer politischen Laufbahn sind Sie besonders stolz , und was hat Sie am meisten geärgert ?

Wächter: Da tue ich mich schwer. Stolz ist in diesem Zusammenhang ein Begriff, den ich nicht so gerne verwende. Aber mir sind bestimmte Dinge wichtig. Drei Beispiele greife ich mal heraus. Erstens: Wie sich die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, im sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und ehrenamtlichen Bereich, das freut mich. In der Stadt herrscht ein insgesamt gutes Klima. Dazu konnte ich vielleicht etwas beitragen. Zweitens: Im Kreis Verden zwei Krankenhäuser zu halten und zu sichern – das zeigt, dass man nach hartem Ringen in der Politik auch bei komplexen Themen etwas bewegen kann. Drittens: Das Problem Innenstadt ist leider immer noch nicht und wird vielleicht nie verträglich gelöst. Im groben Ziel einer besseren Entwicklung für das Zentrum waren und sind wir uns in Achim einig. Wir haben aber sehr unterschiedliche emotionale Wahrnehmungen von Achims Stadtmitte und was sie leisten soll. Es gibt zu viel unterschiedliche Interessen und zu wenig praktische Handelnde an dieser Stelle. Nicht allen war lange klar genug, dass sie alle in einem Boot sitzen.

Wie hat sich die Kommunalpolitik seit Ihrem Einstieg vor viereinhalb Jahrzehnten verändert?

Der junge, langhaarige Hans-Jürgen Wächter (links) mit Horst Lange und Richard Dodenhof...

Wächter: Datenverarbeitung, papierloses Arbeiten, Elektronik, Handy – all das war damals undenkbar. Aber nicht nur die Technik, auch die Menschen haben sich geändert. Sie sind aufgeschlossener, diskussionsfreudiger, kritischer geworden. Es ist gut so, und ich habe immer wieder dazu ermuntert, dass sich die Bürger. stärker einbringen. Oft beteiligen sich jedoch nur jene, die unmittelbar betroffen sind und für sich Nachteile oder Vorteile sehen. Früher hat es bei Baugebieten meist nie Diskussionen gegeben. Jetzt gehen diejenigen, die Nachteile befürchten, nicht selten auf die ,Barrikaden’. Aber der größere Teil der Bevölkerung hält sich raus oder steht abseits. Deshalb ist noch viel zu tun in Richtung bessere Bürgerbeteiligung.

Es ging früher auch anders und häufig turbulenter in der Stadtpolitik selber zu. Eine Polarisierung zwischen der CDU und der SPD in den frühen 80er Jahren und Streitthemen wie Rathaus-Neubau bestimmten das politische und öffentliche Achimer Klima. Die Politik hatte dabei zu Zeiten, als es noch keinen haupt-, sondern einen ehrenamtlichen Bürgermeister gab, größeren Einfluss. Mittlerweile gibt die Verwaltung viel vor, und einiges wird von der Politik nur ,abgehakt’ .Mein Tipp für künftige Rats- und Kreistagsmitglieder: Man darf sich nicht unterkriegen lassen, auch nicht von der Verwaltung. Die Politik sollte ihren Gestaltungsspielraum nutzen. Die Gestaltung des direkten Lebensumfeldes ist auch eine ausgesprochen schöne Aufgabe.

Wie würden Sie es heute jungen Leute schmackhaft machen, sich in der Orts- oder Landkreispolitik zu engagieren ?

Wächter: Ich denke, das ist heute schwieriger als in meiner Jugendzeit. Gerade in der Kommunalpolitik gibt es aber weiterhin gute Möglichkeiten für junge Menschen: Der Einstieg ist vor Ort in der Regel einfacher als auf anderen Politikebenen. Es sagt sich für einen Älteren relativ leicht, aber ich finde, das gelingt ihnen am besten, indem sie eigene Ideen mitbringen und Lust haben, diese einzubringen. Diese Ideen sind anfangs viel wertvoller als jedes Fachwissen. Dabei merken Jüngere schnell, wie spannend es sein kann, Gesellschaft zu gestalten. Man sieht konkret, was man erreichen kann. Das Interessante daran ist, dass die Tätigkeit das ganze Spektrum des Lebens umfasst: von der Geburt über den Kindergarten, Schule und Freizeit bis hin zur Seniorenarbeit. Junge Menschen können hier konkret gesellschaftliche Herausforderungen ebenso erleben wie Hilfe für Flüchtlinge. Die Integrationsarbeit hat gerade erst begonnen, und dies ist bei allen damit verbundenen Problemen eine lohnende Aufgabe auch für junge Menschen. Ich freue mich deshalb, dass dem neuen Stadtrat etwas mehr junge Politiker angehören als bisher. Ehrlicherweise muss man auch sagen, wer in ein Amt hier hineingewählt wird, der darf die Stunden nicht zählen.

Das Leben jenseits der 70er :Was haben Sie da noch vor?

Wächter: Erst einmal Büro und Dachboden aufräumen. Da steht einiges an. Ich freue mich darauf, auf jeden Fall ungewohnt freie Abende und Zeit für Dinge zu haben, die bisher zu kurz kamen. Bislang richtete sich alles weitgehend nach dem Terminkalender.

Es wird aber keine Langeweile aufkommen. Mit dem Fahrrad werde ich bestimmt noch mehr im Lande unterwegs sein.

Ich bleibe aktiver Bürger der Stadt und des Landkreises, der sich weiter einbringen wird: Mein Interesse an den Menschen und der Stadt ist nicht erlahmt.

Füße hoch? Nein, bestimmt nicht.

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