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Wie war das in der Nazi-Zeit in Achim?

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Von: Michael Mix

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Legten sich für das Geschichtsprojekt ins Zeug: (von links) Valentine Schirmer, Hannes Bartsch, Pauline Wiedemann und Stephan Leenen.
Legten sich für das Geschichtsprojekt ins Zeug: (von links) Valentine Schirmer, Hannes Bartsch, Pauline Wiedemann und Stephan Leenen. © Mix

Achim – Die Schrecken eines Kriegs in Europa sind mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine zurück. Bis vor Kurzem noch schien das vor allem für Jugendliche hierzulande ganz weit weg zu sein. Über Gewalt, Hunger, Flucht und Vertreibung während der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs hatten bestenfalls ihre Groß- oder Urgroßeltern mal etwas erzählt.

„Die Erinnerungskultur droht für heutige Generationen verloren zu gehen“, sagt Dr. Stephan Leenen, bis zum Eintritt in den Ruhestand Ende Februar Kulturchef der Stadt Achim. Das von ihm und Valentine Schirmer, Leiterin der Stadtbibliothek, angeschobene Projekt „Achimer Geschichte interaktiv“ soll jungen Menschen einen „persönlichen Zugang“ zu den Lebensumständen im Dritten Reich ermöglichen. Entstanden ist eine vielfältige, multimediale Präsentation, an der zahlreiche Schülerinnen und Schüler sowie weitere Akteure intensiv mitgewirkt haben.

„Wie kann man junge Leute für Ereignisse, die vor rund 80 Jahren passiert sind, begeistern?“, sei die Ausgangsfrage bei dem Vorhaben gewesen, schildert Leenen. Denn „staubtrockener Geschichtsunterricht“ führe sicherlich nicht zum Ziel. Er und die Bibliothek hätten deshalb mit den weiterführenden Schulen vor Ort kooperiert, wo dann Jugendliche verschiedener Jahrgänge zur Achimer Lokalgeschichte von 1933 bis 1945 recherchiert hätten. „Ihre Ergebnisse haben sie kreativ umgesetzt“, freut sich Leenen.

Das Lob gilt zum Beispiel Hannes Bartsch und Pauline Wiedemann, die in diesem Frühjahr ihr Abitur am Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasium machen. „Im Seminarfachkurs mit unserem Lehrer Dr. Robert Heyer haben wir uns mit jüdischen Familien in Achim aus jener Zeit beschäftigt“, berichtet die 18-jährige Schülerin. Im ganzen Stadtgebiet erinnerten ja sogenannte Stolpersteine an die vielfach nach Minsk deportierten und dort ermordeten Frauen, Männer und Kinder. Die vom Künstler Gunter Demnig an ihren früheren Wohnstätten verlegten kleinen Mahnmale nehmen bei dem Geschichtsprojekt einen zentralen Raum ein.

„Als Erstes haben wir alle 32 Stolpersteine in Achim gruppenweise gereinigt“, erzählt Hannes Bartsch. Der örtliche Filmemacher Ronald Wedekind sei dafür gewonnen worden, ein Kurzvideo zu dem Thema zu drehen. „Und wir haben auch einen Podcast dazu und zwei QR--Codes zum Film gestaltet“, ergänzt Pauline Wiedemann.

Am interaktiven Stadtplan: Bibliothekskraft Tobias Wege.
Am interaktiven Stadtplan: Bibliothekskraft Tobias Wege. © -

Besonders beeindruckt hat die Jugendlichen die feierliche jüngste Verlegung von „Stolpersteinen“ am 1. Oktober nahe des Glockenspiels, zu der 17 jüdische Nachfahren aus Israel, Frankreich und Großbritannien angereist waren. „Wir haben allen Rosen überreicht“, erinnert sich Bartsch. Viele der zum Teil hochbetagten Gäste, deren Ahnen aus Achim stammen, hätten an dem Tag auch den jüdischen Friedhof, An der Eisenbahn, besucht. „Das war alles sehr berührend.“

Für das Projekt startete eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern laut Wiedemann außerdem eine Umfrage auf dem Wochenmarkt. „Wir haben Leute befragt, ob und was sie sagen können zum Leben im Nationalsozialismus hier und auch zu den jüdischen Familien, etwa den Anspachers, die im Viehhandel tätig waren“, und nach deren Tochter Liesel die Hauptschule an der Waldenburger Straße benannt ist. Viele gehaltvolle Antworten haben die jungen Lokalforscher nicht bekommen. „Was damals in Achim passiert ist, wussten die wenigsten.“ Die überschaubaren Resultate habe eine Gruppe anschließend auf Plakate geschrieben und dann in selbst gebaute Bilderrahmen eingefügt.

Die Nazi-Diktatur endete in nacktem Grauen.
Die Nazi-Diktatur endete in nacktem Grauen. © privat

„Eine spannende Geschichte“, ist sich Valentine Schirmer mit allen Beteiligten einig. Sie und Leenen danken dem Förderverein der Stadtbibliothek, dem Landschaftsverband Stade, der Stiftung der Kreissparkasse Verden, der VGH-Stiftung, dem Verein Wabe und dem Rotary-Club Achim für die Unterstützung des Projekts.

Auf der Internetseite https:\\\\geschichte-achim.de sind alle Ergebnisse dazu abrufbar. Für eigene Recherchen können sich Interessierte auf der interaktiven TV-Station in der Bibliothek mit dem Handy oder Tablet-PC selbst auf den Weg machen.

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