Fachstelle für Sucht zieht Bilanz

Weniger Kontakte, mehr Arbeit

Beraten in der Fachstelle Sucht und Suchtprävention: (von links) Kerstin Dohmeyer-Mehlan, Heike Gronewold und Regina Haack von der Einrichtung des Diakonischen Werks in Achim und Verden. Archivfoto: Bischoff
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Beraten in der Fachstelle Sucht und Suchtprävention: (von links) Kerstin Dohmeyer-Mehlan, Heike Gronewold und Regina Haack von der Einrichtung des Diakonischen Werks in Achim und Verden. Archivfoto: Bischoff

Achim/ Verden – Insgesamt weniger Kontakte, aber dennoch mehr Arbeit – so fasst die Achimer Fachstelle Sucht und Suchtprävention ihre Erfahrungen seit Beginn der Pandemie zusammen. Das geht aus dem Jahresbericht 2020 hervor, den die Einrichtung der Diakonie mit Dienststellen in Achim und Verden gerade veröffentlicht hat. „Wir geben uns Mühe und nehmen uns Zeit, in die Themen einzusteigen und sie zu analysieren“, erklärt Einrichtungsleiterin Heike Gronewold das verhältnismäßig späte Erscheinungsdatum.

Als Grund für die erschwerte Situation in der Beratungsarbeit gibt die Fachstelle das Verbot von Gruppentreffen vor Ort während des ersten Lockdowns an. „Eine Therapiegruppe dauert 100 Minuten. Mit jedem Einzelnen stattdessen ein Therapiegespräch am Telefon zu führen, dauert pro Patient jeweils 50 bis 60 Minuten“, schildert die stellvertretende Einrichtungsleiterin Kerstin Dohmeyer-Mehlan in der Drucksache der Suchthilfe.

Demnach habe sich die wöchentliche Arbeitszeit bei drei Gruppen (mit insgesamt fünf Terminen) von zuvor acht Stunden auf rund 30 Stunden im Jahr 2020 erhöht. „Des Weiteren ist es sehr viel schwieriger, einen guten Kontakt zu und auch einen Eindruck von Klientinnen und Klienten zu bekommen, die man nicht sieht, wo Mimik und Körperausdruck fehlen oder auch ‘ein gewisser Geruch in der Luft...’“, erläutert Dohmeyer-Mehlan. Dies gelte sowohl für den Therapie- als auch den Beratungsbereich.

Auch später konnten die beratenden und therapeutischen Angebote wegen des größeren Abstandsgebots nur mit verringerter Teilnehmerzahl laufen. „Ob die geringere Kontaktzahl auch etwas mit den eben im Corona-Jahr generell weniger stattgefundenen Kontakten in der gesamten Gesellschaft zu tun hat, lässt sich nur vermuten“, schreibt Kerstin Dohmeyer-Mehlan. In Zahlen ausgedrückt verzeichnete die Fachstelle 1274 Gruppenkontakte innerhalb des Berichtszeitraums 2020 – 557 weniger als 2019. (Da waren es den Angaben zufolge noch 1 910 Gruppenkontakte). Demgegenüber ist die Anzahl der Einzelgespräche um 151 auf 2 500 (2019: 2 349 Einzelgespräche) gestiegen.

Im Lauf des vergangenen Jahres habe dies aufgrund neuer Verordnungen schon anders ausgesehen: „Wir machen alles möglich, um Gespräche in Präsenz anbieten zu können“, betont Gronewold. In der Fachstelle gelte derzeit die 3G-plus-Regel, also eine Testpflicht für alle Besucher. „Denn es ist logisch, dass wir auch Ungeimpfte beraten und behandeln“, so Gronewold. Das Gruppenangebot blieb im Jahr 2021 durchgängig geöffnet, es gilt aber immer noch eine Obergrenze von neun Teilnehmern (zuvor waren es zwölf) – „außer in Verden, da können wir größere, kirchliche Räume mitnutzen“.

Mehrarbeit und erhöhte Anforderungen an die Mitarbeiter bestimmten weiterhin das Bild. „Durch die Hygienevorschriften müssen die Mitarbeiter viel drumherum organisieren“, so Gronewold. So müssten sie Tests vorhalten und ablesen, rechtzeitig lüften und ein höheres Einfühlungsvermögen an den Tag legen. Denn Gronewold zufolge steht die Beratungsklientel mehr unter Spannung als vor der Krise.

Hinzu kommt der Fachkräftemangel, der sich laut Gronewold schon vor der Pandemie abzeichnete. Die Personalsuche erinnere derzeit an die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Bedarf bestehe besonders in den Bereichen Suchtberatung und ambulant betreutes Wohnen, einem weiteren Bereich der Fachstelle. Wer als Klient das ambulant betreute Wohnen in Asnpruch nehmen möchte, der muss sich laut Gronewold auf eine lange Warteliste einstellen – mit entsprechenden Folgen für den seelischen Zustand der Betroffenen. „Das war schon vorher unsere Befürchtung, dass Menschen, die sich auch sonst isolieren, durch die Pandemie noch weniger rauskommen“, sagt sie.

Unter den Suchtmitteln steht übrigens Alkohol (mit 68,74 Prozent) weiterhin auf Rang 1 – „allzeit verfügbar, finanziell günstig und sozial anerkannt“. Dahinter folgen, im ähnlichen Abstand wie schon 2019, illegale Drogen, Glücksspielsucht und Mischkonsum. „Eine erkennbare Steigerung gab es hingegen im Bereich der exzessiven Mediennutzung. Hier zeichnete sich in den letzten Jahren (2017: 0,85 Prozent; 2018: 1,17 Prozent; 2019: 2,61 Prozent und 2020: 4,91 Prozent) ein deutlicher Trend ab, der unter anderem durch das veränderte Mediennutzungsverhalten während der Pandemie vermutlich in den kommenden Jahren auch noch eine weitere Ausbreitung erfahren wird“, lautet Dohmeyer-Mehlans Prognose.

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