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Weitere Rodungen für Schule und Sport?

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Von: Michael Mix

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Auf dieser Grünfläche im Randbereich des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums und der Realschule will der Landkreis eine Halle für den Schul- und Vereinssport errichten.
Auf dieser Grünfläche im Randbereich des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums und der Realschule will der Landkreis eine Halle für den Schul- und Vereinssport errichten. © Mix

Achim – Torpedieren in Achim die Schaffung besserer Bildungsmöglichkeiten und Sportangebote den Klima- und Naturschutz? Konfliktpotenzial ist in diesem sensiblen Spannungsfeld rund um das Schulzentrum und den nach dem jüngsten Kahlschlag für einen sturmsicheren Zugverkehr ziemlich nackt dastehenden Schienenstrang auf jeden Fall vorhanden. Der Naturschutzbund (Nabu), mit rund 1 000 Mitgliedern einer der größten Vereine in Achim, sieht die kleine grüne Lunge mitten in der Stadt in Gefahr und schlägt Alarm.

„Die Baumfällungen an der Bahnstrecke sind nicht isoliert zu betrachten“, sagt Tobias Tschierse vom Nabu Achim. „Sie werden flankiert von weiteren umfangreichen Rodungen in unmittelbarer Nähe, die entweder bereits erfolgt oder schon vorgesehen sind.“ Tschierse verweist auf das Abholzen von Bäumen für das neue Lernhaus der IGS. Weitere „Baufeldräumungen“ auf dem dortigen Schulgelände werde es für die geplante Mensa und eventuell auch für ein Oberstufengebäude sowie ein Stück weiter für die neue Gymnasialsporthalle geben. „Die Gesamtheit dieser Entnahmen führt zu einer signifikanten Verschlechterung des Mikroklimas in diesem Bereich Achims und verstärkt beispielweise auch die sogenannte Krähenproblematik in Achim-Nord“, sagt der Nabu-Aktivist.

Vor allem der Wegfall eines Teils der Grünfläche auf der Rückseite des Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasiums, die vom früheren Lehrer und ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten des Landkreises Gustav Schindler mit entwickelt worden sei, wäre aus Sicht von Tschierse aus verschiedenen Gründen schade. Der großzügig und naturnah angelegte Schulhof mit seinen zahlreichen Bäumen und Sträuchern habe nicht nur ökologischen Wert, sondern diene in den Pausen oder in Freistunden natürlich auch der Erholung und Bewegung an frischer Luft. „Die Schülerinnen und Schüler brauchen die Fläche“, sagt Tobias Tschierse. „Außerdem gibt es im Umfeld doch schon vier, fünf Sporthallen.“

Bedarf für eine weitere bestehe sehr wohl, meint dagegen „Cato“-Leiter Dr. Stefan Krolle. „Wir arbeiten mit dem Gymnasium am Markt zusammen und wollen in zwei Jahren gemeinsam mit dem Gamma ein Sportabi anbieten. Dafür reichen die jetzigen Hallenkapazitäten nicht aus.“ Deshalb sei er froh, dass am östlichen Rand des Schulhofs, also in Richtung der Realschule, der Neubau erfolgen solle. Der Großteil der Grünfläche bliebe damit erhalten.

Die Halle alternativ auf dem benachbarten Rasenplatz oder dem Kleinspielfeld zu errichten, wie es Tschierse vorschlägt, davon hält Krolle nichts. Die 2 500 bis 3 000 Schülerinnen und Schüler des Schulzentrums benötigten diese Flächen im Sommerhalbjahr für sportliche Aktivitäten an frischer Luft.

Begeistert zeigt sich der Direktor des Cato-Gymnasiums von dem jetzt erfolgenden „Stückwerk“ und „Zubauen“ allerdings auch nicht. „Die Weichen sind früher falsch gestellt worden“, merkt Krolle an. Für das Achimer Schulzentrum hätten seiner Ansicht nach schon vor Jahrzehnten mindestens eine große Sporthalle und Mensa mit geplant und verwirklicht werden müssen. „Dann müssten wir diese Diskussion jetzt nicht führen.“

Zumindest die Halle ist vom Kreistag längst beschlossene Sache. Und alle größeren Fraktionen haben zugestimmt, auch die Achimer Vertreter. Warum sie in dieser Frage eher nicht die Position des Nabu teilen, begründen vier Kommunalpolitiker unterschiedlicher Couleur auf Nachfrage dieser Zeitung.

Am „Cato“ eine neue Schulsporthalle zu bauen, sei eine „absolute Notwendigkeit“, sagt die CDU-Kreistagsabgeordnete Isabel Gottschewsky. „Es werden dadurch dringend notwendige Hallenkapazitäten gerade auch für Kinder und Jugendliche im Vereinssport geschaffen.“ Der Standort sei von allen Beteiligten sorgfältig abgewogen worden.

Gottschewsky nimmt die vom Nabu geäußerte Kritik aufs Korn. „Uns erscheint ein Ausspielen von Kindern und Jugendlichen gegen Natur als sehr polemisch und nicht zielführend.“

Den „Gewinn für den Vereinssport“ führt auch Herfried Meyer (SPD) als Argument für die Halle an. Und wenn ein Gebäude dieser Größe, immerhin 60 mal 40 Meter, also 2 400 Quadratmeter, verwirklicht wird, sei es schon ein „Glücksfall“ für das Gymnasium, „wenn so etwas auf dem vorhandenen Gelände umgesetzt werden kann, womit insbesondere kurze Wege zwischen der künftigen Halle und der Schule gesichert sind“.

Der Sozialdemokrat spricht aber auch einen ökologischen Aspekt bei dem Vorhaben an. Die Halle soll nach seinen Angaben „entsprechend der energetischen Anforderungen eines KfW-Standards 40, das heißt 40 Prozent Energieverbrauch dessen, was ein vergleichbar konventionell hergestellter Baukörper verbraucht, gebaut werden“. Dazu biete sich, wie für die übrigen Schulgebäude auf dem Campus, ein Anschluss an die vorhandene Fernwärme an. Im Zuge der weiteren Planungen werde zu prüfen sein, „ob vor Ort eine Kompensation der dann entfallenen Baumgruppe sinnvoll und möglich ist“.

Selbst die Grünen-Kreistagsfraktion um den Achimer Lennart Quiring begrüßt „grundsätzlich“ die Planung einer weiteren Sporthalle. „Die bisherigen Kapazitäten für Schul- und Vereinssport in Achim sind nicht ausreichend, der Bedarf ist somit gegeben“, sagt er.

Mit der Platzierung seien die Grünen allerdings unglücklich. „Erstens geht den Schülerinnen und Schülern Fläche auf dem Schulhof verloren, und zweitens müssen für den Bau der Sporthalle einige alte Eichen gefällt werden.“ Im Schulausschuss habe die Fraktion daher nach der Prüfung weiterer Standorte gefragt. „Die Kreisverwaltung sagt, sie habe alternative Standorte geprüft und die vorgelegte Lösung sei die beste aller Varianten, allerdings ohne auch die Unterlagen zur Prüfung der alternativen Standorte vorzulegen“, teilt Quiring mit. Die Halle habe einen großen Flächenbedarf, der auch darauf zurückgehe, dass die Stadt eine weitere Turnhalle mit Tribüne als zwingend erforderlich erachte. „Dieser Bedarf ist für uns zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht nachvollziehbar.“

Der Großteil des naturnah angelegten Schulhofs soll erhalten bleiben.
Der Großteil des naturnah angelegten Schulhofs soll erhalten bleiben. © -

Christoph Pein, Vorsitzender der FDP-Kreistagsfraktion, argumentiert vor allem mit dem gesundheitlichen Nutzen einer neuen Sportstätte. „Zwei Millionen Kinder in Deutschland sind übergewichtig, 800 000 davon sogar adipös.“ Insbesondere die Fälle von schwerem Übergewicht unter den Jüngsten hätten in den letzten Monaten der Corona-Pandemie stetig zugenommen. „Wenn zeitgleich Kinder und Jugendliche durch fehlende Sportmöglichkeiten von Bewegung abgehalten werden, geht das nicht nur auf Kosten der Gesundheit, sondern behindert auch die Gesamtentwicklung der nächsten Generation“, sagt Pein.

Kritik gehöre zur Demokratie dazu wie das Salz in der Suppe – allerdings müsse sie im Prozess auch rechtzeitig angebracht und mit stichhaltigen Alternativen präsentiert werden, merkt der Liberale aus Achim an und fügt hinzu: „Sollte der Nabu tatsächlich einige Bäume über die Sporthalle oder gar eine weitere Bildungsstätte stellen, muss er dringend seine Prioritäten überprüfen.“

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