Bestseller-Autor David Safier präsentiert Hörspiel

„Warum schreiben Sie nichts Lustiges über den Holocaust?“

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Achim - „Warum schreiben Sie nicht mal was Lustiges über den Holocaust?“, fragten Journalisten den Bestseller-Autor, Emmy- und Grimme-Preisträger David Safier bei einer Pressetournee zu seinem im Ghetto spielenden Erfolgsbuch „28 Tage lang“. Eine eher makabre Frage; aber warum nicht, dachte der Autor.

Entstanden ist so letztlich das Radio Bremen-Hörspiel zur Komödie „Die Liebe sucht ein Zimmer“, die gestern vor 76 Jahren von Juden im Femina-Theater des Warschauer Ghettos aufgeführt worden war. Gestern präsentierte sich der Erfolgsautor mit seinem Hörspiel Schülern des Gymnasiums am Markt im Blauen Saal des Kulturhauses Alter Schützenhof.

Nach der Frage in Spanien erinnerte David Safier sich, dass er bei seinen Recherchen zum Werk „28 Tage lang“ von einer Jüdin erfahren hatte, dass trotz Terror, Todesangst und Typhus von Juden im Warschauer Ghetto diese Komödie aufgeführt worden war. Weitere Recherchen brachten ihn zu damals Beteiligten, alten Dokumenten und letztlich zur Rekonstruktion dieses Theaterstücks als preisgekröntes Hörspiel der ARD.

Die Komödie ist banal, eine Mischung aus Millowitsch- und Ohnesorg-Theater auf Polnisch: Zwei jung verheiratete Paare, die sich wegen der Wohnungsnot im Warschauer Ghetto ein Zimmer teilen müssen und sich dann über Kreuz ineinander verlieben.

Die Theaterakteure und Zuschauer in Warschau wussten, dass sie bald sterben beziehungsweise ermordet werden, dass sie bald keine Schmetterlinge mehr erleben

Sie wollten noch leben, lieben und lachen

werden, doch sie wollten noch leben, lieben und lachen. Fehlenden Lebenssinn ersetzten sie sich auch mit einer Überdosis Fuselalkohol.

So gab es im Warschauer Ghetto, was eher ein eingemauertes, eingezäuntes, bewachtes Riesengefängnis für 400 000 deportierte und schließlich im Konzentrationslager vernichtete Juden aus Europa war, eine ganze Reihe solcher von den Nazis geduldeter oder heimlicher Künstlerauftritte. Die ausgehungerten, ausgebeuteten, dem Tode Geweihten erfreuten sich daran nach dem Motto: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“

Den Schülern des Marktgymnasiums dagegen blieb gestern weitgehend noch nicht einmal das Lachen im Halse stecken, es kam erst gar nicht auf. Sie hatten wie fast alle Hörer das Wissen und die Bilder vom Grauen im Kopf.

Die Komödie „Die Liebe sucht ein Zimmer“ wurde nur einmal an jenem 26. Januar vor 76 Jahren aufgeführt. Die zum Teil berühmten Schauspieler waren wenig später tot.

Gebannt verfolgten die Marktgymnasiasten die heute gar nicht mehr so lustige Komödie.

Ein Aufstand der letzten im Ghetto verbliebenen Juden war von der SS brutal niedergeschlagen, fast alle Bewohner umgebracht und der Stadtteil niedergebrannt worden. Am 16. Mai 1943 hatte der SS-Brigadeführer telegrafiert: „Der ehemalige jüdische Wohnbezirk Warschaus besteht nicht mehr. Mit der Sprengung der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet. Meine Leute haben ihre Pflicht einwandfrei erfüllt. Ihr Kameradschaftsgeist war beispiellos.“

David Safir hat die Komödie im Vorort der Hölle anhand einer Übersetzung aus dem Polnischen, mit viel Feingefühl, nicht zu wenig und nicht zu viel Humor als Hörspiel in Szene gesetzt.

„Wie fühlt man sich dabei, das ist doch surreal?“, fragt ein Schüler, „Nun“, sagt der Autor, „die Leute wollten sich ablenken vom furchtbaren Alltag. Das Andere muss man natürlich immer mitdenken.“ Das Andere ist der Holocaust.  

 mb

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