1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Verden
  4. Achim

„Warum musste es gleich Kahlschlag sein?“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Michael Mix

Kommentare

Einige Bäume bleiben stehen. Dort wird der Rad- und Fußweg in geteilter Weise verlaufen.
Einige Bäume bleiben stehen. Dort wird der Rad- und Fußweg in geteilter Weise verlaufen. © -

Achim – Strecken mit dem Fahrrad oder dem Zug zurückzulegen, ist für das Klima und die Umwelt bekanntlich besser als mit dem Auto zu fahren. Aber wenn für von Wetterkapriolen ungestörten Bahnverkehr und einen neuen Radschnellweg Hunderte Bäume der Säge zum Opfer fallen? In Achim passiert das gerade, was manch einen auf die Palme bringt. Der Naturschutzbund (Nabu) ist bei dem Aufregerthema längst alarmiert, sieht jedoch auch eine schwierige Gemengelage.

„Wir sind da im Konflikt“, bekennt Lisa Beulshausen, Sprecherin der Nabu-Gruppe Achim, auf Nachfrage, kritisiert aber auch das Verhalten der Stadt Achim.

Dass die Bahn aus Gründen der Verkehrssicherheit Bäume, die bei Sturm ins Gleisbett oder auf die Oberleitung stürzen könnten, entfernen lasse, sei verständlich, „aber muss es denn gleich ein Kahlschlag sein?“, fragt die Aktivistin. „Wir würden es besser finden, wenn dort sukzessive gefällt würde.“ Nach Meinung von Beulshausen hätte die Stadt den „radikalen Schnitt“ der Bahn verhindern können. Denn immerhin rund die Hälfte der 650 Bäume, die in diesem Jahr entlang der Gleise in Achim beseitigt werden sollen, weil sie den von der Bahn vorgegebenen Mindestabstand von zweieinhalb Metern zu Masten und drei Metern zu Oberleitungen unterschreiten, falle unter die städtische Baumschutzsatzung. Doch diesen Hebel der Einflussnahme habe die Verwaltung leider nicht genutzt. „Die Stadt hat den Antrag der Bahn, 326 Bäume vom Schutz durch die Satzung zu befreien, mal eben genehmigt.“ Ohne vorher Rücksprache mit dem Nabu zu halten. Trotz in dieser Angelegenheit frühzeitiger Terminanfrage noch im November und erneuter Nachfrage im Dezember, sei ein Gespräch mit dem Baumschutzbeauftragten Heiko Haase und dessen Kollegin Britta Dräger erst am 20. Januar zustande gekommen, beklagt Beulshausen. „Da waren die Arbeiten längst im Gange. Das fanden wir sehr ärgerlich.“

Beulshausens Mitstreiter Tobias Tschierse hebt den Wert der kleinen grünen Oase mitten in der Stadt hervor. „Die Bäume am Bahndamm sind nicht nur Lebensraum für Vögel und andere Tiere, sie verbessern das Mikroklima durch Verdunstungskälte und Schatten, spenden Sauerstoff, binden die Feinstaubemissionen der Bahn und mindern den Lärmeintrag in die angrenzenden Wohngebiete“, erläutert er.

Tschierse rät im Übrigen davon ab, die von der Bahn und der Stadt versprochenen Nachpflanzungen noch im Frühjahr vorzunehmen. „Da besteht das hohe Risiko, dass aufgrund des in den Sommermonaten häufig mangelnden Niederschlags alles vertrocknet. Besser wäre es, im Herbst zu pflanzen.“ Tschierse verweist auf diesbezügliche Erfahrungen nach einer Fällaktion vor wenigen Jahren. „Eine nachgepflanzte Wildstrauchhecke am Bahndamm ist 2019 vertrocknet.“

Zig Bäume und Büsche weichen in diesen Wochen darüber hinaus ebenfalls für den Radschnellweg, der insgesamt sechseinhalb Meter breit wird. Aber bei diesem Projekt zeige der städtische Verkehrsplaner Stefan Schuster immerhin auch Fingerspitzengefühl in Sachen Naturschutz, lobt Lisa Beulshausen. „Auf dem Abschnitt zwischen dem Badener Bahnhof und Ueser Schafkoven wird der dazugehörende Fußweg zum Teil separat angelegt, um Bäume zu erhalten.“

Die Stadt Achim weist die gegen sie vom Nabu erhobenen Vorwürfe zum Teil zurück, gibt aber auch Fehler in der Angelegenheit zu. Das Gespräch mit dem Baumschutzbeauftragten sei wegen „hoher Arbeitsbelastung und Urlaub zu der Zeit“ nach hinten verschoben worden, antwortet Steffen Zorn, Leiter des Fachbereichs Bauen und Stadtentwicklung, auf Nachfrage. „Wir haben zu spät reagiert“, räumt er ein. „Taktik steckt garantiert nicht dahinter“, versichert Zorn. Im Übrigen habe es im Vorfeld der Fällmaßnahmen an der Bahnstrecke eine „breite Öffentlichkeitsarbeit zu dem Thema“ gegeben. Mit der Politik und der Naturschutzbehörde beim Landkreis sei das Vorhaben erörtert worden, sagt Zorn, stellt jedoch sogleich fest: „Letztenendes hatte die Stadt keine Handhabe, eine Fällung in diesem Ausmaß zu verhindern.“ Die Baumschutzsatzung sei nur ein „schwaches Schwert“. Bundesgesetze hebelten diese aus. „Unter dem Deckmantel der Verkehrssicherungspflicht können an Bahnstrecken, genauso wie an Autobahnen, praktisch alle dort im Wege stehenden Bäume gefällt werden.“

Auch er freue sich nicht über den „Kahlschlag“ im Abschnitt zwischen dem Achimer Bahnhof und dem Schulzentrum. „Ich kann den Unmut des Nabu in diesem Punkt verstehen“, merkt Zorn an. „Es wäre besser gewesen, Bäume nach und nach zu entfernen.“

Und, klar, nun habe die Stadt außerdem noch parallel damit begonnen, die Trasse für den geplanten Radschnellweg von Uphusen bis Baden freischlagen zu lassen. Dabei beansprucht die auch noch mehr Platz als lange von der Verwaltung kommuniziert worden war. „Nach der Vorgabe des Förderprogramms des Bundes müssen wir neben dem vier Meter breiten Radweg auch noch einen zwei Meter breiten Fußweg und eine Entwässerungsmulde, etwa einen halben Meter breit, anlegen.“

Eine Schneise für den Radschnellweg schlagen Arbeiter des Landwirtschaftsbetriebs Hünecke zwischen der Rückseite des Gewerbeparks Uesen und der Bahnstrecke.
Eine Schneise für den Radschnellweg schlagen Arbeiter des Landwirtschaftsbetriebs Hünecke zwischen der Rückseite des Gewerbeparks Uesen und der Bahnstrecke. © Mix

Dass all das jetzt auf einen Schlag passiert, ist nach Angaben von Zorn aber nicht zuletzt auch dem Natur- und vor allem Wildtierschutz geschuldet. „Baumfällungen und Strauchschnitt müssen vor Beginn der Brut- und Setzzeit am 1. März erfolgen.“

Zum Radschnellweg, aber auch zu anderen Themen, sollen Gespräche mit dem Nabu „in regelmäßigen Abständen, unter Berücksichtigung der vorhandenen personellen Ressourcen in unserem Hause, fortgeführt werden“, teilt der Fachbereichsleiter noch mit. Und über den Stand des Zehn-Millionen-Euro-Projekts, bei dem es im Badener und Uphusener Bereich noch in Sachen „Grundstücksverfügbarkeit“ hapere, werde in der öffentlichen Sitzung des Ratsausschusses für Wirtschaft, Stadtentwicklung und Klimaschutz am 1. März ausführlich informiert.

Auch interessant

Kommentare